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Pascal Groß Deutsches Schnäppchen am Strand von Brighton

Jubel nach dem wichtigsten Tor: Pascal Groß sichert Brighton den Ligaverbleib.

(Foto: Getty Images)
Von Sven Haist, Brighton

Tore von Pascal Groß sind meist kleine Kunstwerke. Ballgefühl, Übersicht, das Gespür für den Moment, seine Schüsse sind dann wie mit dem Zirkel gezogen. Das Tor, das den vorläufigen Höhepunkt in der Karriere von Groß darstellt, war allerdings ganz anders. Es war ein Tor der Kraft, des Willens, des Aufwands. Und so war es ein Tor, das fast besser für die Entwicklung des Pascal Groß steht als all seine Kunstschüsse.

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Im Spiel zwischen Brighton & Hove Albion und Manchester United am vergangenen Wochenende läuft die 57. Minute, eine Flanke von links, der Ball fliegt in den Fünfmeterraum, zu den United-Verteidigern Ashley Young und Nemanja Matic. Die Gefahr scheint gebannt. Doch dann kommt Groß angerannt, wirft sich zwischen die Routiniers, wuchtet den Ball mit dem Kopf ins Tor. Marcos Rojo schlägt ihn noch weg, allerdings erst 28,3 Millimeter hinter der Linie. Groß rutscht über den Rasen.

Groß traf bisher sieben Mal und legte acht weitere Tore vor

Ein Frühlingstag wenige Wochen zuvor, der Presseraum von Brighton & Hove Albion, vor Groß liegen zwei Schachteln mit Schokokeksen. Das Training beim englischen Erstligisten hat er hinter sich, zu Mittag gegessen wurde auch schon. Trotzdem bleiben die Kekse unberührt. "Die Cookies habe ich angeguckt, aber nur angeguckt, nicht probiert", sagt Groß: "Ich lebe extrem bewusst, weil Fußball alles ist für mich. Im Sommerurlaub gehe ich zusätzlich zu meinem Trainingsprogramm morgens, wenn die meisten noch schlafen, aufs Laufband und trainiere hart, richtig hart. Ich möchte Spiele entscheiden, wenn andere müde sind."

Das Tor gegen Manchester hatte seine Entstehung also schon im vergangenen Sommer. Rund zehn Kilo hat Groß im Verlauf der Profikarriere an Kraft zugelegt, damit kann er sich in seiner Debütsaison in der Premier League gegen muskelbepackte Verteidiger wie Young und Matic behaupten.

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Die Fitness hat einen wesentlichen Anteil daran, dass Groß, 26, seit der Saison 2012/13 in jeder Spielzeit mehr als 30 Einsätze vorzuweisen hat. Diese Serie hat er auch in Brighton fortgesetzt, obwohl der Fußball auf der Insel durch den dichten Terminkalender als besonders anstrengend gilt. In den bisherigen 36 Ligaspielen stand der offensive Mittelfeldspieler stets in der Startelf - mit zwei Ausnahmen. Im Dezember kam Groß in den Auswärtspartien bei Tottenham und Chelsea erst in der zweiten Halbzeit zum Einsatz, weil Trainer Chris Hughton ihn schonen wollte.

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Sein Tor zum 1:0 gegen ManUnited hat dem Aufsteiger nun am Wochenende nach 34 Jahren ohne Erstligazugehörigkeit vorzeitig den Ligaverbleib gesichert. Als zweitbester Neuling steht Brighton nach dem 1:3 im Nachholspiel am Mittwochabend beim Meister Manchester City mit 40 Punkten auf dem 14. Platz in der Tabelle, vier Punkte vor Mitaufsteiger Huddersfield Town, der deutschen Enklave um Trainer David Wagner.

Groß, der im Sommer vom Bundesliga-Absteiger Ingolstadt für drei Millionen Euro nach Brighton gewechselt war, erzielte bisher sieben Tore selbst, acht weitere bereitete er vor; das entspricht einer direkten Beteiligung an knapp der Hälfte der 33 Treffer Brightons. Mit dieser Quote gehört er zu den Entdeckungen der aktuellen Saison. "Der Schritt weg aus Deutschland hätte natürlich in die Hose gehen können. Wenn ich das allerdings nicht gewagt hätte, wäre ich wohl nie mehr ins Ausland gegangen", sagt Pascal Groß. Anderthalb Jahre lang habe sich Brighton um ihn bemüht, sogar einen 50-seitigen Bericht angefertigt zu Spielstil und Persönlichkeit. "Ich würde nie zu einem Verein gehen, wo es heißt: ,Wir wissen nicht, wir wissen nicht, aber jetzt hätten wir dich gern!' Die Verantwortlichen haben mir das Gefühl gegeben, dass sie mich unbedingt wollten. Nicht nur, weil ich preislich ein Schnäppchen war."

