EM im Springreiten„Ohne Frauen hätten wir kein Team hier“

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„Man muss auch mal was riskieren“: Sophie Hinners mit Iron Dames my Prins in Spanien.
„Man muss auch mal was riskieren“: Sophie Hinners mit Iron Dames my Prins in Spanien.
Stefan Lafrentz/Imago
  • Bei der Springreit-EM in A Coruña sind knapp ein Drittel der 89 Starter Frauen, so viele wie nie zuvor bei einem Championat.
  • Das Gesicht des Pferdesports ist zunehmend weiblich, frühere Vorurteile gegenüber Reiterinnen im Spitzensport scheinen überwunden.
  • Für eine Karriere im Springsattel sind neben Talent oft finanzielle Mittel oder Förderung nötig.
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Bei der Springreit-EM in Spanien sitzen so viele Frauen im Sattel wie nie zuvor. Dahinter steckt ein Trend: Das Gesicht des Pferdesports ist weiblich – und Vorurteile sind scheinbar überwunden.

Von Gabriele Pochhammer, A Coruña

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„Ohne Frauen hätten wir kein Team hier“, sagt die Schwedin Maria Gretzer, vormals eine Topreiterin, die gerade bei den Springreit-Europameisterschaften in A Coruña als TV-Kommentatorin unterwegs ist. Die besten Reiterinnen und Reiter Schwedens waren aus verschiedenen Gründen für das Turnier ausgefallen – und fünf Frauen rückten nach. Die EM, ein Jahr vor den Weltmeisterschaften in Aachen, bietet sich an, auch weniger bekannten Gesichtern eine Chance zu geben – und das Gesicht des Pferdesports ist weiblich, das kann man in jedem Reitstall sehen.

Doch nur wenige der vielen Mädchen, die ihre Freizeit zwischen Mistkarre und Sattel verbringen, landen im Spitzensport. Lange wollten Equipechefs Frauen nicht so gerne im Team haben, man traute ihnen die Nervenstärke und Entschlossenheit nicht zu, die es für ein mehrtägiges Championat braucht. Erst in Rom 1960 durfte erstmals eine Frau im olympischen Springen mitreiten, die Britin Pat Smythe. Dressur hatte man ihnen schon in Helsinki 1952 gestattet, Vielseitigkeit erst in Tokio 1964. Zu gefährlich, schlecht für die Fortpflanzungsorgane, befanden damals die – natürlich männlichen – Experten. Die gebürtige US-Amerikanerin Meredith Michaels Beerbaum schaffte es im Jahre 1999 als erste Frau in ein deutsches EM-Team.

Inzwischen hat sich viel geändert. Es gibt keine gläserne Decke mehr. In A Coruña sind knapp ein Drittel der 89 Starter Frauen, so viele waren es noch nie bei einem Championat. Fragt man sie, ist die Antwort immer ähnlich: „Wenn du ein gutes Pferd hast und die entsprechenden Erfolge, dann spielt es überhaupt keine Rolle, ob du eine Frau bist oder ein Mann. Dann kriegst du deine Chance“, sagt die Schweizerin Nadja Peter Steiner. Die 40-Jährige hat mehrfaches Glück: Sie verfügt nicht nur über das nötige Talent, sondern auch ein gut betuchtes Elternhaus, eine sehr hilfreiche Beigabe für eine Karriere im Springsattel. Als Überraschungsgeschenk präsentierte ihr die Mutter im Januar dieses Jahres die 13-jährige Mila, die Schimmelstute, mit der Ludger Beerbaum in Aachen 2023 seine Karriere beendet hatte. Sie war sich so sicher, dass das Pferd für ihre Tochter passte, dass sie es ohne Probereiten oder Tierarzt-Check kaufte. In A Coruña gab sie mit einer schnellen Nullrunde einen vorzüglichen Einstand im Eidgenossen-Team. Reiche Eltern, die das Hobby ihrer talentierten Tochter mit teuren Pferdekäufen fördern, gerne auch für siebenstellige Summen – das ist der eine Weg in den Spitzensport. Ihn sind auch Promi-Töchter aus den USA wie Eve Jobs, Jennifer Gates oder Jessica Springsteen gegangen.

„Die Frauen weinen schnell, die Männer werden wütend.“

Sophie Hinners, 28, die zum ersten Mal im deutschen Championatsteam reitet, musste es anders versuchen. Sie begann ihre Karriere als Kind bei Verwandten auf dem Bauernhof, fiel dem niedersächsischen Profi Hergen Volkert auf, der sie schließlich an den niederländischen früheren Topreiter und jetzigen Pferdehändler Emile Hendrix vermittelte. Der Faden zur Welt des Spitzensports war geknüpft. Dort bekam Hinners aufgrund ihres Talents immer bessere Pferde unter den Sattel und konnte sich einen Namen machen. Inzwischen betreibt sie mit ihrem Lebensgefährten Richard Vogel, auch er im deutschen EM-Team, in Pfungstadt einen Springstall.

Im Zeitspringen am ersten Tag kassierte sie mit Iron Dames My Prins nach einem riskanten Wendemanöver einen Abwurf in der ansonsten makellosen Runde. „Man muss auch mal was riskieren, wenn man nach vorne kommen will. Der längere Weg hätte mich ebenso viele Fehlerpunkte gekostet“, analysierte sie nüchtern. Dass Frauen andere, sensiblere Pferde als Männer brauchen, hält sie für ein Gerücht. Feines Reiten ist für sie kein weibliches Privileg. „Es gibt auch Männer, die mit viel Gefühl reiten.“

Sophie Hinners ist jung genug, um die gewaltigen Springmaschinen wie Warwick Rex, mit dem Alwin Schockemöhle in grauen Vorzeiten Olympiasieger wurde (1976), nicht mehr zu kennen. „Auf diese Pferde würde man kein Mädchen setzen“, sagt Karsten Huck, Olympiadritter von Seoul 1988 und in A Coruña als Privattrainer dabei. „Unsere Pferde heute sind viel sensibler.“ Huck bildet überwiegend Frauen aus. Es gebe schon gewisse Unterschiede, vor allem, wenn Probleme auftauchten, die in keinem Sport ausbleiben. „Bei den Frauen braucht man mehr Psychologie“, findet Huck: „Die Frauen weinen schnell, die Männer werden wütend.“ Bleibt die Frage: Was ist den Pferden wohl lieber?

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