Paralympics:Schrei nach Frieden

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Paralympics: Gereckte Fäuste: Die ukrainische Mannschaft im "Vogelnest"-Stadion.

Gereckte Fäuste: Die ukrainische Mannschaft im "Vogelnest"-Stadion.

(Foto: Jens Büttner/dpa)

Zum Beginn der Paralympics ruft IPC-Präsident Andrew Parsons "Peace", doch besonders für ein Team ist das keine Realität. Ukrainische Sportler wollen in Peking ein Zeichen setzen - und zu Hause denen helfen, die um ihr Leben fürchten.

Von Sebastian Fischer

Der Applaus, so wie ihn die Mikrofone aufzeichneten, klang höflich, nicht frenetisch, aber respektvoll, als sie ins Stadion einliefen: 20 ukrainische Athletinnen und Athleten am Freitagabend in der "Vogelnest" genannten Arena von Peking. Manche reckten die Fäuste. Die deutschen Sportler nahmen später bei ihrem Einlauf kurz die Mützen ab. Und Andrew Parsons, der Präsident des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC), begann seine Rede zur Eröffnung der 13. Winterspiele für Menschen mit Behinderung mit einer Friedensbotschaft. Weder Russland noch die Ukraine nannte er beim Namen. Dafür schrie er: "Peace!"

Waren sie das, die Botschaften, mit denen diese Paralympics beginnen können? Geht es nun um Sport? Um Inklusion, wie es die Mission der paralympischen Bewegung ist, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ihren Anfang nahm? Um Frieden gar?

Solche und ähnliche Fragen stellt sich am Vortag der Eröffnungsfeier auch Lee Reaney. Er sitzt zum Videogespräch im Pressezentrum in Peking, trägt ein gelbes Ukraine-T-Shirt und eine Atemschutzmaske mit handgeschriebener Friedensbotschaft. Reaney, Kanadier, arbeitet als Journalist für die englischsprachige Kiewer Zeitung Kyiv Post. Doch mittlerweile ist er längst vom Beobachter zum Protagonisten dieser Spiele geworden.

Es war Reaney, mit dessen Auftritt sporthistorische Stunden in Peking begannen, bevor die Paralympics eröffnet waren. Am Mittwoch hatte IPC-Präsident Parsons in der Pressekonferenz soeben verkündet, russische und belarussische Athleten trotz des Angriffskriegs gegen die Ukraine unter neutraler Flagge an den Spielen teilnehmen zu lassen. Da stand Reaney auf und ging zum Mikrofon: In Ukraine-Trainingsjacke und mit einem Foto von Jewhen Malyschew in der Hand, einem im Krieg gefallenen Biathleten. Wie, fragte Reaney, würde Parsons diese Entscheidung Malyschews Eltern erklären: "Athleten aus dem Staat des Aggressors die Teilnahme am Wettbewerb zu erlauben?"

Paralympics: Fragen an den Fragesteller: Journalist Lee Reaney protestiert in der Pressekonferenz des IPC.

Fragen an den Fragesteller: Journalist Lee Reaney protestiert in der Pressekonferenz des IPC.

(Foto: Kyodo News/imago)

Am Donnerstag, rund zwanzig Stunden später, erst unter dem Druck heftiger Kritik und mit Verweis auf Boykottandrohungen diverser Teams, verkehrte das IPC seinen Entschluss hauruckartig ins Gegenteil: Russland und Belarus wurden doch ausgeschlossen - wie es selbst die Fußballverbände Fifa und Uefa entschieden und das Internationale Olympische Komitee (IOC) immerhin empfohlen hatte, der Partnerverband des IPC.

Erst kurz vor der Eröffnungsfeier am Freitag erklärte das Russische Komitee, sich vorerst nicht juristisch zu wehren, sondern abzureisen - nicht ohne in scharfen Worten den Entschluss als "politisiert" zu kritisieren und einen "Kollaps der Sportwelt" zu beklagen. Umso mehr hallte es da nach, wie Lee Reaney dem obersten Sportfunktionär der Paralympics mit der Frage nach Menschlichkeit gegenübergetreten war. Und wie Parsons, 45, als Antwort auf das Regelwerk des IPC verwiesen hatte, das einen Ausschluss Russlands am Mittwoch angeblich nicht zuließ.

