Missbrauch im Pferdesport:Fit gespritzt und zu Tode gehetzt

Wadi Rum Jordanien Lawrence von Arabien

Durst und Dürre: Distanzritte durch die Wüste, oft über mehr als hundert Kilometer wie hier in Jordanien, sind für Pferde eine Tortur.

(Foto: Ali Jarekji/Reuters)

Auf über 50 Seiten sind die Qualen niedergeschrieben, die der Schimmel Castlebar Contraband ertragen musste. Der Weltverband FEI sperrt seinen Reiter für 20 Jahre - und hofft auf einen Signaleffekt.

Von Gabriele Pochhammer

Am rechten Vorderbein des Schimmels klaffte eine Wunde, nur die Haut hielt die zertrümmerten Knochen noch zusammen. Und doch schien Castlebar Contraband kaum Schmerz zu verspüren, er versuchte sogar, das gebrochene Bein zu belasten. Da so eine schwere Verletzung irreparabel ist, wurde das Pferd noch an Ort und Stelle eingeschläfert.

Fast vier Jahre nach seinem Tod bei einem Distanzritt in Fontainebleau im Oktober 2016 fällte die Internationale Reiterliche Vereinigung (FEI) nun ein Urteil von nie dagewesener Härte: Scheich Abdul Aziz Bin Faisal Al Qasimi aus den Vereinigten Arabischen Emiraten wird für zwanzig Jahre gesperrt und muss 37 000 Schweizer Franken zahlen, davon 15 000 als Prozesskostenbeteiligung. Dem Reiter wird vorgeworfen, die Beine seines Pferdes künstlich schmerzfrei gespritzt und damit den Ermüdungsbruch herbeigeführt zu haben. Der Unfall passierte auf freier Strecke, wenige hundert Meter nach dem tierärztlichen Check, bei dem Castlebar keine Lahmheit gezeigt hatte.

In der Blutprobe, die nach seinem Tod genommen wurde, fand sich die Substanz Xylazine. Sie gilt als verbotene Medikation, darf im Wettkampf nicht eingesetzt werden, wirkt betäubend, schmerzstillend und entspannt die Muskulatur. Außerdem senkt das Mittel die Herzfrequenz, weswegen es auch eingesetzt wird, um den Puls des Pferdes in den Zwangspausen schneller herunterzufahren. Auf mehr als 50 Seiten zeichnet das Gerichtsprotokoll den Leidensweg von Castlebar nach, der lange vor jenem Oktobertag begann.

Das FEI-Tribunal sah es als erwiesen an, dass das Bein schon im Training, sowie vor und während des Rittes künstlich desensibilisiert worden war, um die Schmerzen, die durch eine Arthrose im rechten Fesselgelenk verursacht wurden, zu überdecken. Durch die Blockade der Nerven fühlt ein Pferd keinen Schmerz mehr, der es vor Überanstrengung warnen könnte. "Dadurch wächst das Risiko einer katastrophalen Verletzung. Bei einer Ermüdung des Knochens kommt es dann zu Stressfrakturen", erklärt der oberste FEI-Tierarzt Göran Akerström.

Dem Problem der künstlichen Desensibilisierung ist die FEI lange auf der Spur, sichere Nachweismethoden fehlten bislang. Zur Zeit wird ein neues Verfahren bei Distanzritten erprobt. Über eine an den Vorderbeinen befestigte Manschette wird mit komprimierter Luft Druck ausgeübt. Reagiert das Pferd gar nicht oder zu wenig, besteht der Verdacht auf Manipulationen.

Castlebar war schon vor dem Start in diesem Einsterneritt nicht mehr wettbewerbsfähig. In seinen Halsvenen wurden zahlreiche alte und mehrere frische Einstiche festgestellt, die auf wiederholte Injektionen weisen. Als ob das nicht genug ist, gab es akute Verletzungen am Maul, Druckstellen am Kopf und in der Sattellage.

Selbst Dubais Staatschef wurde schon gesperrt

Das FEI-Tribunal hat mit akribischer Sorgfalt versucht herauszufinden, was wirklich geschah, und großen Langmut gegenüber den Hinhaltespielchen des Reiters bewiesen, der immer wieder Termine verschob und Briefe nicht beantwortete. Jetzt setzte das Gremium ein Zeichen. Ob es von denen verstanden wird, die gemeint sind, ist höchst zweifelhaft. Zu sehr scheint in den Golfstaaten, den Hochburgen des Langstreckensportes, die Meinung zu herrschen, Regeln gelten nur für andere. Das zieht sich bis in höchste Kreise. Dubais Staatschef, Scheich Mohammed bin Rashid al Maktoum, wurde vor ein paar Jahren selbst wegen Dopings für mehrere Monate gesperrt.

Im Herbst 2019 wurde bei der FEI-Generalversammlung über ein neues Regelwerk für das Distanzreiten abgestimmt, in dem es vor allem um den Schutz der Pferde ging: längere Ruhezeiten zwischen den Starts, genauere Kontrollen, strengere Strafen. 97 Delegierte stimmten zu, die 19 Nein-Stimmen kamen vorwiegend aus arabischen Staaten. Die Deutsche Reiterliche Vereinigung verbietet ihren Reitern zur Zeit, an Distanzritten in den Emiraten teilzunehmen.

Wiederholt wurde der Rauswurf der Disziplin Distanzreiten aus dem Weltreiterverband gefordert, der nach Änderungen des Reglements 2018 möglich ist. Aber damit würde man die vielen Distanzreiter treffen, die sich an Regeln halten und ihr Pferd als Partner betrachten. Und der Verband hätte gar keine Handhabe mehr, die Pferde zu schützen, die gedopt, geschlagen und manchmal zu Tode gehetzt werden. Seine Macht ist trotz des drastischen Urteils eher gering. Viele Ritte in den Golfstaaten werden national ausgetragen, um die strengeren FEI-Regeln zu umgehen.

Die Geldstrafe wird der 31-jährige Reiter aus der Portokasse zahlen, die Sperre würde weh tun, falls er Ambitionen auf eine längere Laufbahn im Distanzsport hätte. Die hat er zum Glück nicht, wie er dem FEI-Tribunal mitteilte. Man wird ihn also nicht als 50-Jährigen in dem Sport wiedersehen müssen. Das ist die einzige gute Nachricht in diesem schaurigen Fall von Tierquälerei.

© SZ vom 10.06.2020/ska
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