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Pep Guardiolas erster Tag in München:In Demut vereint

FC Bayern München - Vorstellung Trainer Pep Guardiola

Glücklich und fototauglich: Die Bayern-Verantwortlichen bei der Vorstellung von Pep Guardiola. 

(Foto: dpa)

Bei seinem heiß erwarteten Amtsantritt gibt sich der neue Bayern-Trainer Josep Guardiola demonstrativ bescheiden. Er will offensiv spielen lassen, Talente fördern - und nur "wenige, wenige Dinge wechseln". Die Verantwortlichen des Klubs zeigen sich angetan. Auch in Sachen Personal gibt es Erkenntnisse.

Von Andreas Burkert

Nach einer Stunde verschwinden sie wieder hinter der Tür. Manchmal öffnet sie sich aber noch, weitere Vertraute folgen Pep Guardiola hinter den Theatervorhang aus Holz, und durch den Türspalt sind dann Menschen zu sehen, die sehr erleichtert ausschauen, vor allem aber: begeistert. Fasziniert. Uli Hoeneß, der Präsident, steht neben Guardiola, der tief Luft holt und Gratulationen entgegennimmt.

Denn Pep Guardiola hat ihn überstanden, den ersten Auftritt als neuer Trainer des FC Bayern, der für ihn eine gewaltige Mutprobe gewesen sein muss, eine Art mündliches Deutschabitur, abzulegen bereits nach der Grundschule. Von einem, der zwar als lebende Legende von nur 42 Jahren gilt und der zuletzt doch eher ein Phantom war, wegen des Jahres Auszeit nach der aufwühlenden Titeljagd mit seinem Meisterwerk, Messis FC Barcelona.

Nun also dieses Abenteuer in der Fremde, der angeblich beste Trainer des Erdballs beim zurzeit besten Team des Kontinents. Aber so würde Guardiola dieses weltweit bestaunte Projekt niemals umschreiben: Am Ende der Pressekonferenz standen sie noch einmal zum Gruppenfoto zusammen, Guardiola und seine neuen Chefs, er hielt seine neue Trainingsjacke einem Inferno der Blitzlichter entgegen, neben ihm stand Hoeneß. "Sie ist sehr groß für mich!", sagte Guardiola über die Jacke, auch das in gutem Deutsch, und wie er dabei grinste und Hoeneß ein Lachen entlockte, verstanden sie beide, dass dieser Scherz den Kern seiner Botschaft umfasste: Ich, Pep Guardiola, komme nicht als der Größte. Sondern als wissbegieriger Freund.

Einige der Fachleute und Puristen im von rund 250 Journalisten aus aller Welt überfüllten Auditorium der Münchner Arena sind vielleicht enttäuscht gewesen über diese eher schlichte Programmatik des neuen Bayern-Trainers, der sich hinreißend smart einführte: "Guten Tag, Grüß Gott, meine Damen und Herren, verzeihen Sie mir mein Deutsch - aber ich habe ein Jahr in New York gelebt, und es ist nicht der optimale Ort, um Deutsch zu lernen." Es ist jedoch dieser große Anspruch, trotz nur rund fünf Monaten Deutschunterricht im Big Apple seine Vorstellung in der Sprache seiner neuen Gastgeber durchzuführen, mit dem Guardiola die Zuhörer beeindruckt. Er könnte für seinen berüchtigten Ehrgeiz stehen, aber eher steht dieser Anspruch wohl für dies: Demut.

Guardiola sagt jedenfalls Dinge, die Hoeneß, Vorstand Karl-Heinz Rummenigge und Sportchef Matthias Sammer verzücken müssen, obwohl sie das alles von Guardiola ja schon mal gehört haben, wenn auch nicht auf deutsch. "Es ist ein Geschenk, dass ich hier bin und Bayern München überhaupt daran gedacht hat, dass ich hier sein kann", sagt er zum Beispiel. Oder auch, dass er "wegen der Spieler" gekommen sei, an deren "hohe Qualität ich mich anpassen muss". Weshalb er Bayern ausgewählt habe? "Wegen ihrer Geschichte", es gebe "wenige Vereine in der Welt, die speziell sind, und Bayern München ist einer dieser Vereine - wenn sie mich rufen, ist das eine Riesenchance für mich".

