In Paris ist der Alltag zurück, mit seiner ganzen Ladung an Melancholie, auch ein bisschen Jammer ist dabei. Und auf den Champs-Élysées liegen die Reste einer enttäuschten Nacht, ausgebrannte Autos, Scherben eingeworfener Schaufenster. "Bonjour tristesse", titeln gleich beide großen Blätter, L'Équipe und Le Parisien, die der fußballerischen Fortüne von Paris Saint-Germain einen schönen Teil ihres Sommers widmeten. Und was für ein leichter Sommer das doch war für die Pariser, bei aller Schwere der Pandemie, was hatte man sich nicht tragen lassen vom Traum von Geschichte und Glorie. "Bonjour tristesse" ist der Titel eines Romans von Françoise Sagan, der ja auch mit einem verliebten Sommerflirren beginnt.
Nun, es sollte nicht sein. PSG, der Neuling in einem Finale der Champions League, verspielte seine Premiere. Der große Traumstifter versagte, der angesagte, ja der posaunte Protagonist, er ging mit Tränen von der Bühne. "Untröstlich" sei er gewesen, fand L'Équipe und platzierte ein Foto des weinenden Neymar Junior groß auf der ersten Seite: die Augen rot und angeschwollen. Kindlich, rührend auch, als kreise alles um ihn, die ganze Welt. Der Pokalübergabe mochte er dann nicht mehr beiwohnen. Und während er so trauerte, gab Kingsley Coman, ein "Titi parisien", ein Pariser Junge, wie die Franzosen sagen, fußballerisch aufgewachsen bei PSG, Torschütze aber für den deutschen Gegner, sein Interview: "Ich spüre ein großes Glück in mir, und ein bisschen Traurigkeit für Paris." Der Fallrückzieher der Tristesse.

Bilder der Bayern-Feier:Kopf im Pokal, Botschaft auf dem Shirt
Hansi Flick fliegt durch die Luft, Manuel Neuer zerstört das Tornetz - und Neymar ist untröstlich: Eindrücke von der Champions-League-Feier der Bayern.
Was sind das für Geschichten!
"Wenn man von einem Ausnahmespieler lebt, dann fällt man auch mit ihm, wenn er fällt", schreibt Libération. Die "deutsche Organisation" habe Neymar isoliert, bereits nach einer Stunde habe der Brasilianer entnervt kapituliert, "weil es ihm nicht gelang, das übliche Kaninchen aus dem Hut zu zaubern". Er lief zwar eine ganze Menge, und das rechnet man ihm immer hoch an, als wäre es nicht selbstverständlich. Doch von den großen Namen werden in großen Momenten nun mal große Leistungen erwartet. Neymar sei plötzlich menschlich gewesen, "sogar gewöhnlich", schreibt Le Parisien. Und das war nun wirklich nicht so gedacht.
Das gesamte Sturmtrio enttäuschte, "les trois fantastiques". Kylian Mbappé, auch er ein "Titi parisien", schien nach seiner schnellen Genesung von der Knöchelverletzung dann doch etwas knapp bei Form zu sein. Und Ángel Di María? Der Linksfuß hatte den besten Ball auf dem rechten Fuß und beförderte ihn naturgemäß in die leere Tribüne hinter dem Tor, mit Rücklage.
Für Paris war es wohl das richtige Jahr, "la bonne année"
L'Équipe schreibt, Bayern habe alles besser gemacht, und doch leide man jetzt wieder an dieser altbekannten Qual, im besten Moment nicht das Beste geleistet zu haben. Das Spiel - verzockt, verpasst. "Lissabon hätte der Ort der Apotheose werden können." Der Krönung also, der Verklärung der Halbgötter in kurzen Hosen. "Von weitem betrachtet, erscheint der Unterschied zwischen den beiden Mannschaften ganz klein", kommentiert die Sportzeitung, "schaut man aber genauer hin, ist er ziemlich groß." Bayern habe nicht nur keine größere Schwachstelle im Team gehabt, sondern an den zentralen Stellen auch die bessere Besetzung. Im Tor natürlich, Manuel Neuer wird in Frankreich nun wieder als weltbester Torwart gewertet, Note 9 von 10 bei L'Équipe. "Impérial." Den Unterschied im Spiel habe aber Thiago Alcántara gemacht, die Drehscheibe im Mittelfeld, der "Rhythmusgeber", seine Spielvista sei "wunderbar". "PSG fehlte ein solcher Spieler."
Aus Pariser Sicht waren Neymars Tränen natürlich das beste Sinnbild. Es wäre wohl tatsächlich das richtige Jahr gewesen, "la bonne année". Wer weiß, wann ein Sommer es wieder so gut meint mit dem jungen Verein, der mit katarischer Geopolitik und katarischem Geld aufgepumpt ist. Das letzte Wegstück in dieses ersehnte Endspiel war, mit Verlaub, nicht so dornig, wie man das in der europäischen Königsklasse aus gewöhnlichen Jahren kennt: Borussia Dortmund, Atalanta Bergamo, RB Leipzig - eine Flanerie, und sie gelang gar nicht so leicht.
Auch der Modus war dem Team hold: ein Finalturnier im K.o.-System, wo doch PSG in jüngerer Vergangenheit immer daran gescheitert war, dass es bei Hin- und Rückspielen nur eine Begegnung auf Niveau schaffte - und dann zerbrach, manchmal spektakulär. Und dann ging man die Schlussrunde in Lissabon so frisch an, körperlich ausgeruht, wie keiner der Rivalen, nachdem die Franzosen ja wegen Corona die Meisterschaft abgebrochen hatten. Weil alles passte, fügte sich der Haufen Solisten in der langen Pause auch noch zum Kollektiv zusammen, zu einer Bande von Freunden. La bonne année!
