Paralympics in ItalienRussland kehrt zurück in die olympische Welt

Lesezeit: 4 Min.

Ehrung für die Medaillengewinner: Russlands Staatspräsident Wladimir Putin mit der paralympischen Kugelstoßerin Jewgenija Galaktionowa und dem Kugelstoßer und Keulenwerfer Alexej Tschurkin im Dezember 2024.
Ehrung für die Medaillengewinner: Russlands Staatspräsident Wladimir Putin mit der paralympischen Kugelstoßerin Jewgenija Galaktionowa und dem Kugelstoßer und Keulenwerfer Alexej Tschurkin im Dezember 2024. Kristina Kormilitsyna/Sputnik via AP
  • Russland kehrt nach zehn Jahren Suspendierung zu den Paralympics zurück und startet mit Flagge, Hymne und sechs Athleten in 18 Wettbewerben.
  • Die Ukraine und ein halbes Dutzend Länder boykottieren die Spiele aus Protest gegen Russlands Teilnahme trotz des andauernden Ukraine-Krieges.
  • Putin betont die besondere Bedeutung der Paralympics und fördert gezielt Kriegsveteranen im paralympischen Sport, rund 500 sind bereits in Regionalmannschaften aktiv.
Von der Redaktion überprüft

Dieser Text wurde mit der Unterstützung einer generativen künstlichen Intelligenz erstellt. Lesen Sie mehr über unseren Umgang mit KI.

Fanden Sie diese Zusammenfassung hilfreich?
Mehr Feedback geben

Die Paralympics werden das erste Großevent seit Langem, bei dem Russland wieder dabei ist: mit Fahne, Hymne und ein paar Goldfavoriten. Für den Kreml hat das eine besondere Bedeutung.

Von Johannes Aumüller

Die Verantwortlichen des ukrainischen Sports hatten sich für die Paralympischen Spiele ein spezielles Outfit ausgedacht. Auf einer Jacke, die Athleten und Funktionäre bei verschiedenen Gelegenheiten tragen sollten, war eine große und ungewöhnlich gestaltete Karte ihres Landes zu sehen. Eine Region sprang besonders ins Auge: die von Russland seit 2014 annektierte Halbinsel Krim. Doch die 35-köpfige ukrainische Delegation muss in den Tagen von Mailand und Cortina auf dieses Kleidungsstück verzichten. Das Internationale Paralympische Komitee (IPC) untersagte ihre Benutzung.

„Texte aus Nationalhymnen, motivierende Worte, öffentliche/politische Botschaften oder Slogans, die sich auf die nationale Identität beziehen“, seien nach den Statuten auf Uniformen verboten, so teilt dies das IPC mit – und die Karte eines Landes falle in diese Kategorie. Schon Ende des vergangenen Jahres erging das Verbot, aber das Unverständnis der ukrainischen Delegation ist bis heute hoch.

SZ MagazinSagen Sie jetzt nichts
:Wie fühlt sich Gold bei den Paralympics an, Josia Topf?

Der Schwimmer im Interview ohne Worte über seine Goldmedaille in Paris, Vorurteile gegen Para-Sportler, und die Frage, welche Leidenschaften er außer dem Schwimmen hat.

Fotos von Marian Lenhard

Dieser Vorgang steht auf eine bezeichnende Art für das Thema, das die am Freitag beginnenden Paralympischen Spiele prägen wird: die Rückkehr Russlands in die olympische Welt – und der Umgang des IPC und der Sportfamilie mit Russland und der Ukraine.

Zehn Jahre lang war Russland offiziell suspendiert, erst wegen des Staatsdopings, dann wegen des Krieges, und zehn Jahre lang starteten russische Sportler – mal mehr, mal weniger kaschiert – als „neutrale Athleten“. Doch obwohl die Invasion in der Ukraine unvermindert weitergeht, ist Russlands Delegation aus sechs Sportlern und 17 Betreuern nun ganz regulär dabei, inklusive Flagge und Hymne.

Immer mehr Mitglieder aus dem „Verband der Veteranen der Spezialoperation“ beginnen mit dem paralympischen Sport

Schon bei der Eröffnungsfeier am Freitag in Verona wird sich das Thema wohl entladen. Die Ukraine hat zum Boykott aufgerufen, und rund ein halbes Dutzend Länder von Lettland bis Tschechien ist diesem in der vergangenen Woche gefolgt. Der Deutsche Behindertensportverband (DBS) lehnte ein Fernbleiben zunächst ab, teilte am Dienstagnachmittag jedoch mit, er werde sich am Einmarsch der Nationen nicht beteiligen und weder Sportler noch Offizielle entsenden. „Diese Entscheidung dient sowohl der Konzentration auf die bevorstehenden Wettkämpfe als auch dem Anliegen, die solidarische Haltung gegenüber der ukrainischen Delegation respektvoll zum Ausdruck zu bringen“, hieß es in einer Stellungnahme.

Am liebsten wäre es der Ukraine, ihre Flagge würde in Verona gar nicht gezeigt, wenn zugleich die russische zu sehen ist, aber das macht das IPC nicht mit. Und die Eröffnungsfeier wird nur der Auftakt sein. Schon am Wochenende könnte es im Ski alpin die erste russische Goldmedaille geben, entsprechend würde bei der Siegerehrung die Nationalhymne erklingen.

