Süddeutsche Zeitung

Paris - Roubaix:125 Jahre nach dem Zwirbelbart

Mit einem spektakulären Solo kürt sich Elizabeth Deignan zur ersten Siegerin des Kopfstein-Klassikers - und zeigt, wie rasant sich der Frauenradsport entwickelt.

Von Johannes Aumüller

Vom Anfang der Hölle bleibt das Bild eines Mannes, der seinen stattlichen Schnauzer gerne mal zu einem Zwirbelbart drapierte. Der Straßenradsport kennt kein schwereres Eintagesrennen als Paris - Roubaix, "Hölle des Nordens" lautet der wohlverdiente Spitzname dieses Rittes über die berüchtigten Kopfsteinpflasterpassagen. Unzählige Dramen zählen zu seinem Legendenschatz, aber als er anno 1896 zum ersten Mal stattfand, lag am Ende ein gewisser Josef Fischer ganz vorne: ein gebürtiger Oberpfälzer, späterer Droschkenfahrer und leidenschaftlicher Bartträger.

Elizabeth Deignan hat die Haare zu einem langen braunen Zopf gebunden, als sie am frühen Samstagabend strahlend auf einem Podium in Roubaix steht. In den Händen hält sie den großen Pflasterstein, den es bei diesem Rennen traditionell als Siegestrophäe gibt. Die 32-jährige Britin hat nun eine ähnliche Position wie damals der Fischer-Sepp aus der Oberpfalz. Sie ist die erste Siegerin dieses berüchtigten Rennens. Es hat seit der Premiere tatsächlich 125 Jahre gedauert, bis neben den Männern auch die Frauen die "Königin der Klassiker" bestreiten durften. Und als entsprechend bedeutend bewertet die Branche diesen Tag für die Entwicklung des Frauenradsports.

"Das ist für uns ein historischer Moment", sagt Lisa Brennauer, 33, die nach einem starken Auftritt auf Platz vier landete. Seit Jahren zählt sie zu den besten deutschen Fahrerinnen, im Sommer gewann sie Olympia-Gold auf der Bahn und auf der Straße den WM-Titel in der Mixed-Staffel. "So viele Male hat man das im Fernsehen begleitet, und jetzt ein Teil davon zu sein, ist etwas besonders", sagt sie am Sonntag ins Telefon: "Man hat gesehen, wie groß der Hype um dieses Rennen war. Für den Frauenradsport war das sicher ein weiterer großer Schritt in die richtige Richtung."

Dabei war diese Premierenedition noch ein Stück spektakulärer geraten als gedacht. Die Rennkilometer waren zwar geringer als bei den Männern (117 statt 257 Kilometer), ebenso die Kopfstein-Kilometer (29 statt 55), aber das schlechte Wetter und der Matsch auf den Pavés machten den Tag zu einer besonderen Tortur. Manchmal sah es mehr nach Surfen aus denn nach Fahrradfahren, es kam zu unglaublich vielen Stürzen und zu einer Renndramaturgie, die es so bei Männern-Rennen nur selten gibt: Bereits beim ersten Sektor attackierte Deignan, und eigentlich war dies als Vorarbeit für die Attacke einer Teamkollegin gedacht. Stattdessen wurde daraus ein denkwürdiges 80-Kilometer-Solo. Es erinnerte ein wenig an das olympischen Straßenrennen, als die Österreicherin Anna Kiesenhofer nach langer Flucht reüssierte.

Aber dieses ungewöhnliche Rennen passte nur zu gut als Beleg dafür, dass sich im lange vernachlässigten Frauenradsport gerade einiges bewegt. Viele Akteure haben dies als Markt für sich entdeckt, der Rad-Weltverband UCI zählt dazu, auch Sponsoren. Es ist kein Zufall, dass immer mehr Frauen-Mannschaften die Namen von Teams aus dem Männer-Radsport tragen. Roubaix-Siegerin Deignan und die Drittplatzierte Elisa Longo Borghini (Italien) fahren für Trek-Segafredo, die Zweite Marianne Vos für Jumbo-Visma. Auch Fahrerinnen von Movistar, DSM oder FDJ reihten sich unter den Top Ten des Klassements ein, wenngleich der Grad der Zusammenarbeit zwischen den jeweiligen Frauen- und Männerteams sehr unterschiedlich ist.

Von den fünf traditionsreichsten Eintagesrennen haben nun schon drei eine Frauen-Variante

Zudem ist der Rennkalender ziemlich in Bewegung. Von den fünf Monumenten des Radsports - also den traditionsreichsten Eintagesrennen - haben nun schon drei eine Frauen-Ausgabe. Die Flandernrundfahrt und Lüttich-Bastogne-Lüttich waren die ersten. Roubaix sollte schon im Vorjahr folgen, doch wegen der Pandemie kam es zu einer Verzögerung. 2022 wird es auch erstmals seit Langem eine eigene Tour de France für die Frauen geben. Dabei profitiert der Frauenradsport auch davon, dass die mächtige Sportorganisation Aso, der Veranstalter unter anderem der Tour und des Roubaix-Rennens, nach langjährigem Druck als Markt ausgemacht haben.

Schwieriger sieht die Lage noch bei RCS Sport aus, der Herrin über die wichtigsten italienischen Rennen. Für die dortigen Klassiker Mailand - Sanremo und die Lombardei-Rundfahrt gibt es bisher keine Frauen-Varianten. Die Italien-Rundfahrt der Frauen - bekannt geworden als Giro Rosa - ist zwar ein Jahreshöhepunkt, hat aber mit dem Männer-Giro nichts zu tun. In diesem Jahr verlor sie nach einem Zwist zwischen UCI und Veranstalter sogar den World-Tour-Status.

Der kleine Unterschied: Der Männer-Sieger erhält 30 000 Euro, Elizabeth Deignan gerade mal 1535 Euro

Lisa Brennauer hofft insgesamt darauf, dass ihr Sport noch mehr "Sichtbarkeit" bekommt. Aber zugleich weiß sie auch, dass auch im eigenen Metier noch Aufholbedarf beherrscht. Sie denkt insbesondere an die großen Unterschiede zwischen den Spitzenteams und den kleineren Teams. Die Kader sind auch deutlich kleiner als bei den Männern, und die Leistungsdichte an der Spitze ist geringer. An den wichtigsten Rennen nehmen daher weniger Athletinnen teil.

Zudem bleibt bei allem gesteigerten Interesse ein großer Unterschied zu den Männern: das Geld. Die Jahresgage für die Spitzenfahrer beträgt mit etwa 200 000 Euro nur ein Dreißigstel von dem, was die besten Männer einstreichen. Das verpflichtende Mindestsalär für World-Tour-Fahrerinnen ist mit zirka 20 000 Euro nur halb so groß wie das der Fahrer. Auch das Preisgeld bei den Rennen unterscheidet sich erheblich.

"Wir würden uns wünschen, dass auch das sich ändert und es einen Angleich gibt", sagt Brennauer: "In manchen Wettkämpfen hat man das schon angeglichen." Bei Paris - Roubaix ist es so, dass der Männer-Sieger nach der Durchfahrt der Hölle 30 000 Euro erhielt, Elizabeth Deignan gerade mal 1535 Euro - nur unwesentlich mehr als vor 125 Jahren der Mann mit dem Zwirbelbart, der die für damalige Verhältnisse stolze Summe von 1000 Franc einstrich.

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