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Pferdesport:Bereit für Sea Forrest

Vielseitigkeit - Deutsche Meisterschaft

Was Viamant du Matz in der Dressur manchmal fehlt, macht das Pferd von Sandra Auffarth im Gelände mit viel Eifer wieder wett.

(Foto: Friso Gentsch/dpa)

Die deutschen Vielseitigkeitsreiter um Michael Jung absolvieren in Luhmühlen eine perfekte Generalprobe für die Olympischen Spiele.

Von Gabriele Pochhammer, Luhmühlen

Was immer über den Wert von Generalproben geunkt wird, der letzte Tokio-Test in Luhmühlen ist für die deutschen Vielseitigkeitsreiter perfekt gelungen. Optimisten nehmen das als gutes Omen. Die schwüle Hitze gab einen Vorgeschmack auf die Temperaturen, die Reiter und Pferde in Sea Forrest, einer Halbinsel vor Tokio, erwarten. Die Kernmannschaft, bestehend aus nur noch drei Reitern, nominierte sich quasi selbst. Mit drei glänzenden Runden buchten Michael Jung auf Chipmunk, Julia Krajewski auf Amanda de B'Neville und Sandra Auffarth auf Viamant du Matz die Pferdeboxen in der vorolympischen Quarantäne, die am 11. Juli im Bundesleistungszentrum Warendorf beginnt. Diskutiert wurde lediglich noch über den Ersatzreiter, der erstmals auch während des olympischen Wettkampfs noch eingewechselt werden kann, sollte ein Pferd aus gesundheitlichen Gründen ausfallen.

Ganz oben steht Michael Jung mit dem 13jährigen Chipmunk, der die internationale Deutsche Meisterschaft, seinen zweiten nationalen Titel, errang (21,4 Minuspunkte). Der 38-Jährige hat alles gewonnen, was sein Sport zu bieten hat, ist Olympiasieger, Weltmeister, mehrmaliger Europameister. Er kann in Tokio Geschichte schreiben, nach den Einzelgoldmedaillen in London 2012 und Rio 2016 wäre er der erste Reiter, dem der Hattrick gelänge. "Natürlich reizt mich das," sagt Jung, "aber es ist ja nicht so, dass man schon beim Einreiten die Medaillen im Kopf hat." Im entscheidenden Moment unbeirrt die Bestleistung abzuliefern, darin ist Jung Meister. "Ich kann abschalten und mich auf das Pferd konzentrieren. Das funktioniert bei mir gut", sagt er. "Das ist einem wahrscheinlich in die Wiege gelegt, ich brauche dazu kein Mentaltraining. Ab und zu gehe ich laufen", so beschreibt er seine olympische Vorbereitung abseits des Pferderückens.

Bei den Championaten der vergangenen Jahre agierte Julia Krajewski nicht allzu glücklich

Es hat eine Weile gedauert, bis sich der Hannoveraner Chipmunk und Jung zusammengefunden hatten. "Ein Pferd muss sich ja nicht nur an den neuen Reiter gewöhnen, auch an die anderen Menschen, die mit ihm umgehen, an den Schmied, an das andere Futter, einfach an alles," sagt Jung. In Luhmühlen flogen die beiden als harmonische Einheit durch das Gelände, schnell, sicher und auch noch gut anzusehen.

Mit gemischten Gefühlen mag Julia Krajewski Jungs Höhenflug zugeschaut haben. Sie hat Chipmunk einst ausgebildet und in den Top-Sport gebracht, bevor er 2019 verkauft wurde. Aber mit der elfjährigen französischen Stute Amande de B'Neville, genannt Mandy, kann sie wieder nach vorne schauen. Nach dem Gelände dicht hinter Jung auf Platz zwei, hat die 32-Jährige in Tokio die Chance, ihre Statistik zurechtzurücken. Bei den Championaten der vergangenen Jahre agierte sie nicht allzu glücklich, schied in Rio im Gelände aus, wurde 2017 in einen bis heute ungeklärten Medikationsfall verwickelt, der die deutsche Mannschaft die EM-Silbermedaille kostete, und fiel bei der WM 2018 durch Verweigerung weit zurück. "Das motiviert doch jetzt erst recht", verscheucht Bundestrainer Hans Melzer die Geister der Vergangenheit. In Luhmühlen fiel sie nach einem Abwurf im Springen auf Platz fünf (27,9) zurück, was für die DM Bronze bedeutete.

Die Stärke von Sandra Auffarth ist es, dass sie keine Schwächen hat

Mandy gibt Julia Krajewski eine nie gekannte Sicherheit im Gelände. "Mit ihr ist es ein Löwenritt," sagt sie. Die Stute blieb lange unter dem Radar, immer waren andere Pferde wichtiger, jetzt ist sie die Nummer eins in Krajewskis Beritt in Warendorf. Die Reiter schwören, dass ein Pferd es genau spürt, ob es der Star ist oder nur unter ferner liefen.

Die Stärke von Sandra Auffarth, Weltmeisterin von 2014 mit drei Olympiamedaillen in der Vitrine, ist es, dass sie keine Schwächen hat. Die 34-Jährige aus Ganderkesee reitet auch erfolgreich schwere Springprüfungen, etwa im Hamburger Springderby. Zwar ist der zwölfjährige französische Fuchs Viamant du Matz kein Dressurcrack, aber im Gelände macht er alles wieder wett, verlangt in seinem Übereifer manchmal viel Kraft. "Zum Glück war er diesmal nicht so stark," sagt Auffarth, "das machte es mir leichter."

Mit Let's Dance hat sie noch eine Option. Der Holsteiner verletzte sich allerdings leicht im Cross, wurde gestern nicht mehr gezeigt, soll aber dennoch mit in die Olympiaquarantäne. In diese gehen die Pferde von Jung, Auffarth und Krajewski, außerdem als vorläufige Nummer vier Routinier Andreas Dibowski mit Corrida. Als weitere Reservisten, auch ihre Pferde müssen in Quarantäne: Christoph Wahler mit Carjatan, in der Fünfsterne-Prüfung nach mäßiger Dressur, einem sicheren Geländeritt und einem souveränen Parcours Zweiter, sowie Anna Siemer auf Avondale.

Aber nur vier Pferde werden den Flieger nach Tokio besteigen und nach 18-stündiger Reise landen. Wenn sich ihre Begleiter noch stundenlang durch Immigration, Zoll und Corona-Tests kämpfen müssen, werden sie bereits mit klimatisierten Luxus-LKW in ihr Quartier gebracht. Da wünscht sich doch mancher, mal Pferd sein zu dürfen.

© SZ/lib
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