In einer Lounge im Langlauf- und Biathlonstadion von Tesero sitzt Walerij Suschkewitsch vor einem großen Bildschirm und schaut Paralympics. Es ist ein vergleichsweise guter Tag für den Präsidenten des Nationalen Paralympischen Komitees (NPC) der Ukraine, nicht nur, weil seine Landsleute eine Medaille nach der anderen abräumen. Es ist für ihn auch ein Tag ohne Luftalarm.
Das Büro des ukrainischen NPC befindet sich im achten Stock eines Gebäudes in der Innenstadt von Kiew. Wenn die Warnungen vor russischen Raketen oder Drohnen eingehen, manchmal mehrere am Tag, bringen sich Suschkewitschs Leute im Keller oder in einer nahen U-Bahn-Station in Sicherheit. Den 71-Jährigen lassen sie zurück, er sitzt im Rollstuhl, es wäre zu aufwendig, ihn jedes Mal mitzunehmen. Und den Aufzug will er bei Alarm nicht benutzen. Wo verbringt er also diese einsamen Stunden, ehe klar ist, dass die Raketen entweder abgefangen wurden oder woanders eingeschlagen sind?
Suschkewitsch, der ausreichend Englisch spricht, um mit ihm am Sonntag in Tesero ein langes Gespräch über den ukrainischen Para-Sport zu führen, sagt jetzt nur ein Wort: „Toilet.“
Es gäbe, auch ohne den Angriffskrieg auf das Land, eine Menge zu besprechen über den Para-Sport der Ukraine. Im Medaillenspiegel liegt das Land auf Platz fünf, bei der Zahl der Podestplatzierungen auf Platz zwei. Allein von den 36 Biathlon-Medaillen, die bisher vergeben wurden, gingen zehn an Ukrainerinnen und Ukrainer. Im Sprint der Männer, sehbehinderte Klasse, sah das Podium am Samstag so aus: Oleksandr Kasik (Ukraine) vor Jaroslaw Reschetinskij (Ukraine) vor Anatolij Kowalewskij (Ukraine). In manchen Rennen treten ein Drittel der Starterinnen und Starter in Blau und Gelb an.
Die Ukraine fördert den Behindertensport mit Para-Zentren und Sportschulen in allen Regionen
Suschkewitsch könnte jetzt die Geschichte eines Landes erzählen, das seit den 1990er-Jahren mit erstaunlicher Konsequenz den Behindertensport fördert: mit einem breit angelegten Sichtungssystem, mit Para-Zentren und Para-Sportschulen in allen Regionen – und verbunden mit einem sozialen Aufstiegsversprechen, das Behinderte jenseits des Sports sonst oft nicht haben. Dass der Hauptinitiator dahinter, er selbst, zugleich lange als Abgeordneter im Parlament in Kiew saß, hat bei der Finanzierung sicher nicht geschadet.
Aber für Suschkewitsch ist der Auftritt seines Teams in Italien nicht erzählbar ohne das dahinter liegende Metathema: den Krieg, der ihn nun seit vier Jahren mehrmals die Woche stundenlang in die Bürotoilette zwingt. Trotz der Angriffe darf Russland jetzt wieder ein ganz normales Mitglied der Para-Familie sein. Darf alpine und nordische Athleten an den Start schicken, und wenn sie gewinnen, dann wird erstmals seit 2014 wieder die russische Fahne gehisst und die russische Hymne gespielt.

„Es geht nicht um meine Emotionen!“, sagt Suschkewitsch. „Es geht nur um die Regeln.“ Russland habe in den annektierten Gebieten der Ostukraine Vereine und Verbände gegründet, trage dort Wettbewerbe aus. Von der 2014 von Russland eroberten Krim, wo einst das Haupttrainingszentrum des ukrainischen Para-Sports lag, ganz zu schweigen. „Aber jedes Gebiet kann gemäß der Statuten nur von einem Land repräsentiert werden“, sagt Suschkewitsch. Indem nun andere Länder ihre Athleten wieder gegen Russen in Wettkämpfe schickten, würden sie das Unrecht legitimieren, fürchtet er.
Für ihn finden in Norditalien gerade „die schlimmsten Paralympics der Geschichte“ statt – „und Mister Parsons lässt das einfach so zu“. Der Brasilianer Andrew Parsons ist seit 2017 Präsident des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC).

