Süddeutsche Zeitung

Zwei Tennisdramen in Paris:Was den Zauber von Grand-Slam-Turnieren ausmacht

Lesezeit: 5 min

Yannick Hanfmann und Gaël Monfils gewinnen auf mitreißende Weise ihre Erstrundenpartien bei den French Open - und versetzen das Publikum in Ekstase. Der Franzose zahlt dafür aber bereits in Paris einen hohen Preis.

Von Gerald Kleffmann, Paris

Es wurde dunkler und dunkler auf der Anlage südlich vom Bois de Boulogne, dem Park im 16. Arrondissement. Auf jenen Plätzen, auf denen nicht mehr Tennis gespielt wurde, wurden die Masten heruntergefahren, die dort befestigten Strahler ausgeknipst. Kälte verdrängte die Wärme, die tagsüber für sommerliche Behaglichkeit gesorgt hatte. Es ging auf Mitternacht zu, und es war, als würden sich die French Open bettfertig machen. Bonne nuit!

Aber Moment: Auf Court 8 brannte noch Licht. Auf Court Philippe-Chatrier auch.

Ruhig war es auch nicht. Es würde nicht verwundern, wenn die Menschen in den Pariser Vororten Ohropax aus dem Nachtschränkchen geholt hätten ob des Lärms, der Roland Garros an diesem späten Dienstagabend flutete. "Yaaaaanick Hanfmann, du bist der beste Maaaaann!", schallte es vom kleinen Platz 8, der unscheinbar vor dem mächtigen Stadion namens Court Suzanne-Lenglen liegt. Eine Gruppe deutscher Fans machte Rabatz wie am Ballermann, einer trug ein DFB-Trikot mit "Klose" auf dem Rücken. Bekanntermaßen ist Hanfmann schwerhörig, er benutzt ein Hörgerät, nur nicht auf dem Platz. Bei dem Lärm in dieser Pariser Nacht wäre das auch nicht erträglich gewesen. "Das wäre too much auch gewesen", sagte er später schmunzelnd. "System overload."

In 200 Metern Entfernung ertönte es: "Gaëëëël, Gaëëëël!" Ein Trompeter trompete, Menschen standen, Jubel, Applaus, Verzweiflung, Freude, im Minutentakt trafen hier wie dort die Emotionen aufeinander. Unten, auf der Terre battue, nirgends klingt der rote Sandbelag so schön wie in Frankreich. Und oben, auf den Rängen, wo die Zuschauer mitfieberten.

Ein Sturz bringt Hanfmann aus dem Takt - und Monfils muss im fünften Satz einen Breakball abwehren

Dieser 30. Mai wird nicht groß in den Tennisannalen stehen, Erstrundenmatches sind Erstrundenmatches. Und abgehakt! In eineinhalb Wochen geht es um die Titel und all den Ruhm. Aber für zwei Spieler, den Deutschen Hanfmann, 31, und den Franzosen Monfils, 36, bedeuteten ihre Auftritte in jenen Stunden durchaus die Welt. Wer das für zu pathetisch hält, musste nur in die Augen der beiden gucken, als sie bei den Pressekonferenzen sprachen.

Hanfmann hatte den Brasilianer Thiago Monteiro mit 6:3, 7:5, 6:7 (6), 6:7 (2), 6:4 in 4:56 Stunden niedergerungen. Monfils gewann 3:6, 6:3, 7:5, 1:6, 7:5 gegen den Argentinier Sebastián Báez. Hanfmann schlug bei 5:4 im dritten Satz zum Sieg auf, stürzte, rollte ins Netz, verdrehte sich das Knie, alles gut aber. Er hatte Matchball im Tie-Break des dritten Satzes, nicht genutzt. Im fünften Satz lag er 1:4 zurück. Er sagte sich: "In so einem Match ist es nie vorbei, bis der letzte Punkt geschlagen ist."

Hanfmanns Gier in dieser Nacht war verständlich. Er wollte endlich beweisen: Er kann auch Schlachten. Innerlich sind diese Tage für ihn ohnehin ein Chaos der Gefühle. Als 65. der Weltrangliste steht er eigentlich hoch genug, um nicht die Qualifikation zu spielen, doch sein Viertelfinale in Rom, wo er auf dem Weg dorthin die Top-Ten-Leute Taylor Fritz und Andrej Rublew schlug, fand nach dem Meldeschluss für Roland Garros statt. In der Qualifikation von Paris verlor er das dritte (normalerweise entscheidende) Match. Er war draußen, durfte aber hoffen. Drei Lucky Loser wurden aus fünf Bewerbern gezogen. Hanfmann: wurde nicht gezogen. Doch dann rückte er plötzlich nach, jemand zog im letzten Moment zurück. Hanfmann gestand: "Meine letzten Tage, meine letzten Wochen waren alle drunter und drüber."

Was soll Monfils da sagen? Ein Mann, der wirklich das für die Franzosen ist, was sein Name ausdrückt, ein Sohn; der als Junior noch Trophäen nach Belieben sammelte, als Erwachsener aber nie ein Grand-Slam-Turnier gewinnen konnte, weil ihm regelmäßig jemand in die Quere kam - im Zweifel er selbst. Dabei hätte er so gerne Yannick Noah als letzten französischen Sieger abgelöst, der 1983 hier triumphierte.

