Pferdesport Beerbaums großer Sprung

In der Eingewöhnungsphase: Ludger Beerbaum bei der Global Champions Tour auf dem Rücken seines neuen Fuchshengstes Casello.

(Foto: Lukas Schulze/dpa)

Mit seinem Sieg in Hamburg empfiehlt sich der 52-jährige Springreiter für die Olympischen Spiele im Sommer in Rio.

Von Gabriele Pochhammer, Hamburg

Wo immer sich auf den großen Turnierplätzen in diesen Wochen die Startflagge senkt, geht es nicht nur ums Preisgeld - im Hinterkopf haben alle eins: die Route nach Rio, zu den Olympischen Spielen. Hans Melzer, Bundestrainer der erfolgreichsten deutschen Pferdesportdisziplin, der Vielseitigkeit, hat sein Team bis auf einen Reiter komplett: Michael Jung, Sandra Auffarth, Ingrid Klimke: Springreiterkollege Otto Becker muss dagegen noch seine Besten beobachten - am Wochenende in Hamburg. Dort gewann Ludger Beerbaum die deutsche Station der Global Champions Tour, das mittlerweile finanziell weniger attraktive Deutsche Derby ging an den Iren Bill Twomey.

Am ehesten zu beantworten war für Becker am Ende die Frage, wer sein Glück schon verspielt hat. Vielleicht Janne Friederike Meyer, die sich mit dem hochbegabten, aber immer noch ungebärdigen Goja einen Ringkampf lieferte, und drei Abwürfe kassierte. Ihr Auftritt im Nationenpreis von La Baule hat Becker zunächst gestrichen. "Da können wir nichts riskieren", sagt er. Auch die aufstrebende Jugend tat sich schwer im Weltklassefeld von Hamburg. Der überraschende Deutsche Meister von 2014, Denis Nielsen, brachte es nach zwei Abwürfen nur auf Rang 14, Niklas Krieg gab im ersten Umlauf auf. Er erhält eine neue Chance beim CSIO Rom.

Die Erfahrenen liegen vorne - nur Meyer gibt sich eine Blöße

In Hamburg setzte sich das Establishment durch. Ludger Beerbaum auf dem 13-jährigen Casello gewann nach zwei Umläufen und Stechen vor den Niederländer Harrie Smolders auf Don. Das war viel mehr als nur ein weiterer großer Sieg. Es war der Beweis, dass Beerbaums Mäzenin das richtige Händchen hatte, als sie vor einem guten halben Jahr den Fuchs für Beerbaum kaufte. Casello hatte seine Weltklasse schon früher gezeigt, die ersten Auftritte mit Beerbaum waren zunächst noch nicht olympiatauglich. "Es fehlte die Feinabstimmung, das war diesmal viel besser", sagte Beerbaum. Von Perfektion spricht der 52-Jährige noch nicht. Er peilt seinen siebten Olympiastart an und ist der erfolgreichste noch im Springsport aktive Reiter. Seine erste olympische Goldmedaille hatte er vor 28 Jahren, 1992 in Barcelona geholt. Längst verdient Beerbaum sein Geld anders, etwa mit der neuen Turnierhalle in Riesenbeck, in der Lehrgänge und Turniere stattfinden. Eine sehr kleine Chance, den besten Reiter der Geschichte dieses Sports, den fast 90-jährigen Hans Günter Winkler, zu überrunden, hat Beerbaum aber noch: bei einem Doppelsieg in Rio.

Doch daran denkt er derzeit wohl nicht. Bei seinem Hamburger Auftritt hatte er erst in der zweiten Runde ein gutes Gefühl. "Für das Stechen habe ich mir gar keinen Plan zurecht gelegt, ich bin ja noch dabei, Casello kennen zu lernen," sagte er. Jedenfalls hat er nun eine starke Nummer zwei für Brasilien. Nummer eins bleibt die Holsteiner Stute Chiara, die in Hamburg geschont wurde.

Zu zeigen, dass man mehr als ein Eisen im Feuer hat, war das Bestreben der deutschen Championatskandidaten in Hamburg. Bei Christian Ahlmann wusste man das schon. Holte im Winter der Hengst Taloubet Z die Tantiemen, so übernahm in Hamburg der Hengst Codex One das Geldverdienen. Platz fünf nach einem Abwurf im Stechen, dafür gab's noch 18 000 Euro, und einen guten Eindruck beim Bundestrainer. Ahlmann führt weiter die Zwischenwertung in der Global Champions Tour an. Marcus Ehning wurde mit dem 13-jährigen Fuchs Pret à Tout Vierter, sein Olympia-Aspirant Cornado ist gerade für die Zucht im Einsatz. Auch der Weltcup-Dritte Daniel Deußer präsentierte mit dem elfjährigen Fuchs First Class, mit dem er nach Stechen Siebter wurde, eine Alternative zum bewähren Cornet d'Amour.

"Die Spitze reitet auf unglaublich hohem Niveau, da haben es die Jungen schwer", sagt Bundestrainer Becker. Das beruhigt ihn, aber andererseits weiß er: "Am Ende müssen wir sehen, welche Pferde fit sind, Ausfälle passieren so schnell, wie wir bei den Dressur- und den Vielseitigkeitsreitern gesehen haben." Dabei denkt er an das vorzeitige Olympia-Aus von Ingrid Klimkes Escada und Isabell Werths Bella Rose "Den jungen Leuten fehlt noch die Routine, aber noch ist keine Tür zugeschlagen."