Süddeutsche Zeitung

Pferdesport:Eine längst verbotene Trainingsmethode

Lesezeit: 2 min

Wird in deutschen Springställen immer noch gebarrt? Der Reiterverband stellt eine Anzeige gegen Unbekannt, der Sender RTL will einen angekündigten Beitrag nicht ausstrahlen. Aber Fragen bleiben.

Von Gabriele Pochhammer

Droht dem Springsport ein neuer Barr-Skandal? So wie vor 30 Jahren, als Fotos und Videos veröffentlicht wurden, auf denen zu sehen war, wie jungen Springpferden mit Holzstangen vor die Beine geschlagen wurde, damit sie höher springen und somit teurer verkauft werden konnten? Die Methode nennt sich Barren, und ein Sturm der Entrüstung ging damals durch die Öffentlichkeit. Der gesamte Springsport stand am Pranger, als ein Sport, dessen Akteure Tierleid billigend in Kauf nehmen, um des Erfolges und des Geldes willen.

Dieser Albtraum muss den Verantwortlichen der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) erschienen sein, als sie vom Privatsender RTL im vergangenen Sommer auf angebliche Videobeweise dafür angesprochen wurden, dass in deutschen Springställen immer noch gebarrt werde wie anno dazumal. War die FN damals ins Kreuzfeuer geraten, weil sie zu lange zugesehen hatte und erst reagierte, als die Bilder um die Welt gingen, so wollte sie es diesmal offensichtlich besser machen und das Heft in der Hand behalten.

Zunächst allerdings verstrichen ein paar Monate, bis RTL die FN um Stellungnahme bat, die wiederum Einsicht in das Material verlangte. Was ein RTL-Sprecher als "Repräsentative Ausschnitte" aus dem gesamten Videomaterial bezeichnete, waren nach Aussage von FN-Generalsekretär Soenke Lauterbach lediglich sekundenkurze stark verpixelte Schnitte, auf denen nicht zu erkennen war, wer was wo mit welchen Pferd getan hat und ob es sich tatsächlich um ein Verstoß gegen das Tierschutzgesetz handelt. Deshalb entschloss sich der Reiterverband zu einer Anzeige gegen Unbekannt bei der Polizei NRW. "Wenn an den Vorwürfen nichts dran sein sollte, umso besser", sagt Lauterbach.

RTL rudert inzwischen zurück und hat angekündigt, das Material nicht auszustrahlen. Denn es könne "nach Rücksprache mit Experten kein eindeutiger Verstoß gegen das Tierwohl respektive ein Verstoß gegen das Tierschutzgesetz unzweifelhaft bewiesen werden", sagte eine Sprecherin des Senders. Um welche Experten es sich handelt, wurde mit Berufung auf den Datenschutz nicht mitgeteilt, auch nicht der Name des betroffenen Reiters. Die FN selbst kann nur gegen jemanden tätig werden, der sich ihrem Regelwerk unterworfen hat, etwa indem er eine Turnierlizenz beantragt hat.

Nach dem Barr-Skandals 1990 wurde eine Resolution verabschiedet

Die heftige Reaktion der FN zeigt, dass hier ein Nerv getroffen wurde. Allzu oft war der Verband bei tierschutzrelevanten Problemen in der Defensive. Als Folge des Barr-Skandals 1990 wurde ein Jahr später die "Potsdamer Resolution zu reiterlichen Haltung gegenüber dem Pferd" verabschiedet und in die FN-Ausbildungsrichtlinien ein Passus eingefügt, in dem zwischen dem verbotenen Barren und dem erlaubten "Touchieren", unterschieden wurde.

Das wurde damals schon als Mogelpackung kritisiert. Ein Pferd mit einer nicht mehr als 2000 Gramm schweren Stange, die nicht aus Metall sein darf, zu "touchieren", während es ein Hindernis überwindet, ist beim Training zuhause erlaubt, um seine Aufmerksamkeit vor dem Hindernis zu erhöhen. Das Touchieren darf nur "von erfahrenen, routinierten Pferdefachleuten durchgeführt werden, die über genügend Gefühl, Sensibilität und Erfahrung verfügen," heißt es in den Richtlinien.

Fragen drängen sich auf: Gibt es ein Training im Touchieren, oder wie bekommt der "Touchiermeister" die notwendige Erfahrung? Wie will man das kontrollieren, dass nicht doch zu heftig zugeschlagen wird? Thies Kaspareit, FN-Ausbildungsleiter, weiß um die Schwachstelle. "Da haben wir noch nicht die ideale Lösung gefunden". Der Passus solle überarbeitet werden, kündigte er an. Dafür wird eine Kommission aus Trainern, Funktionären und Wissenschaftlern gebildet.

Sie wird sich auch mit der Frage beschäftigen müssen, ob die Öffentlichkeit heute, 30 Jahre nach dem ersten Barr-Skandal, noch eine Methode akzeptiert, mit der Pferde mit künstlichen Mitteln zu höheren Leistungen animiert werden. Auch wenn sie nicht mehr Barren heißt und Touchieren definitiv feiner klingt.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5291970
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ/bkl
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.