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Parathletin Marieke Vervoort:"Ihr Tod berührt uns tief"

Marieke Vervoort

Marieke Vervoort bei den Olympischen Spielen in London 2012.

(Foto: Adrian Dennis/AFP)

Belgien trauert um die erfolgreiche Parathletin Marieke Vervoort, die unter einer unheilbaren Muskelkrankheit litt. Auch das Königshaus kondoliert.

Die mehrmalige Paralympics-Medaillengewinnerin Marieke Vervoort ist tot. Sie beendete am Dienstag im Alter von 40 Jahren ihr Leben durch Sterbehilfe, wie der Bürgermeister ihres Heimatortes Diest in Belgien mitteilte. Die mit dem Rennrollstuhl erfolgreiche Parathletin litt unter einer unheilbaren Muskelkrankheit. "Die Öffentlichkeit sieht mich immer nur Medaillen und Preise gewinnen, sieht aber nie die schreckliche Seite meines Doppellebens", sagte sie 2016 in einem Interview der Tageszeitung Welt.

Bemerkbar machte sich Marieke Vervoorts Krankheit offenbar schon im Alter von 14 Jahren, später war sie auf einen Rollstuhl angewiesen. In den vergangenen Jahren sprach sie häufig über ihr Leiden, sie berichtete von epileptischen Anfällen und davon, dass sie beim Kochen einmal heißes Wasser über sich geschüttet hatte und vier Monate ins Krankenhaus musste. In einem Interview mit dem Telegraph Ende 2017 sprach sie zudem von schwindender Sehkraft, Krämpfen und Schlafmangel. "Ich möchte nicht mehr leiden", sagte sie: "Es ist nun zu schwer für mich. Ich werde immer depressiver. Ich hatte diese Gefühle nie zuvor. Ich weine viel." Zuletzt erfüllte Vervoort sich noch einige Wünsche, als Beifahrerin fuhr sie vor einigen Wochen etwa in einem Lamborghini über die Rennstrecke im belgischen Zolder.

Auch die Tennisspielerin Kim Clijsters kondoliert

In Belgien ist aktive Sterbehilfe seit 2002 unter bestimmten Bedingungen erlaubt, anders als zum Beispiel in Deutschland. Vervoort hatte schon 2008 die notwendigen Dokumente unterzeichnet; sie sprach auch öffentlich über das Thema, etwa im Rahmen eines TV-Beitrags 2015. Auf einer Pressekonferenz bei den Paralympischen Spielen in Rio 2016 erklärte sie nach dem Gewinn einer Silbermedaille, dass sie nach dem Event keine Sterbehilfe in Anspruch nehme - entgegen dem, was Medienberichte offenbar suggeriert hatten. Dass sie die entsprechenden Unterlagen habe, gebe ihr aber "ein Gefühl der Ruhe". Sie halte die Papiere bereit für "die Zeit, dass ich mehr schlechte als gute Tage habe".

Als Sportlerin war Vervoort unter anderem im Paratriathlon erfolgreich; da wurde sie mit dem Handbike zweimal Weltmeisterin; 2007 nahm sie auch am Ironman auf Hawaii teil. Bei den Paralympics 2012 in London holte sie Gold über 100 und Silber über 200 Meter im Rennrollstuhl, bei der WM in Doha 2015 sammelte sie dreimal Gold, ein Jahr später bei den Paralympics in Rio kamen zwei weitere Medaillen hinzu. Daneben erhielt sie viele persönliche Auszeichnungen, 2015 etwa jene als Belgiens paralympische Sportlerin des Jahres.

Die Nachricht von Vervoorts Tod sorgte für viele Reaktionen in Belgien. "Ein wahrer Champion und eine Quelle der Inspiration", twitterte etwa Kim Clijsters, die Gewinnerin von vier Grand-Slam-Turnieren im Tennis, "aber vor allem eine wunderbare, warmherzige Frau." Auch das belgische Königshaus kondolierte: "Ihr Tod berührt uns tief. Kraft an ihre Familie und Freunde."

Die Süddeutsche Zeitung berichtet in der Regel nicht über Suizide, assistierte Suizide und versuchte Selbsttötungen, außer sie erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Erste Anlaufstelle für Menschen in Krisensituationen ist die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Hotline 0800/1110111 oder 0800/1110222 erhalten Betroffene Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.

© SZ vom 24.10.2019 / SZ/tbr
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