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Fußball-EM:Pepe soll privat ein herzensguter Mensch sein

Dafür muss man, andererseits, Verständnis haben, denn irgendjemand hat - dem privat angeblich herzensguten - Pepe einmal einen Chip eingesetzt, der ihm, wenn er kurze Hosen trägt, das Signal gibt, Fußball sei neben dem Krieg und der Liebe die dritte Sparte des menschlichen Lebens, wo alles, aber auch wirklich alles erlaubt ist.

Besonders plastisch zu beobachten war das im Jahr 2009, seinem dritten Jahr bei Real Madrid. Damals wurde er, wie aus dem Bericht des Schiedsrichters hervorgeht, in der 86. Minute vom Platz gestellt, weil er einen Gegenspieler - Javier Casquero vom FC Getafe - im Strafraum hinterrücks geschubst und damit um eine offenkundige Torchance gebracht hatte. Pepe sah in jeder Hinsicht rot. Er trat auf den am Boden liegenden Casquero ein; schubste auf dem Weg in die Kabine einen weiteren Spieler aus dem Weg und verabschiedete sich vom vierten Offiziellen mit einem Gruß an das Schiedsrichterkollektiv: "Ihr seid alle Hurensöhne!" Pepe erhielt zehn Spiele Sperre, das heißt: die Mindest- und nicht etwa die Höchststrafe. Real Madrid erwog dennoch, Einspruch gegen das Urteil einzulegen. Spanien eben.

Die Zeitung El País erzürnte dies. Das Blatt argumentierte, dass Pepe eigentlich hätte verhaftet werden müssen, zumal in Spanien Leute für weit weniger auf der Wache gelandet sind, "man muss nur Curro Romero fragen". Curro Romero ist ein mittlerweile 82 Jahre alter Torero, der Ende der Achtzigerjahre von der Polizei abgeführt wurde, weil er sich in der Madrider Arena geweigert hatte, einen Stier zu töten, der zu schwach war. Aber man muss Pepe auch zugestehen, dass er einsichtig und um die Kontrolle seiner selbst bemüht ist. So versicherte er dem Klub, sich in psychologische Behandlung zu begeben, um seine Emotionen auf dem Spielfeld im Griff zu behalten. "Ich habe ja, als ich angefangen habe, auch oft zugetreten. Uff! Das ging immer: drei Spiele, eine rote Karte, drei Spiele, eine rote Karte. Zum Glück hatte ich Trainer, die mir Orientierung gaben." Pepe hat in den neun Jahren bei Real nur zwei rote, zwei gelb-rote und 50 gelbe Karten gesehen.

Auch für Ronaldo findet Lineker süffisante Worte

Bei der EM hat er bisher solide gespielt und bislang nur eine gelbe Karte gesehen. Er ist, das wird gern übersehen, ein gar nicht so schlechter Verteidiger. Man muss es erst mal schaffen, als Innenverteidiger bei Real Madrid so lange dabei zu bleiben wie er. Pepe kam im Sommer 2007, für damals 30 Millionen Euro (drei Millionen teurer als Ronaldinho), vom FC Porto, sein aktueller Vertrag läuft bis 2017.

Allerdings waren bei der EM die Augen auch hauptsächlich auf Sturmführer Cristiano Ronaldo gerichtet, der es Lineker ebenfalls angetan hat. "Ronaldo: kein Tor aus 35 Freistößen bei Großturnieren. Bale: zwei Tore aus drei Freistößen bei Großturnieren." 15 Minuten später legte Lineker nach: "Update. Ronaldo: kein Tor aus 36 Freistößen bei Großturnieren. Bale: zwei Tore aus drei Freistößen bei Großturnieren."

Nun muss Ronaldo treffen, damit Portugal das Land bleibt, das seit 1996 am häufigsten die zweite Runde der EM erreicht hat - es wäre das sechste Mal. Vorsichtshalber vertraut seine Mutter nicht nur auf die Schusskraft des Sohnes. "Unsere Liebe Frau von Fatima wird mit uns sein. Ich habe eine Kerze angezündet."

© SZ vom 22.06.2016/schma
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