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Pferdesport:Die Seherin und ihre Hollywood-Diva

CHIO Aachen

Emotionen wie im Fußball nach einem Tor-Erfolg: Isabell Werth (auf Bella Rose) jubelt nach ihrer Vorstellung am Sonntag.

(Foto: Rolf Vennenbernd/dpa)

Isabell Werth feiert mit Bella Rosa den nächsten besonderen Erfolg: Den 13. Aachener Dressurpreis gewinnt sie dank der künstlerischen Note.

Sie war ganz schön genervt. "Ich werde 50 und nicht 100", stellte Isabell Werth am Sonntag klar, als bei den Glückwünschen zu ihrem runden Geburtstag immer wieder die Frage nach dem Karriereende mitschwang. "Irgendwann höre ich bestimmt auf, aber über den Zeitpunkt habe ich mir noch gar keine Gedanken gemacht." Schließlich gebe es Dressurreiter, die noch viel älter seien als sie. Ihre Teamkameradin Dorothee Schneider war schon im Mai 50 geworden, und Ingrid Klimke gewann mit 51 Jahren am Samstag stilvoll die Viersterne-Vielseitigkeit. "Die werden nie gefragt", sagte Werth. Sie hätte ihren Geburtstag am liebsten ignoriert ("Schließlich hat im Rheinland jeden Tag irgendeine Kuh Geburtstag"), aber damit kam sie nicht durch. Eine riesige Torte wurde in die Arena geschleppt, die erste Gratulantin war die neue EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Bis vor drei Tagen war diese noch als neue Reiterpräsidentin im Gespräch gewesen, das Amt muss jetzt wohl warten.

Das schönste Geburtsgeschenk machten Werth aber die fünf Richter, die sie und Bella Rose trotz eines Fehlers in den Galoppwechseln mit 90,450 Punkten in der Kür siegen ließen, vor Dorothee Schneider auf Showtime (89,660) und Jessica von Bredow-Werndl auf Dalera, mit 87,595 Prozent, alle drei mit persönlichem Bestergebnis. Am Ende waren die Noten für die technische Ausführung dicht beieinander, bei Schneider sogar etwas besser. Gewonnen hat Werth ihren 13. Aachener Dressurpreis mit der künstlerische Note. Noch macht der Nummer eins der Welt niemand etwas vor in puncto Schwierigkeitsgrad und perfekter Harmonie mit der Musik. Beethovens Neunte, Klänge von Puccini und Verdi, teilweise gesungen - das gefiel Richtern und Publikum. Aber Werth konnte spüren, wie ihre Verfolgerinnen trotzdem Druck auf sie ausgeübt hatten.

Bella Rose ist ein Freak - sie hat die Naturbegabung einer Tänzerin

Vor 30 Jahren startete sie zum ersten Mal in einem deutschen Championatsteam bei der EM in Luxemburg, das Pferd Weingart gehörte ihrem Entdecker und jahrzehntelangen Förderer Uwe Schulten-Baumer. Er machte aus dem hochbegabten Nachbarskind eine Weltklassereiterin. Zehn Olympiamedaillen, neun Weltmeister- und 17 Europameistertitel sind die Eckpfeiler einer Karriere, die noch lange unerreicht bleiben wird. Fast alle Pferde, bis auf ihren ersten Lehrmeister Madras und Rio-Pferd Weihegold, hat Werth bis zur Grand-Prix-Reife geführt. Besaß Schulten-Baumer schon ein untrügliches Gespür für vierbeinige Begabungen, so zeigte Werth nach der Trennung von ihm 2001, dass auch sie einen siebten Sinn dafür hat, in jungen Pferden etwas Großes zu sehen.

So ging es ihr mit Bella Rose, der langbeinigen Fuchsstute, mit der sie in Aachen alle drei Prüfungen - außer der Kür auch Grand Prix und Special - gewann. Schon als sie die Stute erstmals bei ihrem Züchter sah, begann sie zu schwärmen. Bella Rose ist ein Freak, sie hat die Naturbegabung einer Tänzerin, die Ausstrahlung einer Hollywood-Diva und einen Feuereifer im Training. Sie lernte schnell und eroberte rasch die Herzen. 2014 glänzte sie mit dem deutschen WM-Team in Caen. Doch dann kam der Einbruch. Die Stute lahmte, musste aus Frankreich vorzeitig abreisen und wurde dann, von einem kurzen Auftritt in Stuttgart abgesehen, dreieinhalb Jahre nicht mehr gesehen. Stattdessen war sie Dauerpatientin der Tierärzte. Die meisten anderen Reiter hätten längst aufgegeben und Bella Rose in die Zucht verabschiedet, damit sie ihre Dressurgene weitergibt. Doch Werth ist nicht nur eine hervorragende Ausbilderin junger Pferde, sie verfügt über zwei Eigenschaften, die mindestens genauso wichtig sind: Geduld und Ausdauer. Sie glaubte an ihr Pferd, und endlich, 2018, wurde sie belohnt. Mit Bella Rose, inzwischen 14 Jahre alt, wurde sie Mannschafts- und Einzelweltmeisterin im Grand Prix Special in Tryon (North Carolina).

Es heißt ja, dass jeder Reiter nur ein Pferd seines Lebens habe, aber manchmal schenken die Götter ihren Lieblingen auch zwei oder drei. 14 Pferde hat Werth international im Grand-Prix-Sport vorgestellt, mit sieben davon war sie an Championatsmedaillen beteiligt, auch das ist ein Rekord. Mit dem Hannoveraner Gigolo gewann sie zwischen 1992 und 2000 sechs Olympiamedaillen, vier goldene und zwei silberne, er machte ihren Namen in der Welt bekannt. Mit Satchmo erlebte sie sportlich eine Enttäuschung, als er bei den Olympischen Spielen in Hongkong schon siegreich unterwegs zu sein schien, aber dann auf einmal alles hinschmiss und nicht mehr mitspielte. Der Dopingfall 2009 und der Medikationsfall 2012 schlugen eine Kerbe in Werths bis dahin makellose Karriere. Doch was immer auch passierte, ihre Freundin und Mäzenin Madeleine Winter-Schulze hielt zu ihr.

Als es vor den Olympischen Sommerspielen in Rio de Janeiro knapp wurde, weil Bella Rose verletzt und ein adäquater Ersatz nicht in Sicht war, zauberte Werth Weihegold hervor, die brave Stute, die alles konnte, aber ihr Können nie so perfekt gezeigt hatte wie unter Werth. Das Comeback von Bella Rose bescherte auch ihrer Reiterin nun noch mal einen weiteren Karrierehöhepunkt.