Jetzt sagt Reaney also: "Das IPC hat letztendlich die richtige Entscheidung getroffen, die es schon 15 Stunden früher hätte treffen sollen."

Der 41-Jährige kann zur Einordnung dieser Paralympics nicht nur seine Expertise als Sportreporter aus der Ukraine beitragen, seit zehn Jahren lebt er im Land. Er spricht auch als Olympia-Reisender in Pandemiezeiten. Er sei schon 2021 in Tokio gewesen, bei Olympia und Paralympics, erzählt er. Auch da waren die Corona-Maßnahmen strikt. In den Wochen zwischen den Veranstaltungen durfte er aber raus, das Land anschauen.

In Peking ist er auch schon seit Beginn der Olympischen Spiele. Diesmal musste er im Hotel bleiben, durfte die Bubble nicht verlassen. "Ich beschwere mich nicht", sagt er, und doch erinnert sein Hinweis auf den restriktiven Umgang in China daran, was angesichts der Schrecken des Krieges in den Hintergrund rückte: Die Paralympics sind aus denselben Gründen so skandalös wie ihr Olympia-Pendant - Menschenrechtsverletzungen, keine Meinungsfreiheit. Hinzu kommt: Das paralympische Team Chinas wird zwar erstaunlich gefördert, 96 Athleten liefen am Freitag ein. Aber ob sich Abstrahleffekte für Menschen mit Behinderung ergeben, die in China oft auf dem Land leben?

Und dann berichtete diese Woche die New York Times mit Bezug auf Geheimdienstquellen, China habe Russland gebeten, nicht vor Ende der Olympischen Spiele in der Ukraine einzumarschieren. Genauso kam es. Peking dementierte den Bericht scharf. Doch natürlich hatte man auch das im Hinterkopf, als Staatspräsident Xi Jinping am Freitag neben Parsons ins Publikum winkte. Parsons Friedensrede wurde fürs chinesische Fernsehen offenbar teilweise zensiert und nicht vollständig übersetzt. Es fehlten Sätze wie dieser: "Ich bin entsetzt, was gerade jetzt in der Welt passiert."

"Fokus aufs Sportliche", so hat der Deutsche Behindertensportverband (DBS) eine Mitteilung am Morgen der Eröffnungsfeier überschrieben, und natürlich ist das ein höchst nachvollziehbarer Wunsch. Anna-Lena Forster und Martin Fleig trugen die deutsche Fahne ins Vogelnest, eine Skifahrerin und ein Biathlet, beide im Rollstuhl. Noch mehr als bei Olympia haben die Sportler mit Behinderung die Aufmerksamkeit für ihre Karrieren nötig. Sie inspirieren mit ihren Lebensläufen, an diesem Claim des IPC ist viel dran.

Aber es ist diesmal eben nicht so einfach. Lee Reaney sagt: "Als Sportjournalist hast du nicht die wichtigste Story zu erzählen, wenn dein Land im Krieg ist. Es ist nicht mal die vierzigst-wichtigste Story."

So gilt das nun natürlich auch für diese Paralympics. Und trotzdem ist da ein Team aus der Ukraine, 20 Sportler, die sich zeigen wollen. Am Donnerstag sprach im Main Press Centre von Peking Waleri Suschkewitsch, der Chef des Paralympischen Komitees der Ukraine. Er sagte, an die Welt gewandt: "Ihre Aufmerksamkeit ist sehr wichtig für uns."

Paralympics: Waleri Suschkewitsch, Ukraines Komitee-Chef.

Waleri Suschkewitsch, Ukraines Komitee-Chef.

