bedeckt München 18°

Pferdesport:"Es ist unverzeihlich, Herpes einfach zu ignorieren"

Schlüsselburg auf Bud Spencer

Acht Fohlen hat Sven Schlüsselburg an das Virus verloren. Auch Bud Spencer, hier 2019 beim CHIO, war mit EHV infiziert, ist aber wieder gesund.

(Foto: Uwe Anspach/dpa)

Nach dem Ausbruch der Pferdeseuche EHV sind 17 Tiere gestorben, weltweit wurden 4000 Pferde gesperrt. Der Ruf nach einer Impfpflicht wird lauter.

Von Gabriele Pochhammer, Hamburg

Das neugeborene Fohlen lebte nur drei Minuten. Dann hörte es auf zu atmen, gehalten bis zuletzt von seinem Besitzer Sven Schlüsselburg. Es war schon das achte Fohlen, das der Springreiter aus Ilsfeld (Baden-Württemberg) an die Pferdeseuche EHV (Equines Herpesvirus) verloren hat. Alle seine Zuchtstuten bis auf eine erlitten eine Fehlgeburt, jetzt hofft er, dass das neunte Fohlen gesund zur Welt kommen wird. "Noch geht es der Stute gut", sagt Schlüsselburg. Auch zwei erwachsene Sportpferde und ein betagtes Pony starben, und noch immer ist die sechsjährige Stute Ciao Bella nicht außer Gefahr, muss in Gurten aufgehängt werden, weil sie nicht alleine stehen kann. "Es ist ein Albtraum", sagt Schlüsselburg, "hinter uns liegen Wochen der Schlaflosigkeit, der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit."

Der Albtraum begann in Valencia, wo Schlüsselburg mit den Pferden Bud Spencer und Daskari an der spanischen Mittelmeertour teilnahm, als Vorbereitung auf die Global Champions Tour in Doha. In Spanien und Italien treffen sich im Januar und Februar bis zu 2000 Pferde aus aller Welt zu mehrwöchigen Turnieraufenthalten - ein willkommener Saisonauftakt für viele Spring- und Dressurreiter, wenn in nördlichen Gefilden noch in der Halle geritten wird oder wie in diesem Jahr Corona-bedingt gar nicht.

In Valencia wurde die Seuche offiziell am 20. Februar bestätigt. Zunächst waren elf Pferde erkrankt, am Abend waren es schon 20. Bereits am 14. Februar waren der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI) zwei Herpes-Fälle aus Frankreich von Valencia-Rückkehrern gemeldet worden. Der deutsche Trainer Hilmar Meyer, der mit 15 eigenen Pferden in Spanien war, berichtet allerdings, dass schon am 4. Februar das erste Pferd gefiebert habe, aber die Organisatoren zunächst versucht hätten, die Nachricht zu unterdrücken.

Schlüsselburg hatte Valencia am 12. Februar Richtung Ilsfeld verlassen. Als seine Pferde eine Woche später nach Doha geflogen wurden, erschienen sie gesund und munter, und niemand konnte ahnen, dass sie das tödliche Virus bereits in sich trugen. Doch als die Nachricht vom Herpes-Ausbruch in Valencia in Katar ankam, wurden Schlüsselburgs Pferde wie auch zwei weitere, die in Valencia gewesen waren, von den übrigen Teilnehmern, darunter zahlreiche Olympia-Kandidaten, isoliert und fürs Turnier gesperrt. Erste Tests verliefen negativ, doch dann überschlugen sich die Hiobsbotschaften: Ein zweiter Test von Bud Spencer und Naskari war positiv, die ersten Pferde zu Hause in Ilsfeld zeigten neurologische Ausfallerscheinungen und Fieber.

In Spanien brach Panik aus, viele Reiter reisten mit ihren Pferden ohne Gesundheitszeugnis ab

Aus Spanien kamen Nachrichten von immer mehr infizierten und gestorbenen Pferden. Beim Turnier im andalusischen Ort Vejer de la Frontera brach Panik aus. Viele Reiter verluden ihre Pferde, ohne auf das für Grenzübertritte vorgeschriebene Gesundheitszeugnis zu warten, ließen sogar Turnierkisten und anderes Zubehör einfach zurück. Etliche dieser "illegal" Abgereisten wurden auf Autobahnparkplätzen oder an der Grenze gestoppt. Der französische Reiterverband richtete zwei Übernachtungsstationen ein, auch der Internationale Springreiterclub (IJRC) half mit einer Liste von Quartieren, wo die Pferde Zwischenstation machen konnten.

