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Pferdesport:Jung trainiert, länger fit?

Grosse Woche - Horse Racing In Baden-Baden

Was ist gut, was ist schlecht für Pferde? Rennalltag in Iffezheim.

(Foto: Matthias Hangst/Getty Images)

Über das angemessene Einstiegsalter von Pferden in Ausbildung und Wettkampf streiten Tierschützer und Sportverbände seit Jahren erbittert. Nun liegen neue Leitlinien vor - mit einer Sonderregelung für die Galopper.

Von Gabriele Pochhammer, Hamburg

Wenn der junge Archer morgens aus dem Boxenfenster ins winterliche Schmuddelwetter blickt, hält sich seine Lust auf einen frischen Galopp wahrscheinlich in Grenzen, aber wenn der zweijährigen Vollblüter erst einmal draußen ist auf dem Rennbahngeläuf, werden seine Lebensgeister wach, egal ob es regnet oder schneit. Seit vier Monaten wird Archer zusammen mit zehn Altersgenossen von Trainer Christian von der Recke in Weilerswist auf seinen Beruf als Rennpferd vorbereitet. Für Pferde gibt keinen corona-bedingten Lockdown, für sie geht die Ausbildung weiter. Sie brauchen ihre Bewegung, immer und jeden Tag, das gesteht ihnen das Tierschutzgesetz zu. Im Sommer wird Archer voraussichtlich in seinem ersten Rennen starten, über eine verkürzte Distanz und nur gegen Gleichaltrige.

Trotzdem viel zu früh, ist die Ansicht des Deutschen Tierschutzbundes und anderer Verbände. Es muss mächtig geknallt haben, als Vertreter von 20 Organisationen unter Federführung des Bundeslandwirtschaftsministeriums (BMEL) die "Leitlinien für Tierschutz im Pferdesport" im Jahre 2020 neu formulierten. Diese Leitlinien haben zwar keine Gesetzeskraft, sind aber so etwas wie ein vorgezogenes Gutachten, das auch in Gerichtsverfahren herangezogen werden kann.

Was ist gut, was ist schlecht für Pferde, im Sport- wie im Freizeitbereich? Da taten sich zuweilen Abgründe zwischen Tierschutzverbänden und Pferdesportlern auf. Ein Streitpunkt war der Beginn des Trainings beziehungsweise der Zeitpunkt des ersten Wettkampfs für das junge Pferd. Während die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN), der Spitzenverband des Reitsports, zähneknirschend einen Ausbildungsbeginn für Reitpferde mit 30 Monaten (zweieinhalb Jahre) und erste öffentliche Wettkämpfe mit 36 Monaten (drei Jahre) akzeptiert hat, konnte sich der Vollblutsport eine Sonderregelung herausverhandeln, nach der alles bleiben kann, wie es ist: Beginn der Arbeit für die jungen Galopper mit 18 Monaten, ab Juni des folgenden Jahres dann das erste Rennen.

Galopp-Präsident Vesper war mal Minister - das dürfte sich ausgezahlt haben

Das wurde zwischen dem Dachverband Deutscher Galopp und dem BMEL quasi hinter verschlossenen Türen beschlossen. Für Deutscher Galopp dürfte es sich ausgezahlt haben, dass Verbandspräsident Michael Vesper, Ex-NRW-Minister, politisch bestens vernetzt ist. "Wir wurden nicht mehr gehört", sagt Andrea Mihali, Tierärztin und Fachreferentin für Equiden beim Deutschen Tierschutzbund. Das BMEL habe "seine neutrale Moderatorenrolle verlassen und letztlich dem Willen der Rennsportverbände nachgegeben". Der Vorwurf, das Wohl der Pferde werde materiellen Interessen, also frühen Gewinngeldern geopfert, steht im Raum. In einem "Differenzprotokoll" zu den Leitlinien fordern die Tierschutz- und andere Verbände unabhängige Untersuchungen, wie sich das frühe Training auf die spätere Karriere auswirkt.

02 04 2018 Koeln Nordrhein Westfalen GER Dr Michael Vesper Praesident des Direktoriums fuer V; Vesper Pferd

Gut verhandelt: Michael Vesper, Präsident des Direktoriums für Vollblutzucht und Rennen.

(Foto: Sandra Scherning/Sorge/Galoppfoto/Imago)

Die gibt es allerdings längst. Ein Dutzend Studien, unter anderem der Universität Sydney, durchgeführt über zehn Jahre an 115.000 Vollblütern, belegen, dass die Karriere von Rennpferden, die anderthalbjährig in den Rennstall kommen und zweijährig ihre ersten Rennen laufen, im Schnitt sogar länger ist als von denen, die erst später den Ernst des Lebens kennenlernen. Ausnahmslos alle Studien kommen allerdings zu dem Schluss, dass es am Ende nicht auf das "Ob", sondern auf das "Wie" ankommt. Voraussetzung ist die Reife des einzelnen Pferdes, seine Entwicklung durch gezielte Fütterung und seine mentale Stabilität. Sachgerechtes Training stärkt Sehnen, Muskeln und Knochengerüst, Überforderung hingegen ruiniert die Gesundheit des jungen Pferdes.

Vollblüter gelten als frühreif, ihr Leistungshöhepunkt liegt zwischen drei und sechs Jahren, bei Spring- und Dressurpferden zwischen acht und 15 Jahren. Auch im Humansport ist das Alter, das einen Menschen zu Hochleistungen befähigt, ja sehr unterschiedlich. "Es gibt keinen Schwimmer mit grauen Haaren", sagt Christian von der Recke. Aber viele Reiter. Nur rund 20 Prozent der Vollblüter starten schon als Zweijährige. Die Regeln sind für sie besonders streng: Sie dürfen erst ab 1. Juni laufen, in Deutschland maximal acht Rennen, und vor dem ersten Start werden sie tierärztlich untersucht. Entscheidend sind die richtigen Haltungsbedingungen.

In den Ställen habe sich "viel getan", versichert die beauftragte Tierärztin

In diesem Punkt lag in den Rennställen lange vieles im Argen. Nicht zuletzt deswegen fährt die Pferdefachtierärztin Dr. Monica Venner im Auftrag von Deutscher Galopp zur Zeit durch die Lande, um die Ställe zu besuchen. "Da hat sich viel getan", versichert sie. Etwa immer mehr Rennställe ermöglichen den Pferden zusätzlich zum Training freien Auslauf. Auch Archer und seine Kumpel dürfen sich bei trockenem Wetter auf der Weide tummeln. Die zentrale Figur ist der Trainer. Er muss sehen, ob ein Pferd schon reif ist für den Sport oder noch nicht. Dann muss er eben warten, vielleicht sogar bis zum nächsten Jahr, auch wenn der Besitzer schon vom schnellen Geld träumt.

Aber auch im Rennsport sind nicht nur Gutmenschen unterwegs, und die Liste zweijähriger Überflieger, die dreijährig in der Versenkung verschwanden, ist lang. Das hässliche Wort von der "Industrie", mit der im Angelsächsischen Vollblutzucht und Rennen bezeichnet werden, hat sich auch hierzulande eingebürgert. An industrielle Produkte werden in der Regel keine Emotionen verschwendet. Aber genau die brauchen Pferde, die eben keine Industrieware sind, egal wofür sie eingesetzt werden. Nur gesunde Pferde mit stabiler Psyche werden Sieger - wenigstens in diesem Punkt könnten sich doch alle einig sein.

© SZ/bkl/cca
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