(Foto: STR/AFP)

Suschkewitsch, 67, berichtete in bedächtigen Worten und mithilfe eines Übersetzers von der beschwerlichen Anreise des Teams, vier Tage und vier Nächte lang. Manche Sportler seien gerade so den Bomben entkommen. Das Team flüchtete mit dem Bus aus Kiew nach Lwiw, über Polen, die Slowakei und Österreich nach Mailand, wo manche Athleten noch im Trainingslager waren. Er selbst habe tagelang auf dem Boden des Busses geschlafen, sagte Suschkewitsch.

Man kann sich kaum vorstellen, wie erschüttert er am Mittwoch die Nachricht aufnahm, dass seine Sportler in Peking gegen Athleten aus Russland antreten sollten. Er kommentierte eine Nachfrage dazu in der Pressekonferenz, indem er die Solidarität der paralympischen Familie lobte. Er dankte allen Ländern, die das IPC zur Umkehr bewegt hatten - und er dankte dem IPC. Suschkewitsch sagte: "Eine Supermacht will mein Land zerstören. Unsere Anwesenheit hier bei den Paralympischen Spielen ist nicht nur eine Anwesenheit. Sie ist ein Zeichen dafür, dass die Ukraine ein Land war, ist und bleiben wird."

Ob es ein Zeichen ist, das die Menschen in der Ukraine registrieren? Nicht alle Menschen in der Ukraine, sagt Lee Reaney, hätten gerade die Gelegenheit, ihr Handy aufladen zu können, ein großes Problem sei das. Manche, die es können, würden auch nach positiven Nachrichten suchen. Vielleicht auch nach paralympischen. Denn: "Die Ukraine ist eine der besten paralympischen Nationen in der Welt." Behindertensport werde stark gefördert, sagt er. Es gibt einen eigenen Kanal namens "Equalympic".

Gerade in den nordischen Sportarten sind die Ukrainer stark. 14 Medaillen im Biathlon, acht im Langlauf, so lautete die Bilanz in Pyeongchang 2018. Doch was sind schon Medaillen? Die Wettkämpfe würden schwierig, sagte Suschkewitsch, wenn jede Minute ein Familienmitglied sterben könne: "Mutter, Vater, Tochter, Sohn."

Medaillen sind bei Paralympics allerdings nie das Wesentliche. "Para-Sport ist anders als olympischer Sport", sagt Reaney. Er meint damit nicht etwa, dass die Athleten Sonderlinge wären. "Viele von ihnen haben ein normales Leben wie du und ich, ihnen fehlt nur eine Hand oder sie sehen nichts."

Was er meint: "Wenn du in Russland, Belarus oder der Ukraine einen Rollstuhl brauchst, dann hast du eine Ahnung davon, dass das Leben nicht einfach ist." Er fügt hinzu: "Die Leute, die diese Athleten trainieren, gehören zu den nettesten Menschen." Auch die Leute in Russland, möchte er damit sagen. Er verstehe also grundsätzlich, wenn das IPC Athleten nicht ausschließen möchte. Aber: "Manchmal sind Dinge eben größer als das."

Waleri Suschkwitsch hat in seiner Pressekonferenz auch über die Spiele in Sotschi 2014 gesprochen. Er ist seit 25 Jahren im paralympischen Sport, er war schon damals Komitee-Chef. Und er sprach schon damals über seinen Wunsch nach Frieden. Am Donnerstag sagte er: "Das ist der zynischste Aspekt."

Zum dritten Mal nach dem Kaukasuskrieg 2008 und der Annexion der Krim 2014 habe Russland den olympischen Frieden gebrochen. "Zum zweiten Mal sind die Paralympics betroffen." Ausgerechnet die Paralympics, bei denen auch Veteranen antreten.

Schon 2014 widmeten Ukraines Sportler ihre Erfolge den Soldaten und dem Unabhängigkeitskampf. Schon 2014 war die Eröffnungsfeier ein Schauplatz des Protests: Nur der Biathlet und Langläufer Michailo Tkatschenko fuhr ins Stadion, mit der Fahne an seinem Rollstuhl. Schon 2014 sagte Waleri Suschkewitsch: "Nie wieder sollten Paralympier bei den Spielen sein, weil sie Opfer eines Krieges waren." Seine Hoffnung hat sich nicht erfüllt.

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