Geholfen hat ihm Ralph Hasenhüttl in Ingolstadt

Im Gegensatz zu den teils rauen Standorten auf der Insel entschleunigt das Leben in der etwa 300 000 Einwohner fassenden Naturoase am Ärmelkanal. Mit Freundin und Hund wohnt Groß in Brightons benachbartem Bezirk Hove. Der anliegende Park lädt ebenso zu Spaziergängen ein wie die unweit entfernte Strandpromenade. Die Hauptstadt London ist eine Stunde mit dem Zug entfernt, auf halber Strecke befindet sich der Flughafen Gatwick, der Reiseziele in alle Himmelsrichtungen anbietet. Das vor dreieinhalb Jahren neu eröffnete Trainingszentrum des Klubs gehört zu den fortschrittlichsten in England, die Türen öffnen sich nicht mit dem Schlüssel, sondern per Fingerabdruck. "Ich probiere mir jeden Morgen ganz bewusst auf dem Weg ins Training zu sagen: Sei glücklich und dankbar für das, was du hast."

Bereits mit 17 Jahren debütierte Groß, der in Mannheim aufgewachsen war, in der Bundesliga für die TSG Hoffenheim. Seine Stärke, der ausgeprägte Siegeswille, war allerdings zunächst ein Hindernis. "Den extremen Ehrgeiz hat mir mein Vater Stephan, der früher selbst Profi war, in der Jugend einverleibt. Das hat mich dahin gebracht, wo ich jetzt bin. Andersherum habe ich dadurch schnell die Nerven verloren, wenn es nicht so gut lief. Dann war plötzlich alles Schuld, nur ich selbst nicht."

Mit der rechten Hand zeichnet Groß zwei Wellen in die Luft, zuerst die frühere mit den extremen Emotionsausschlägen, danach die gegenwärtige mit den kaum wahrnehmbaren. Geholfen hat ihm bei dieser Entwicklung Ralph Hasenhüttl, unter dem Groß fast drei Saisons in Ingolstadt trainierte. Gemeinsam waren sie 2015 in die Bundesliga aufgestiegen, Groß hatte sieben Tore und 23 Vorlagen dazu beigetragen. Am Telefon sagt Hasenhüttl, inzwischen bei RB Leipzig: "Ich habe ihm aufgezeigt, welches Potenzial in ihm steckt. Pasci ist nämlich am besten, wenn er in sich ruht."

Groß gehört zu den lauffreudigsten Spielern der Liga

Als Freigeist hinter dem einzigen Angreifer Glenn Murray kann sich Groß in Brighton austoben, wobei er die Rolle des Spielmachers sowohl künstlerisch als auch arbeitend interpretiert. "Mit Einzelkönnern, die sich selbst der Nächste sind, gewinnt man nichts. Gerade bei uns bedarf es elf Spielern, die alles geben. Da könnte ich es mir gar nicht erlauben, vorne stehen zu bleiben." Die Mitspieler schätzen die Hilfsbereitschaft in der Defensive und profitieren vorne von seiner Auffassungsgabe.

Groß gehört mit knapp 400 absolvierten Kilometern zu den lauffreudigsten Spielern der Liga, seine fußballerische Gabe sorgt dafür, dass er jederzeit mit rechts wie mit links präzise einen Pass spielen oder selbst aufs Tor schießen kann. "In engen Räumen findet Pasci durch seine Handlungsschnelligkeit immer eine Lösung, egal auf welchem Niveau", sagt Hasenhüttl. Mit Finten am Ball verschaffe er sich die nötige Zeit, um in Tornähe die entscheidenden Aktionen einzuleiten.

Diese Fähigkeiten machen Groß zu einem begehrten Spieler. "Ein großer Verein würde mich schon reizen", sagt er. "Ich traue mir das auf jeden Fall zu, meine Entwicklung ist ja lange nicht am Ende. Wer kann schon sagen, wo das Limit ist?" Aktuell mache er sich über einen Wechsel keine Gedanken, sein Vertrag gilt noch für drei Jahre. Sofern sich die Möglichkeit ergibt, wird Pascal Groß einem Angebot jedoch nicht so leicht widerstehen können wie der Verlockung von Schokokeksen.

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