"Es ist traurig", sagte Nasser al-Khelaifi, der katarische Präsident von PSG, "aber das ist Fußball, das muss man akzeptieren." In diesem Satz, in dieser Akzeptanz des Unwägbaren jenseits des Kapitals, liegt natürlich mehr drin als eine Floskel. Eineinhalb Milliarden Euro hat sein Chef und Freund, der Emir von Katar, in das passende Personal für den Gewinn des Henkelpokals investiert - fast allein dafür: Die vielen nationalen Meisterschaften und Pokalsiege sind höchstens Zugabe. Alltag eben. Al-Khelaifi rief den Fans dann noch zu: "Ich verspreche euch, wir werden eines Tages zurückkommen mit dem Pokal." Eines Tages also, die Zeit der genau befristeten Verheissungen ist passé.
Eine kleine Genugtuung liegt dann doch in dieser Niederlage, so jedenfalls denkt man sich das in Paris. Neymar und Mbappé werden nun wohl in der Stadt bleiben. Hätte PSG in Lissabon gewonnen, wäre ihre Mission für Katar und den Klub erfüllt gewesen. Beide sehnen sich nach prominenteren Bühnen als die, die sie in der Ligue 1 bespielen. Ihre Verträge laufen im Sommer 2022 aus, auf eine Erfüllung würde niemand wetten. Ein Jahr aber werden sie wahrscheinlich noch bleiben, um es nochmal zu versuchen.

Ausschreitungen in Frankreich:Enttäuschte Paris-Fans randalieren nach Niederlage
Brennende Autos, zertrümmerte Schaufenster, verwüstete Geschäfte: In Paris und Marseille machen Fans ihrem Frust gewaltsam Luft. Es kommt zu Zusammenstößen mit der Polizei.
Die Mannschaft dürfte nun ein bisschen umgebaut werden. Gesucht wird zum Beispiel eine Alternative für Thilo Kehrer, den rechten Aussenverteidiger, von dem man nicht restlos überzeugt ist. Kapitän und Abwehrchef Thiago Silva verlässt Paris nach acht Jahren und wird in Rolle und Position vom Landsmann Marquinhos ersetzt. Im Mittelfeld wäre jemand von Zuschnitt und Klasse Thiago Alcántaras gewünscht, in der Zwischenzeit setzt man weiter auf den Italiener Marco Verratti. Was mit Eric Maxim Choupo-Moting, dem Helden des Viertelfinals, werden soll, ist noch immer nicht klar. Sein Vertrag ist abgelaufen.
Und Thomas Tuchel? Reichen vier Titel in einer Saison? Als Nasser al-Khelaifi nach dem deutschen Trainer gefragt wurde, dessen Vertrag noch ein Jahr läuft, wich der Emissär des Emirs aus. "Vier Trophäen, das ist nicht schlecht", sagte er, "aber wir sind traurig und enttäuscht." Eine Jobversicherung klingt anders.
In Paris schlug die Euphorie der Vortage schnell um. Auf den Champs-Élysées, dem ewigen Schauplatz von Paraden der Freude und von großen politischen Unmutsbekundungen, prügelten sich Ultras und Chaoten mit der Polizei. 151 wurden festgenommen, unter ihnen viele Minderjährige. Auch rund um den Parc des Princes, wo der Verein 5000 Anhänger für ein Public Viewing im großen Rund versammelt hatte, gab es nach dem Spielende wüste Ausschreitungen. Auf Fernsehbildern sieht man, wie Fans zu Fuß einen Polizeibus verfolgen, mit Steinen nach ihm werfen. Die Tristesse in seinem nicht so melancholischen Gewand. Paris hatte früher schon oft Probleme mit gewaltbereiten Hooligans.
Ein Kameraschwenk zum alten Hafen von Marseille zeigte das andere Frankreich, das feiernde. Die großen französischen Medien mochten vor dem Finale auch versucht haben, das Schicksal von PSG irgendwie national zu überhöhen, es gewissermassen patriotisch aufzuladen. Doch außerhalb von Paris ist Paris nicht beliebt, um es mit einem Euphemismus zu sagen: die Blasiertheit der Hauptstädter, das viele Geld der Katarer, der ganze Habitus der Stars - das geht vielen Franzosen auf die Nerven, am meisten den Marseillais. In Marseille, der zweitgrößten Stadt im Land, sieht man sich als Antithese zu Paris, als Ausbund von Passion und Leben, fußballerisch und auch sonst. Das brachte Olympique Marseille zuletzt zwar keine großen sportlichen Erfolge mehr, aber man hat ja die Vergangenheit.
"À jamais les premiers", für immer die Ersten - so heißt der Slogan, mit dem sie im Süden den Rest des Landes und Paris im Besonderen daran erinnern, dass OM der erste französische Gewinner der Champions League war. 1993, gegen den AC Mailand. Und die bisher einzigen dazu. Da das nun mindestens für ein weiteres Jahr auch so bleibt, feierten sie am Vieux-Port das Tor Bayerns und später den Schlusspfiff mit der Ausgelassenheit ganz großer Tage, ohne Abstand, dafür mit roten Rauchpetarden. Manche trugen das Trikot des FC Bayern oder wenigstens einen Schal. Von wegen Patriotismus.

