Paralympics:Das Rätsel um Prothesen-Springer Markus Rehm

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Markus Rehm, kurz bevor er Deutscher Meister im Weitsprung wird.

(Foto: Adrian Dennis/AFP)

Hat Weitspringer Rehm durch seine Karbon-Prothese gegenüber Nichtbehinderten einen Vorteil? Wissenschaftler haben es untersucht und sagen: Ja und nein.

Von Ulrich Hartmann, Köln

Der Weitspringer Markus Rehm war am Montag nicht zufällig ins Deutsche Olympiamuseum gekommen. Der 27 Jahre alte Wahl-Leverkusener trägt nach einem Unfall in der Jugend am rechten Bein eine Unterschenkelprothese. Er springt damit weiter als viele gesunde Spitzensportler. Mit seiner Topleistung von 8,40 Metern, aktueller Paralympics-Weltrekord, hat er sich in der ewigen Bestenliste der Nichtbehinderten auf den geteilten 50. Platz geschoben. Rehm möchte seine Fähigkeiten nicht nur bei den Paralympischen Spielen im September in Rio de Janeiro einbringen, sondern zuvor auch schon bei den Olympischen Spielen. Die Norm von 8,15 Metern hat er zuletzt um drei Zentimeter übertroffen. Doch für den Olympiastart eines Prothesenträgers hat der skeptische Leichtathletik-Weltverband IAAF im vergangenen Jahr einen Passus in seine Statuten gepflanzt. Jeder Sportler muss nachweisen, dass ihm seine Prothese keinen Vorteil verschafft.

Am Montag ist Rehm also ins Olympiamuseum nach Köln gekommen, um die Ergebnisse dreier Gutachter zu präsentieren und sich seinen Olympiatraum vielleicht doch noch zu erfüllen. Allerdings wird dies gut zwei Monate vor dem Beginn der Spiele schwierig, denn die Sachverständigen aus Köln, Boulder/Colorado und Tokio können nach akribischen Messungen nicht klar sagen, ob Rehm durch seine Prothese nun einen Vorteil oder einen Nachteil hat. Er hat nämlich beides: erst einen Nachteil beim Anlauf, dann einen Vorteil beim Absprung. "Es ist unmöglich, den Anlaufnachteil gegen den Absprungvorteil aufzuwiegen", sagt Professor Wolfgang Potthast vom Institut für Biomechanik und Orthopädie an der Kölner Sporthochschule.

Rehm und sein Manager Lars Bischoff halten es freilich schon für einen Affront, dass der Weltverband den Athleten die Beweislast aufdrängt. "So eine Studie kann sich eigentlich kein Sportler leisten", schimpft Bischoff. Rehm hatte Glück, dass sich vor einem Jahr das japanische Fernsehen für ihn interessierte. Für die Reihe Miracle Body des Senders NHK wurden Rehms Bewegungsabläufe analysiert. Maximalsprints und Absprünge wurden mit Hochgeschwindigkeitskameras gefilmt. Mit Kraftmessplatten am Körper wurde überdies der energetische Beitrag seiner Karbonprothesen mit den Werten aus den Gelenken nichtbehinderter Spitzensportler verglichen. "Wir konnten Nachteile beim Anlauf feststellen, die eindeutig der Prothese zuzuordnen waren", erklärte Potthast, "aber ebenso eine dadurch verbesserte Sprungeffizienz."

Allein die Vorlage eine seriösen Gutachtens gibt Rehm ein gutes Gefühl. "Die Debatte der vergangenen zwei Jahre hat mich belastet", sagte er, "ich wollte nie einen Vorteil haben und mich auch für nichts entschuldigen müssen - deshalb wollte ich Klarheit und weiß jetzt, dass ich unter dem Strich durch die Prothese keinen Vorteil habe." Nachteil + Vorteil = kein Vorteil, so interpretiert er die Studie. Rehm erwartet, dass ihm die IAAF nun entgegenkommt. "Die IAAF kann nicht einfach immer nur nein sagen, weil sie auch eine gesellschaftliche Verantwortung hat", sagt Rehm. Friedhelm Julius Beucher, Präsident des Deutschen Behinderten-Sportverbands, assistiert: "Will man etwa einen Behinderten nur einfach nicht in der heilen Welt der Nichtbehinderten mitspringen lassen?"

Der Leichtathletik-Weltverband will sich Mitte Juni mit dem Fall beschäftigen

Beim Weltverband tagt am 17. Juni eine kürzlich eingerichtete Arbeitsgruppe, um sich mit dem Fall zu beschäftigen. Man müsse erst das Gutachten auswerten, teilt ein Sprecher mit. Rehm wünscht sich, dass der Weltverband zumindest eine Möglichkeit schafft, Behinderte und Nichtbehinderte in getrennten Wertungen gemeinsam springen zu lassen, im gleichen Wettkampf: "Mir geht es nicht um eine olympische Medaille, sondern darum, meinen Sport auf der größeren Bühne präsentieren zu dürfen." Auch angesichts der wenig signalträchtigen Ergebnisse aus dem Gutachten hebt Rehm die Debatte von der technologischen Ebene immer wieder auf eine ethische und fordert von der IAAF, sich für gemeinsame Wettbewerbe zu öffnen. "Ich verstehe ernsthaft nicht, wo das Problem ist, sich dazu mal gemeinsam an einen Tisch zu setzen", sagt er. Einklagen will er seine Olympia-Teilnahme zunächst nicht.

Rehm weiß, dass die Annäherung von olympischem und paralympischem Sport "in den Köpfen beginnen muss". Das Museum in Köln, in dem er seinen Olympiatraum ("Auf dem Sprung nach Rio") am Montag vor großem Medienaufgebot vorbringt, heißt "Deutsches Sport- und Olympia-Museum" - und nicht "Deutsches Sport-, Olympia- und Paralympics-Museum". Schon okay, findet Rehm. "Ich weiß, dass hier bald auch Ausstellungsstücke von den Paralympics zu sehen sein werden", sagt er. Ein Teilerfolg, um dem Behindertensport mehr Aufmerksamkeit und Gleichberechtigung zu verschaffen.

© SZ vom 31.05.2016/schm
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