Pferdesport:Mutterschutz als Bumerang

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Pferdesport: Hoch und weit: Janne Friederike Meyer-Zimmermann meistert auf Chaka Chaka das Eröffnungssprigen des CHIO von Aachen.

Hoch und weit: Janne Friederike Meyer-Zimmermann meistert auf Chaka Chaka das Eröffnungssprigen des CHIO von Aachen.

(Foto: Stefan Lafrentz/Imago)

Eine spezielle Regel soll Springreiterinnen nach der Schwangerschaft den Wiedereinstieg erleichtern. Im Fall von Janne Friederike Meyer-Zimmermann zeigt sich allerdings: Das kann auch nach hinten losgehen.

Von Gabriele Pochhammer, Aachen

Es gibt Momente im Leben, von denen erzählt man später seinen Kindern. Bei Janne Friederike Meyer liegt dieser Moment elf Jahre zurück. Großer Preis von Aachen 2011. Die damals 31-Jährige reitet als letzte Starterin ins Stechen, ihr kleiner Holsteiner Lambrasco, der im Stall nur "Mops" genannt wird, segelt nur so über die Hindernisse, manche höher als er selbst. Als "Mops" auch über den letzten Sprung fliegt, reißt die Reiterin, noch in der Luft, die Arme hoch.

Sie weiß, es ist der Sieg in diesem Klassiker des Springsports, vergleichbar vielleicht mit einem Wimbledon-Triumph für einen Tennisspieler oder dem Tour-de-France-Sieg für einen Radprofi. Janne Friederike Meyer ist erst die vierte Frau, deren Name auf der großen Tafel am Eingang des Aachener Reitstadions eingraviert ist, auf der die Sieger seit 1922 festgehalten sind.

Das Bild der jubelnden Reiterin ging um die Welt, und, reduziert zu einem kleinen Emblem, schmückt es heute die Homepage von Janne Friederike Meyer-Zimmermann, wie sie nach der Heirat mit dem gelernten Reitlehrer Christoph Zimmermann heißt. Lob für die Jubelszene bekam sie seinerzeit übrigens nicht vom Bundestrainer Otto Becker. Schließlich war sie noch gar nicht durchs Ziel geritten, da hätte noch allerhand passieren können.

Eine eigenwillige Regelauslegung des internationalen Verbands kostet Meyer-Zimmermann rund um die Geburt ihres Sohnes 100 Weltranglistenplätze.

Lambrasco ist längst in Rente, und Janne Friederike Meyer-Zimmermann verschwand aus der allerersten Reihe internationaler Springreiter. Das geht schnell, wenn das Top-Pferd aus dem Sport geht, und es kann Jahre dauern, bis man weiß, ob ein junges vierbeiniges Talent die Hoffnungen auf eine adäquate Nachfolge erfüllt. Nach der Hochzeit baute Meyer-Zimmermann mit ihrem Mann in der Nähe von Hamburg einen eigenen Turnier-, Handels- und Ausbildungsstall auf, mit einem jährlichen Turnier, zu dem die regionale und überregionale Prominenz anreist.

Ende Januar dieses Jahres wurde Sohn Friedrich geboren, er sei zur Zeit der Mann, der sie am meisten beschäftige, sagt sie. "Wir sind jetzt eine kleine Familie, und die hat natürlich absolute Priorität." Und dennoch: Schon zwei Monate nach der Geburt bestritt Janne-Friederike Meyer-Zimmermann wieder ihr erstes Turnier. Das gab Ärger mit der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI). Denn die Weltranglistenpunkte, die sonst automatisch nach einem Jahr verfallen, bleiben zu 50 Prozent stehen, wenn eine Reiterin eine Babypause von sechs Monaten einlegt. Damit soll es Reiterinnen erleichtert werden, nach einer Schwangerschaft wieder da einzusteigen, wo sie aufgehört haben.

Da Meyer-Zimmermann sich nach fünfeinhalb Monaten (inklusive der drei Monate vor der Geburt) schon wieder fit genug für den Wettkampf fühlte, galt diese Regel allerdings nicht mehr für sie. Alle Punkte, die älter als ein Jahr waren, wurden ihr gestrichen. Sie rutschte in der Weltrangliste 100 Plätze ab und bekam kaum noch Einladungen zu internationalen Turnieren. Was als eine Art "Schutzsperre" gedacht war, wurde zum Bumerang. Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) drängt jetzt auf eine Änderung der Regel. Jede Frau müsse selbst bestimmen können, wann sie wie lange pausieren möchte und wann sie sich fit genug für den Wettkampf fühle, sagt FN-Sportchef Dennis Peiler. Alles andere passe nicht mehr in die Zeit.

Messi legt einen zusätzlichen Galoppsprung ein und kommt fast zu Fall - "der Warnschuss", sagt seine Reiterin, "war ganz gut für uns".

Hilfe kam vom Bundestrainer. Er besorgte Meyer-Zimmermann Startgenehmigungen, die sie überzeugend zu nutzen wusste. In wenigen Wochen arbeitete sie sich wieder von Rang 209 auf Rang 167 vor. Als eine Mannschaft für den wichtigen Nationenpreis in Sopot (Polen) zu besetzen war, berief Becker sie ins Team. Mit zwei Nullrunden auf dem zehnjährigen Messi half sie, den Cup zu gewinnen. Der Bundestrainer holte sie auch ins Fünferteam für Aachen, das an diesem Donnerstagabend im Nationenpreis in der Soers reitet. Da Marcus Ehning verzichtet hat, wird Meyer-Zimmermann dabei sein.

Am Mittwoch, in einem Vorbereitungsparcours, zeigte sich Messi kraftvoll und souverän bis zum vorletzten Sprung. Aber dann, am letzten Hindernis, flogen die Stangen. Es kam fast zum Sturz. Messi hatte einen zusätzlichen Galoppsprung eingelegt, der Absprung passte nicht mehr. "Kann passieren", sagt Otto Becker, der deswegen seine Planung für den Nationenpreis nicht ändern wird. "Sollte aber nicht passieren." Meyer-Zimmermann versucht das Beste draus zu machen. "Messi war zum ersten Mal in Aachen auf dem großen Platz, er hat mir gezeigt, dass ich nicht zu nachlässig sein darf und dass er manchmal Unterstützung braucht. Ich glaube, dieser Warnschuss war ganz gut für uns." Der belgische Wallach ist zwei Handbreit größer als Lambrasco damals, aber sehr schüchtern und sensibel. Keine Rampensau wie der Mops. Aber vielleicht kann er das noch werden.

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