Inzwischen ist Monfils auch schon 36 Jahre alt, verheiratet mit der Profikollegin Elina Svitolina, die als Ukrainerin so sehr unter dem Krieg leidet und für ihr Land eintritt, Monfils also kämpfte einen anderen Kampf. Jede Partie könnte von nun an seine letzte in Paris sein, auch wenn er 2024 hier noch mal antreten will, eigentlich, Olympia in dieser grandiosen Stadt wäre die beste aller Bühnen für seinen Abschied. Aber Monfils ist auch ein Dauerverletzter. Er hat zwar eine Athletik wie Spider-Man, aber robust ist er nicht nach all seinen Volten auf dem Platz.

Sein Antrieb in der ersten Runde war nicht, eine Schlacht zu gewinnen. Sein Antrieb war Tochter Skaï. "Als ich 0:3 zurücklag" - er sprach vom fünften Satz, in dem es dann gar 0:4 und beinahe 0:5 stand, als er sich bis zum Ende mit Krämpfen plagte -, "dachte ich: Ich habe noch nie ein Match als Vater gewonnen. Meine Tochter ist hier. Ich musste gewinnen. Ich versuchte, die Energie des Publikums zu nützen. Ich habe keine Worte." Am Ende hatten die Fans die Marseillaise für ihn gesungen.

Nirgendwo gelingt dieses Sich-ineinander-Verkeilen so hinreißend wie auf Sand

Als beide, Hanfmann wie Monfils, zur Presse kamen, war längst der 31. Mai angebrochen. So laut es auf den Plätzen gewesen war, so still war es jetzt. Viele internationale Reporter waren längst weg. So kam es, dass Hanfmann diesen schönen Satz nur zu ein paar deutschen Berichterstattern sprach: "Das ist halt Grand Slam, ne? Fünf Sätze - da stehen sich zwei gegenüber, die es sich geben." Besser kann man das Einmalige dieser Turnierkategorie nicht beschreiben.

Auf Sand in Paris vor allem gelingt das besonders gut, dieses Sich-ineinander-Verkeilen, das gegenseitige Schikanieren, die Ballwechsel dauern länger als auf Hardcourt, viel länger als auf Rasen. Um einen Ball tot zu machen, um einen Winner zu schlagen, muss man oft genug zehn-, 15-mal den Ball übers Netz dreschen und rennen wie auf der Flucht. All das taten Hanfmann und Thiago Monteiro, auch Monfils und Báez.

Für Monteiro und Baez wären die Siege auch etwas Besonderes gewesen, klar, aber Hanfmann, so durfte er das sehen, war an der Reihe. Bei den vergangenen Australian Open hatte er ein ähnlich enges Duell gegen den Australier Rinky Hijikata gespielt, jedoch nach 2:0-Satzführung verloren. Zwei deutsche Jungs, die mit ihrer Mutter im Januar in Melbourne zugesehen hatten, waren tatsächlich am Dienstag wieder als Claqueure dabei, Hanfmann fand das großartig: "In Australien haben die alle bitterlich geweint. Und heute dann ein paar Freudentränen. Das war ganz cool." Spätestens als Monteiro zwei leichte Schmetterbälle im fünften Satz verschlug, ahnte er: "Da war vielleicht der Gott mal kurz auf meiner Seite."

Eindeutig, es ging um Höheres in dieser Nacht. So wie Hermann Hesses Siddhartha sein Glück in den verschiedensten Lebensformen suchte, so suchen es die Tennisspieler auf dem Platz, wieder und wieder - manche finden in nur einer einzigen Partie die lange erhofften Antworten auf die großen Fragen und Zweifel ihres Profidaseins. Hanfmann hatte erstmals die Vorbereitung in Argentinien bestritten, sein Trainer Juan Pablo Brzezicki stammt aus Buenos Aires. Nun durfte er sich für diesen mutigen Schritt, mit dem er seine Routine durchbrach, bestätigt fühlen. Dass er vorher scheiterte in ähnlichen Matches? "Ich musste das alles erst durchleben, um dann auch zu merken: Hey, ich bin ein richtig fitter Typ. Ich kann solche Matches gehen." Er lächelte.

Monfils befand, nur ein anderes Match sei ähnlich emotional für ihn gewesen: jenes, das er 2015 in Paris in der dritten Runde gegen den Uruguayer Pablo Cuevas bestritt. Vergleichbares wird ihm diesmal nicht gelingen. Er sollte in Runde zwei gegen den frechen Dänen Holger Rune antreten - doch am Mittwochabend, kurz vor Mitternacht, meldete sich Monfils krank; sein Körper streikte. Hanfmann hingegen trifft auf den Argentinier Francisco Cerundolo, wieder so ein Duracell-Typ. Der Karlsruher sagte: "Ich glaube, dass ich auf einer kleinen Welle reite. Ich hoffe, dass ich diese so weit wie möglich reiten kann." Dann wünschte er den Verbliebenen eine gute Nacht.

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