Gomez könnte doch bleiben

Der Katalane sieht übrigens umwerfend aus in seinem grauen Dreiteiler samt weißem Einstecktuch und rostroter Krawatte, und dann spricht er einen Satz, der ihn womöglich am besten beschreibt und der zugleich die Phantasien zurückweist, da werde jetzt ein Überflieger einen Champions-League- und Triple-Sieger revolutionieren wollen wie einst Barça. "Der Fußball gehört den Spielern, nicht dem Trainer", sagt Guardiola. Gehört, allein das h darin muss ein Zungenbrecher sein für Iberer. Pep Guardiola mag diesen Satz vorbereitet haben. Aber er spricht ihn recht verständlich aus. Er war ihm sicher sehr wichtig.

Was seine Arbeit in München angeht, die Pläne für die "enorme Herausforderung nach einem gigantischen Jahr" (Hoeneß) - hierzu offenbart der Spanier vor allem die Absicht, das Fundament des Klubs nutzen zu wollen. Beim Thema kostspielige Transfers schüttelt er gleich sein Haupt, bei der "außergewöhnlichen" Mannschaft seines Vorgängers Jupp Heynckes müsse er nur "wenige, wenige Dinge wechseln". Das klingt fast nach schlechten Nachrichten für die nervigen Provisionsjäger des Dortmunder Stürmers Robert Lewandowski. Auch zum abwanderungswilligen Angreifer Mario Gomez äußert er sich neutral ("alle Spieler haben den gleichen Wert"); ehe Rummenigge anfügt, für Gomez läge "bis dato keine offizielle Anfrage vor, auch nicht aus Italien". Ergo steige auch der Stürmer am Mittwoch ins erste Training ein, "und dann warten wir mal ab".

Auf Gomez wird Guardiola auf Sicht verzichten können, er hat ja seinen Wunschspieler Mario Götze aus Dortmund erhalten. Ansonsten interessiert ihn der Nachwuchs: "Ich bin mir sicher, dass Bayern München gute junge Spieler hat" - eine "Vertrauensperson von mir" habe seit der Vertragsunterschrift vor Weihnachten die Spiele der Amateure und Junioren observiert. Guardiola erwähnt auch seinen ortskundigen Assistenten Hermann Gerland. Mit ihm hat er bereits telefoniert.

Auf Gerlands Expertise, auf Sammers Einschätzung und jene vom "Kalle", wie er den AG-Chef nennt, ist Guardiola aber auch angewiesen, trotz des intensiven TV-Studiums der Liga in New York. Denn die Geheimniskrämerei um seinen Transfer, seine eigene respektvolle Diskretion wegen des geschätzten Vorgängers Heynckes, mit dem er sich austauschen möchte ("Seine Meinung wäre super für mich"), führt dazu - dass Guardiola den FC Bayern jetzt erst mal erkunden muss: Nur vor einigen Jahren war er mal an der Säbener Straße, doch "die Spieler kenne ich noch nicht persönlich". Schuld sei im Übrigen seine Deutschlehrerin in New York: "Sie unterstützt den BVB, sie ließ mich nicht hierhin."

Guardiola startet sein Abenteuer demnach mit guten Deutschkenntnissen. Den Rest lernt er erst noch kennen. Auch dieser Umstand erklärt wohl die bemerkenswerte Demut, in der er und die ungemein stolzen Bayern jetzt vereint sind. "Das System ist egal", sagt Guardiola ja sogar, die Offensive sei aber "meine Idee von Fußball". Konkreter wird er nicht, auch nicht bei den Zielen. Er sagt dazu nur: "Ich brauche Zeit." Der ehrgeizige Chef Rummenigge belässt es da gern bei der Meisterschaft, "das Maß der Dinge ist die Bundesliga, in den anderen Wettbewerben wollen wir eine gute Rolle spielen". Auch die Bayern wollen offenbar mutig sein wie der Abenteurer Guardiola: Es muss nicht gleich das Triple sein.

© SZ vom 25.06.2013/jbe

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