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Zum 80. Geburtstag von Pelé:Das letzte Rätsel der Menschheit

Pelé bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1970 in Mexiko

Für seine Fußballkunst geliebt: Pelé bei der WM 1970.

(Foto: imago images/Sven Simon)

Wer ist der beste Fußballspieler der Geschichte? Rund um Pelés 80. Geburtstag wird darüber wieder nachgedacht. Die Antwort hängt davon ab, welche Kriterien man anlegt.

Kommentar von Christof Kneer

Das Leben ist kompliziert genug, aber es ist wenigstens ein bisschen einfacher geworden, seit die Redaktion des kicker im Januar 1956 die erste "Rangliste des deutschen Fußballs" veröffentlichte. Diese Rangliste trägt einem tief sitzenden menschlichen Bedürfnis Rechnung, nämlich jenem, der Übersichtlichkeit halber alles einzuteilen, zum Beispiel in die Rubriken "Weltklasse", "Internationale Klasse", "Im weiteren Kreis" sowie "Im Blickfeld". Womöglich ist es also dem kicker zu verdanken, dass man heute in allen wichtigen Angelegenheiten auf sog. "Rankings" zurückgreifen kann. So findet man die zehn besten Hotels unter 80 Euro ebenso schnell wie die zehn beliebtesten Oligarchen oder die zehn schmackhaftesten Jalapeno-Spinat-Grillwürstchen, die nicht aus der Fertigung von Uli Hoeneß stammen.

Sucht man aber nach den zehn besten Fußballern der Geschichte, stößt man auf ein heilloses Chaos, das selbst der kicker nicht mehr zu ordnen versteht. Mal führt der Brasilianer Pelé ein Ranking an, mal Diego Maradona, mal Lionel Messi. Auch Johan Cruyff, Franz Beckenbauer, Alfredo di Stefano sowie der dicke und der dünne Ronaldo finden je nach Jury ihre Befürworter, und auch Zlatan Ibrahimovic wäre ein würdiger Kandidat, zumindest dann, wenn sich die Jury aus Zlatan Ibrahimovic zusammensetzt. Aus aktuellem Anlass bricht die Debatte gerade wieder los, Pelé wird an diesem Freitag 80 Jahre alt. Wieder wird die Frage nach dem Besten der Besten gestellt werden, und wieder auch: die Frage nach den Kriterien.

Was für Pelé spricht - und was für andere große Namen

Geht es um die Zahl der Weltmeister-Titel (drei) und der lebenslang erzielten Tore (über 1200), wird Pelé unerreicht bleiben. Geht es um die Fähigkeit, Spiele zu entscheiden, müsste die Wahl auf Maradona fallen, der es 1986 schaffte, in der Mannschaftssportart Fußball alleine Weltmeister zu werden. Will man neben der Qualität eines Spielers auch das Vermächtnis würdigen, käme Johan Cruyff in die Wertung, der dem Fußball in Amsterdam und Barcelona das totale Spiel schenkte oder auch Franz Beckenbauer, der den Libero erfand (oder, nur mal so gefragt: Manuel Neuer, der das Torwartspiel neu definierte?). Wer für Messi plädiert, der wählt das konstante Genie eines Vereinsspielers, dessen Nationalelf-Karriere man bei der Kür aber sicherheitshalber vergessen müsste - anders als beim Rivalen Cristiano Ronaldo, der mit Portugal immerhin Europameister war und sowieso coolere Bauchmuskeln hat.

Die Frage nach dem besten Spieler der Geschichte bleibt das letzte Rätsel der Menschheit, die Antwort liegt im Auge des Betrachters. Wer sich am Sinn des Spiels (= Tore) orientiert, denkt an Gerd Müller; wer fehlerlose Fußballer prämieren möchte, die vom Computer gesteuert werden, landet bei Philipp Lahm. Das Duo Xavi/Iniesta steht für die Bescheidenheit, mit der sich eine Ära prägen lässt, und Fritz Walter war der einzige Spieler, nach dem ein Wetter benannt ist.

Fritz Walter, übrigens, würde in acht Tagen 100 Jahre alt werden, aber das ist natürlich noch gar nichts. Zlatan Ibrahimovic wird nächstes Jahr 40.

© SZ vom 21.10.2020/tbr/chge
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