Pep Guardiola vorm Dienstantritt:Stil überzeugte mehr als Siege

Es war eine kühne Wette. Die Anhängerschaft war enttäuscht: Wie sollte ein Coach ohne Erfahrung die hehren Ambitionen dieses großen Klubs bedienen können? Als Guardiola vorgestellt wurde, glaubten viele Fans, dass man gerade bei einem Himmelfahrtskommando aufsitze, mochte der neue Trainer noch so überzeugt sein von seiner Bestimmung: "Ich bin bereit und stark", sagte er, "ich fühle, dass ich es schaffen kann. Wenn es nicht so wäre, wäre ich nicht hier, dafür habe ich eine viel zu große Achtung für diesen Verein." Damals hörte niemand richtig hin. Später liefen die Bilder der Präsentation dann in Endlosschlaufen auf Barça-TV.

Als erste Amtshandlung warf Guardiola Ronaldinho und Deco raus, die beiden Stars des Teams, er holte einige Leute aus dem B-Team. In Personalfragen ist er radikal, Großmäuler und Total-Individualisten mag er nicht. Die ersten beiden Spiele unter seiner Leitung bestärkten die Skeptiker: eine Niederlage und ein Unentschieden. Die Presse war unerbittlich, das Stadion auch. Doch Guardiola blieb ganz ruhig. Und gewann dann alles, alle Titel, das Triple im ersten Jahr schon: Liga, Copa del Rey, Champions League. Eine Sensation.

Mehr noch als die Siege überzeugte der Stil von Peps Barça. Es ließ - man muss ja aufpassen mit Überhöhungen - tatsächlich einen neuen Fußball spielen, er kombinierte mehrere Denkschulen, verdichtete sie in eine. In seine. Sie bestand aus einigen unverrückbaren Konzepten: Ballbesitz, Kurzpassspiel, Dominanz im Mittelfeld, Breite vor Tiefe, Aufbau mit Ball, Ballrückeroberung in fünf Sekunden. Der Gegner sollte das Spielgerät so selten wie möglich an den Füßen haben, sollte kaum mal zum Abschluss kommen, sollte am Pressing ersticken. Das geht nur, wenn die Spieler den Ball so gut beherrschen, dass er ihnen nie vom Rist springt, auch auf engstem Raum nicht. So wie Xavi, Iniesta, Messi.

Es gibt Bücher zu Guardiolas Spielsystem, Universitätsstudien auch. Am meisten aber trug wohl der Blog "Paradigma Guardiola" des Argentiniers Matías Manna zum Verständnis bei. Der Journalist und diplomierte Trainer sezierte die Spiele, analysierte Mechanismen, deutete die Rollen neu. Der Torwart war eigentlich ein Libero, durfte den Ball nie weit abschlagen. Die Verteidiger agierten als Aufbauspieler, als verkappte Mittelfeldspieler. Manchmal sah Barças Spielanlage wie ein 1-8-1 aus. Der Fußball war neu entdeckt.

Es sah lange wunderbar aus, wie Barcelona spielte, neu und modern. Und der Mann an der Seitenlinie passte gut dazu mit seinen smarten, eng geschnittenen Anzügen, den dünnen Krawatten, diesem lässig leichtfüßigen Auftritt, der ein bisschen an Barack Obama erinnert. Für den modischen Teil war immer die Gattin zuständig, seine Jugendliebe Cristina. Der Soundtrack zum Erfolg kam von Coldplay, Guardiolas Lieblingsband. In der Umkleide lief oft Musik. Sie sollte anspornen, sie lockerte aber auch die strenge Ordnung und Disziplin etwas auf, die Guardiola seinen Spielern verschrieb. Und zwar unmissverständlich, auf und neben dem Platz. Das Volk sollte die Stars nicht als überbezahlte Künstler wahrnehmen, sondern als engagierte Arbeiter. Das kam gut an. Guardiola selber kultivierte seinen Ruf, weniger an Geld interessiert zu sein als an Geist und Werten.

Bei Real Madrid wurde man schier wahnsinnig ob der Strahlkraft des Rivalen, pumpte Hunderte Millionen in neue Verpflichtungen, beschwor die Zeiten der Galácticos - und heuerte José Mourinho als allzeit provozierende Nemesis an: Der Böse gegen den Guten, Mou gegen Pep, der Film hatte seine beiden Hauptrollen. Es war eine spannende Zeit mit memorablen Clásicos und herrlich überflüssigen und überdrehten Querelen auf Distanz. Im Spiel gewann meistens Pep.

Bis zum Filmriss. Bis alle Energie aufgebraucht und das Paradigma durchschaut war. Guardiolas Barça war zum Schluss oft steril. Mauern und Kontern reichte manchmal schon, um es zu schlagen, wenigstens den Großen. Plötzlich verteidigte Lionel Messi nicht mehr, was er früher immer tat. Die Magie war weg. Diese Intensität in allem: Sie brannte alle aus. "Mit der Zeit ermüden dich die Spieler, und du ermüdest die Spieler", sagte Guardiola einmal. Als er dem Kader seinen Rücktritt mitteilte, dauerte das nur einige Minuten. Dann klatschte er in die Hände, vamos!, und bat zum Training. Von tausend auf null. So löste er sich.

Die Verklärung hatte da schon ein groteskes Ausmaß angenommen. Man bat ihn, Konferenzen zu halten und über Leadership zu reden, auch vor Unternehmern und Politikern, die sich allgemein gültige Regeln für die Praxis erhofften. Er aber redete lieber von Intuition, von emotionaler Intelligenz, von situativem Handeln. Und vom Zweifeln, von der ständigen Wahrscheinlichkeit des Scheiterns.

Wiederholt sich jetzt die Geschichte? Wartet nun eine Münchner Ära auf die Fußballwelt? Mit Lahm, Schweinsteiger, Ribéry? Kann Guardiola schon so gut Deutsch, dass seine Worte wirken? Vor allem: Funktioniert er auch außerhalb Kataloniens?

Niemand riskiert in dieser Geschichte mehr als Guardiola, nämlich den Verlust seiner Aura. Barça half er einst vom Boden hoch, Bayern übernimmt er an der Spitze. Er kommt als Auswanderer mit großem Gepäck. In Barcelona werden sie jeden Schritt von Pep Guardiola verfolgen, wie verlassene Liebende. Sie wähnen ihn im Exil.

© SZ vom 22.06.2013
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