Die Strategen im Kreml machen keinen Hehl daraus, wie bedeutsam das für sie ist. Die Teilnahme an den Paralympischen Spielen sei „ein großer Sieg für uns alle“, sagte Staatspräsident Wladimir Putin, als die Entscheidung des IPC feststand. Russlands Rückkehr in den Weltsport vollzieht sich gerade schleichend und auf verschiedenen Ebenen. Aber die Teilnahme in Norditalien ist die vorläufige Krönung. Die russische Staatsführung hat schon vor geraumer Zeit begonnen, die Bedeutung des paralympischen Sports zu betonen – und das hat auch mit dem Krieg zu tun.

Regelmäßig verkünden die offiziellen Stellen, wie viele Mitglieder aus dem „Verband der Veteranen der Spezialoperation“ nun schon mit dem paralympischen Sport begonnen haben. „Spezialoperation“ ist Kreml-Sprech für den Feldzug gegen die Ukraine. Rund 500 Veteranen seien es mittlerweile in den Regionalmannschaften, erklärte der russische Paralympics-Chef Pawel Roschkow kürzlich, immerhin 30 auch schon im Kader der Nationalmannschaften, Tendenz steigend.

In Paris 2024 gab es für eine Goldmedaille vier Millionen Rubel, Putin verlangt höhere Prämien

Die Zuwendung gegenüber dem Parasport zeigte sich bereits rund um Paris 2024. Das kleine 15er-Kontingent, das bei den Olympischen Spielen zugelassen war, wurde in Moskau weitgehend ignoriert, mancher Starter musste sich gar als Verräter schmähen lassen. In der paralympischen Welt hingegen sah das ganz anders aus: Einige Monate nach den Spielen lud Wladimir Putin zu einem vier (!) Stunden dauernden Empfang in den Kreml. Munter verteilte er Orden unter den 88 Sportlern, die 20 goldene und 44 weitere Medaillen gewonnen hatten, und rühmte ihren Auftritt in Paris unter den erschwerten Bedingungen. Und der Leichtathlet Andrej Wdowin pries zum Dank Putins Engagement für die Entwicklung des Parasports.

Schon damals erhielten Goldmedaillengewinner vom russischen Staat vier Millionen Rubel (umgerechnet gut 40 000 Euro), für Silber gab es 2,5 Millionen und für Bronze 1,7. Im Vorjahr sagte Putin, dass die Prämien für Siege bei internationalen Paralympics-Wettkämpfen erhöht werden sollten. Das Geld soll jetzt aus dem russischen Sportfonds fließen, einer im Vorjahr auf Putins Anweisung auf den Weg gebrachten Einrichtung, die insgesamt ein Volumen von zwölf Milliarden Rubel im Sport verteilen soll. Ein Drittel dieser Summe soll insgesamt zusätzlich in den paralympischen Sport gehen.

Zugleich fruchtete die Lobbyarbeit der russischen Seite im Parasport. Traditionell war das IPC immer strenger gewesen als das Internationale Olympische Komitee (IOC). 2016 in Rio de Janeiro verhängte das damals noch von Philip Craven geleitete IPC wegen des Staatsdopingsystems schon einen Komplettausschluss, als Thomas Bachs Olympier noch so taten, als sei nichts geschehen, und eine 270 Sportler große Gruppe unter russischer Flagge antreten ließen. Aber unter Cravens Nachfolger Andrew Parsons präsentierte sich das IPC tendenziell russlandfreundlicher.

Im Herbst 2025 wurde die Suspendierung aufgehoben, dann wurden noch sechs Sportler zu den Spielen gelotst

2022 in Peking sollte Russland trotz der kurz zuvor erfolgten Vollinvasion in der Ukraine teilnehmen dürfen, erst ein gewaltiger Aufschrei vereitelte dies. Aber schon in Paris waren auffallend viele russische Paralympier dabei. Und im Herbst 2025 folgte der entscheidende Schritt: Da hob die Generalversammlung des IPC die Suspendierung von Russland (und Belarus) mit großer Mehrheit auf – damit war die Rückkehr von Flagge und Hymne möglich. Danach wurde alles so eingespielt, dass sechs russische Sportler per Wildcard noch eine konkrete Zulassung erhielten.

Sechs Sportler sind zwar erheblich weniger als vor anderthalb Jahren in Paris, weil die Veranstaltung generell viel kleiner ist und nur ein Siebtel der Wettbewerbe umfasst, und es sind auch weniger als noch in Pyeongchang 2018. Das liegt vor allem daran, dass in den Mannschaftssportarten wie Rollstuhl-Curling oder Para-Eishockey keine russischen Athleten zugelassen sind, ebenso wenig im Biathlon. Aber die sechs Athleten, die dabei sind und in insgesamt 18 Wettbewerben an den Start gehen, dürften ziemlich erfolgreich abschneiden. Alexej Bugajew (Ski alpin) sicherte sich 2014 und 2018 insgesamt sieben paralympische Medaillen und zwischendurch zahlreiche WM-Titel, im Langlauf zählt Iwan Golubkow zu den Favoriten. Die Teilnahme dieses Duos erregte auf der ukrainischen Seite besonderen Ärger: Denn es war unter den Sportlern, die Putin nach dem kurzfristigen Ausschluss des Landes von den Spielen 2022 empfing.

Ein Veteran aus dem Ukraine-Krieg ist unter dem Sextett zwar nicht. Aber bei den Spielen in Los Angeles kann man damit rechnen.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

IOC
:Der Trick, mit dem Russland in den Weltsport zurückkehren kann

Das IOC hat Russland nie wegen des Krieges suspendiert – sondern aufgrund einer Formalie. In Mailand starten zwar nur 13 „neutrale Athleten“, aber das dürfte bald wieder anders aussehen.

Von Johannes Aumüller

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: