Pferdesport:Vier Beine und ein gutes Auge

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Pferdesport: Zentimetergenau übers Hindernis: Sieger Michael Jung bei den Deutschen Meisterschaften in Luhmühlen.

Zentimetergenau übers Hindernis: Sieger Michael Jung bei den Deutschen Meisterschaften in Luhmühlen.

(Foto: Marcus Brandt/dpa)

Eine Frage der Berechnung: Michael Jung hat in Luhmühlen abermals seine Ausnahmestellung als Vielseitigkeitsreiter bewiesen.

Von Gabriele Pochhammer, Luhmühlen

Der Mann, der über die Wiesen rund um den Heideort Luhmühlen reitet, hat es sichtbar eilig. Er lehnt sich nach vorne, die Zügel sind ganz lang, das Pferd galoppiert zum nächsten Hindernis an, und fliegt darüber. Es scheint alles alleine zu machen. Das sieht natürlich nur so aus. In Wirklichkeit hat Michael Jung, der gerade auf dem Weg zu seinem dritten nationalen Titel ist, schon von weitem die richtige Distanz zum Hindernis erkannt und lässt den elfjährigen Highlighter einfach hinlaufen.

Nach der 3810 Meter langen Geländestrecke, zu reiten in 6:41 Minuten, brachte er am Sonntag im Springparcours den Titel nach Hause, der einzige Reiter der Viersterne-Prüfung, der mit seinem Dressurergebnis abschloss. "Ich bin sehr zufrieden, dass sich mein Pferd weiter so gut entwickelt hat", waren die moderaten Worte des Erfolgsverwöhnten. Für Dirk Schrade auf dem zwölfjährigen Holsteiner Casino blieb der Silberplatz. Das Paar hat sich damit in die engere Auswahl für die Weltmeisterschaft Mitte September in Pratoni del Vivaro in der Nähe von Rom geritten. Die Bronzemedaille ging an die Weltmeisterin von 2018, Sandra Auffahrt, auf ihrem Zweitpferd, dem neunjährigen Rosveel. Die Fünfsterne-Prüfung gewann Schweizer, Felix Vogg auf Colero. Die einzigen deutsche Starterin gab auf, alle andere hatten die Viersterne-Prüfung, die offene deutsche Meisterschaft, vorgezogen.

Suchen muss Jung seine Pferde nicht mehr - sie kommen zu ihm

"Er hat ein gutes Auge, er sieht schon von weitem, ob's passt," sagen die Reiter, wenn sie sich mal wieder fragen, was Michael Jung hat, was sie nicht haben. Aber das würde nicht reichen. Der dreimalige Olympiasieger, zweimalige Weltmeister und neunmalige Europameister verfügt über ein einmaliges Balancegefühl und kann seine Pferde in allen drei Teilprüfungen, Dressur, Gelände und Springen, perfekt ausbilden. Suchen muss Michael Jung seine Pferde heute nicht mehr, sie kommen zu ihm. Erst per Video, wenn es gefällt, darf der Pferdebesitzer seinen Vierbeiner Richtung Schwäbische Alb verladen und in Horb der Familie Jung vorführen. Nur die Besten dürfen bleiben. Jung hat elf Fünfsterne-Prüfungen gewonnen, diese schwerste Kategorie, von denen es nur eine Handvoll auf der Welt gibt. "Michi hat uns alle inspiriert und die Latte für alle höher gelegt", sagt sein Konkurrent, der US-Reiter William Coleman.

Rund 50 Geländekurse reitet Jung nach eigenen Angaben im Jahr, auf Rasen, auf Sand, bergauf, bergab, geradeaus oder um viele Ecken. Das ist wenig im Vergleich zu seinen Konkurrenten aus Großbritannien, die bei jedem Geländeturnier mindestens zwei Pferde an den Start bringen. Es ist viel im Vergleich zu Jungs Mitbewerbern im eigenen Land. Die meisten kommen höchstens auf zwei Dutzend Geländestarts im Jahr, manchmal weniger.

"Wir haben genügend gute Reiter", sagt Peter Thomsen, "aber viel zu wenig Pferde." Seit Jahresbeginn ist der 61-Jährige Bundestrainer der deutschen Vielseitigkeitsreiter. Er bringt 30 Jahre Erfahrung mit in sein Amt, darunter Mannschaftsmedaillen in Welt- und Europameisterschaften und zweimal Teamgold bei Olympischen Spielen. Nun könnte man meinen, es gibt genügend Pferde in Deutschland, auf jeder Weide entlang der Autobahn laufen doch ein halbes Dutzend. Aber die, die sich für den Vielseitigkeitssport eignen, sind nur ganz wenige. Für sie stehen die Kaufinteressenten Schlange. "Ein Fünfsterne-Pferd kostet eine siebenstellige und ein Viersterne-Pferd eine sechsstellige Summe," sagt Thomsen. Er selbst hat jahrelang mit Buschpferden gehandelt und auch gut ins Ausland verkauft. Jetzt werde er versuchen, die guten Pferde im Lande zu halten, verspricht er.

Erfolgreiche Reiter müssen immer wieder junge Pferde heranziehen

Übelnehmen kann er es keinem Reiter, wenn er einem hohen Angebot nicht widerstehen kann. "Jeder Turnierstart inklusive Fahrtkosten kostet pro Pferd rund 1500 Euro", rechnet er vor. "Bei drei Pferden macht das 4500 Euro und wenn du dann 500 Euro gewinnst .... oder du findest einen Sponsor, der dir hilft." Reiter können jahrzehntelang erfolgreich sein, "vorausgesetzt, sie ziehen sich immer wieder junge Pferde heran", sagt Thomsen. "So wie Michi oder Ingrid Klimke." Die dreimalige Europameisterin startet erst beim CHIO Aachen in zwei Wochen, wie auch Tokio-Siegerin Julia Krajewski und Jung mit seinem Olympiapferd Chipmunk. Für die kommende Weltmeisterschaft in Italien bleibt der Bundestrainer Realist und Optimist zugleich. "Ich glaube nicht, dass wir die Briten im Moment schlagen können, wir kämpfen um Teamsilber." Michael Jung, davon kann man ausgehen, will mehr: den Weltmeistertitel.

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