Der Weltreiterverband FEI sperrte alle Pferde, die an den Turnieren in Spanien, Italien und Doha teilgenommen hatten, insgesamt 4000. Sie dürfen erst nach drei Wochen Quarantäne und einem negativen Test wieder starten.

"Wir haben keine Hinweise, dass sich das Virus über die Ställe der Rückkehrer hinaus verbreitet hat"

Naskari und Bud Spencer sind inzwischen wieder gesund. Andere hatten weniger Glück. Fünf Pferde sind in deutschen Ställen nach ihrer Rückkehr aus dem Süden gestorben, die FEI meldet insgesamt 17 tote Tiere. Währen die FEI alle Turniere bis 11. April abgesagt hat, auch das Weltcupfinale in Göteborg, das nun zum zweiten Mal nacheinander ausfällt, dürfen in Deutschland vom 29. März an wieder nationale Wettkämpfe stattfinden. Der Generalsekretär der Deutschen Reiterlichen Vereinigung, Soenke Lauterbach, hat keine Bedenken: "Wir haben keine Hinweise darauf, dass sich das Virus über die Ställe der Rückkehrer hinaus verbreitet hat. Das war das Ziel des Veranstaltungsstopps der vergangenen Wochen. Deshalb können wir es jetzt verantworten, ab dem 29. März in die Freiluft-Saison zu starten." Allerdings dürfen die Pferde nicht am Turnierort übernachten.

Herpes-Ausbrüche gibt es in jedem Frühjahr, meist sind sie auf einzelne Ställe beschränkt, die schnell isoliert werden können. "Man muss darüber nachdenken, ob es klug ist, mehrere hundert Pferde aus ganz Europa auf einen Haufen zu holen, das kann doch nicht funktionieren", sagt Trainer Hilmar Meyer. Riesige Stallzelte, in denen die Pferde Box an Box standen, sich beschnuppern konnten und dicht aneinander vorbeigeführt wurden, machten es dem Virus leicht.

Meyer hat den Schrecken am Ort miterlebt, ist bei seinen Pferden geblieben und hat sie unter schwierigsten Umständen versorgt. Drei Pferde unter seiner Obhut, im Besitz zweier Schüler, starben, andere waren schwer erkrankt, sind jetzt aber wohlbehalten wieder in Morsum (Niedersachsen) angekommen. Es habe an allem gefehlt, sagt Meyer. So habe er sich die Vorrichtungen, um geschwächte Pferde aufzuhängen, mit Kollegen selbst im Baumarkt besorgen müssen. Der Hilferuf aus Valencia erreichte auch Deutschland. Der Braunschweiger Turnierveranstalter Axel Milkau startete die Aktion "Reiter helfen Reitern", von Spenden konnten Medikamente und Desinfektionsmittel gekauft werden.

Auch hier: Der Ruf nach einer Impfpflicht wird lauter

Inzwischen wird der Ruf nach einer Impfpflicht gegen Herpes immer lauter. Paul Schockemöhle, Europameister im Springreiten und Sportpferdezüchter, hat alle seine Pferde geimpft, ein paar tausend. "Es ist unverzeihlich, Herpes einfach zu ignorieren", sagt er: "Wir impfen seit 30 Jahren, aber unsere Behörden haben das einfach verpennt. Man hat die Pferdebesitzer und Züchter nicht genügend aufgeklärt."

EHV ist grausam in jeder Variante. In der neurologischen Form schädigt die Seuche das Nervensystem, bei Zuchtstuten führt sie zu Verfohlungen oder Totgeburten. Viele Pferde sind, wenn sie denn überleben, nicht mehr im Sport einsetzbar. Allerdings erkranken selbst geimpfte Pferde, aber meist nicht so schwer, wobei auch Todesfälle trotz Impfung gemeldet wurden. "Es wird höchste Zeit, einen besseren Impfstoff zu entwickeln", fordert deshalb der deutsche Olympia-Kandidat Marcus Ehning. Irgendwie kommt einem das Thema bekannt vor.

© SZ/sjo/moe
Zur SZ-Startseite
35. Stuttgart German Masters

SZ PlusPferdesport
:"Die Müllers kaufen sehr gute Pferde"

Thomas Müller und seine Frau Lisa wollen auf ihrem Gestüt eine eigene Hengststation aufbauen. Der zweimalige Weltmeister D'avie könnte dabei wichtig werden, auch für die sportliche Karriere von Lisa Müller.

Von Sabine Neumann

Lesen Sie mehr zum Thema