Pferdesport:Bagger auf der Baustelle

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Isabell Werth

Optimistisch in die USA: Olympiasiegerin Isabell Werth führt nach dem Comeback von Bella Rose die deutsche Dressur-Equipe in Tryon an.

(Foto: Uwe Anspach/dpa)

Bei den Weltreiterspielen im amerikanischen Bundesstaat North Carolina treten verjüngte deutsche Teams zur Titelverteidigung an.

Von Gabriele Pochhammer, Tryon

Wenn er könnte, würde er sich die Augen reiben. Es ist abends um halb zehn, der 14-jährige Wallach Selten, der unter Anders Dahl für Dänemark ins Dressurviereck gehen wird, hat gerade sein Abendfutter genossen. Im Grunde sollte in den Stallungen im Tryon Reitsportzentrum, dem Schauplatz der an diesem Dienstag beginnenden Weltreiterspiele, allmählich Ruhe einkehren. Stattdessen fuhrwerken riesige Bagger und Kräne unter taghellen Scheinwerfern herum und machen einen Höllenkrach. Das Gelände im US-Bundesstaat North Carolina, auf dem bis zum 23. September in acht Disziplinen um Weltmeistertitel gekämpft wird, ist an vielen Ecken immer noch eine Baustelle. Die Zeit wird knapp für die Ausrichter um den US-Immobilientycoon Mark Bellissimo. Die einst versprochenen Hotels stehen noch nicht mal im Rohbau, die Reiter und ihre Entourage sind verstreut in umliegenden Orten untergebracht, Anfahrt bis zu 40 Minuten. "Unsere Pferdepfleger haben bis gestern jede Nacht in einem anderen Bett geschlafen", sagt Dennis Peiler, der Chef de Mission der deutschen Mannschaft, die mit 51 Pferden anreist. Seit zwei Tagen funktionieren in den Wohnwagen und einfachen Holzverschlägen, die für die Pfleger bereit stehen, auch Wasser und Strom. Immerhin werden die insgesamt 820 Pferde in Fünfsterne-Quartieren wohnen, deren Boxen sind nämlich schon lange fertig.

"Unsere Pferdepfleger haben jede Nacht in einem anderen Bett geschlafen", klagt Teamchef Peiler

1,5 Millionen Euro kostet die Reise des deutschen Teams, aufgebracht von der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN), Sponsoren sowie dem Innenministerium, also dem Steuerzahler. Und so wird einiges erwartet an Medaillen. Zwar nicht unbedingt von den Distanzreitern, die am Mittwoch als Erste auf die 160 Kilometer lange Strecke müssen. Dabei ist es schon ein Erfolg, heil anzukommen. Ab Donnerstag müssen die Dressurreiter den Mannschaftstitel von Caen 2014 verteidigen. Sie treten als Favoriten an, auch wenn zuletzt nicht alles glatt lief.

Der elfjährige Cosmo von Sönke Rothenberger, dem manche sogar einen Einzeltitel zutrauen, wurde im Juli von einer fiebrigen Erkrankung heimgesucht und konnte erst vor vier Wochen in Donaueschingen zeigen, dass er wieder fit ist. Die sechsmalige Olympiasiegerin Isabell Werth riskiert mit dem Einsatz von Bella Rose viel: Die hochbegabte Fuchsstute war fast vier Jahre verletzt, seit ihrem Comeback im Juni ist sie unbesiegt. Erst zwei Wochen vor dem Abflug entschied der Dressurausschuss, neben dem Pferd Sammy Davies jun. unter der routinierten Reiterin Dorothee Schneider die internationale relativ unerfahrene elfjährige Dalera mit Jessica von Bredow-Werndl mitzunehmen, auch sie ein außergewöhnliches, aber wie so oft kein einfaches Pferd.

Zu fürchten haben die deutschen Dressurreiter vor allem die Gastgeber, die ihnen schon in Aachen fast den Sieg im Nationenpreis entrissen hätten. Spannend ist der Auftritt der Titelverteidigerin Charlotte Dujardin, die ihren Valegro in Rente geschickt und sich mit seinem Nachfolger Freestyle bisher zurückgehalten hat. Sie ist fast nur in ihrer Heimat Großbritannien gestartet, wo sie eine Art Heldenstatus genießt. Anders als bei Olympia entscheidet allein der Grand Prix über die Teammedaillen, dafür gibt es zwei Einzeltitel, im Grand Prix Special und in der Kür.

Zur gleichen Zeit müssen auch die Vielseitigkeitsreiter ihre beiden WM-Titel aus Caen verteidigen, das wird schwierig ohne den dreimaligen Olympiasieger Michael Jung. Seine Stute Rocana, mit der er 2017 das CCI Kentucky gewann und 2018 Zweiter war, hat sich am linken Fesselgelenk verletzt, einen passenden Ersatz hat selbst ein Ausnahmereiter wie Jung nicht im Stall. Sein Olympiapferd Sam, mittlerweile 18, geht bald in Pension, von den jüngeren Hoffnungsträgern hat es keiner bis in die Spitze geschafft. So lasten die Erwartungen auf der Europameisterin Ingrid Klimke mit Hale Bob, sowie Julia Krajewski mit Chipmunk, Andreas Dibowski mit Corrida, und Thomas Rüder auf Colani Sunrise.

Durch den Ausfall von Michael Jung erhält zudem Sandra Auffarth die Chance, ihren Einzeltitel von 2014 zu verteidigen. Zwar ist auch ihr bewährter Fuchs Opgun Louvo nicht mehr auf der großen Bühne dabei, aber in dem erst neunjährigen Viamant de Matz hat sie einen vielversprechenden Nachfolger unter dem Sattel. Souverän gewann das Paar die letzte Sichtung in Strzegom (Polen). Wer das Viererteam bildet und wer als Einzelreiter sein Glück versucht, muss Bundestrainer Hans Melzer erst nach der Verfassungsprüfung entscheiden. Die 5700 Meter lange Strecke, zu reiten in zehn Minuten, ist hügelig, die letzten dreieinhalb Minuten geht es nur bergauf. Da ist eine sehr gute Kondition vonnöten, vor allem bei den erwarteten Temperaturen von mehr als 30 Grad. Und es werde Hindernisse geben, die man noch nie zuvor gesehen sagt, verspricht der britische Kursdesigner Mark Phillips, was ja eher wie eine Drohung klingt.

Erst in der zweiten Woche treten die Springreiter an. Das deutsche Team ist jung. Drei Reiter sind unter 30: Simone Blum mit Alice, Maurice Tebbel mit Chacco's Son und Laura Klaphake mit Catch me if you can, dazu kommt Routinier Markus Ehning, der inzwischen wieder Platz drei der Weltrangliste erobert hat. Das ist ja ein gutes Omen.

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