Parsons wiederum verweist ebenfalls auf Regeln: Bei der Generalversammlung des IPC im September in Seoul hatte eine Mehrheit für die bedingungslose Wiederzulassung von Russland und seinem Verbündeten Belarus gestimmt. Das sei eine demokratische Entscheidung gewesen, sagt Parsons, und „wir können nicht je nach Ergebnis auswählen, wann wir demokratisch sein wollen und wann nicht“.
Delegierte aus 177 Nationen waren in Seoul dabei. Nur 55 von ihnen nehmen an den Winterspielen teil. Hauptsächlich asiatische, afrikanische und südamerikanische Länder stimmten für die Wiedereingliederung Russlands. Der russische Para-Präsident Pawel Roschkow bezeichnete das Resultat der Abstimmung danach als sportpolitisches Meisterstück, als das Ergebnis „großer gemeinsamer Arbeit“ unter der Führung von Wladimir Putin. Der Staatspräsident wiederum sprach von einem „großen Sieg für uns alle“. Und am Ende vergab das IPC dann sechs Wildcards an russische Athleten, die sich so kurzfristig nicht mehr hatten qualifizieren können. Auch daran entzündet sich seither die Kritik an Parsons und dem IPC, auch aus der deutschen Delegation.
„29 ballistische Raketen, 500 Drohnen allein in den 48 Stunden seit der Eröffnungsfeier“
Suschkewitsch hat derweil mitgezählt: „29 ballistische Raketen, 500 Drohnen, allein in den 48 Stunden seit der Eröffnungsfeier. Letzte Nacht: elf Tote!“
Dennoch hat Suschkewitsch davon abgesehen, seine Athleten aus Protest von den Wettkämpfen zurückzuziehen. Jede Siegerehrung sendet schließlich auch das Signal in die Welt: Seht her, es gibt uns noch! Wobei auch hier die Botschaften in den Details liegen können: Oleksandra Kononowa etwa, Siegerin im Sprint der stehenden Klasse, trug am Samstag in Tesero Ohrringe mit dem Schriftzug „Stop War“. Bis ein Mitarbeiter des Organisationskomitees sie zwang, das Accessoire abzulegen. Stoppt Krieg? Zu politisch! Am Sonntag baumelte dann die Botschaft „LOVE“ an Kononowas Ohrläppchen – das „O“ im Umriss der Ukraine. Ihre Silbermedaille im Einzel durfte sie damit entgegennehmen.

Oleksandra Kononowa, 35, ist eine kleine, energische Frau, sie lebt mit ihren zwei Töchtern zehn Kilometer außerhalb von Kiew. Oft schlafen sie im Schutzkeller. Manchmal dürfen sie für ein paar Tage zum Training in die Westukraine, dort ist es sicherer. Aber, sagt NPC-Chef Suschkewitsch, „es fehlt das Geld“. Um 50 Prozent sei das Budget seit Kriegsbeginn gesunken. Wenn sie mal wieder etwas auftreiben, organisieren sie ein Trainingslager in Finnland.
Oleksandra Kononowa ist inzwischen nicht nur Expertin für Biathlon, sie zählt in Tesero auch andere Waffengattungen auf: „Sie schicken Marschflugkörper, Ballistikraketen, Shahed-Drohnen“, sagt sie über die Russen, „sie bringen nur Blut und Leid und Trauer über unser Land. Es ist nicht richtig, dass sie hier sein dürfen.“ Das war am Sonntag. Da waren sie zumindest in Tesero noch gar nicht da, denn im Biathlon dürfen Russen und Belarussen weiterhin nicht starten.
Am Montag dann in Cortina: Gold für die Russin Warwara Worontschichina im Super-G. Am Dienstag in Tesero: Gold für Anastasija Bagijan im Langlaufsprint. Und bei den Männern: Gold für Raman Swirydsenka aus Belarus.
Walerij Suschkewitsch will nicht die einzelnen Sportler in Haftung nehmen für die Verbrechen der Politik oder das Versagen der Funktionäre. „Aber ich sehe die Farbe ihrer knallroten Mäntel und Hosen, und ich denke an Blut! Das IPC hat einen schlimmen Fehler gemacht.“ Sein ganzes Leben lang sitzt er schon im Rollstuhl, und es schwingt eine Menge bitterster Sarkasmus mit, wenn ausgerechnet Walerij Suschkewitsch nun sagt: Vielleicht sei Andrew Parsons sogar der ideale Mann, um einen Behindertenverband zu führen: „Er ist blind. Und er ist taub.“


