Paralympics:Der schöne Schein der Medaillen

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Paralympics: Salut mit Gold: Langläuferin Yang Hongqiong bei der Siegerehrung.

Salut mit Gold: Langläuferin Yang Hongqiong bei der Siegerehrung.

(Foto: Michael Steele/Getty Images)

Trotz fehlender Wintersporttradition dominiert China die Wettkämpfe bei den Paralympics. Mit großem Aufwand werden Talente für den Spitzensport gesichtet - ob die behinderten Menschen im Land davon profitieren, ist fraglich.

Von Ronny Blaschke

Das, was Andrew Parsons wohl am wichtigsten war, haben die meisten Chinesen nicht gehört. "Peace", schrie der Präsident des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC) am Ende seiner Rede bei der Eröffnungsfeier. "Ich bin entsetzt, was gerade jetzt in der Welt passiert", hatte er zuvor gesagt. Doch seine Sätze zur politischen Weltlage wurden im Staatssender CCTV offenbar zensiert. Das IPC bat den Sender um eine Erklärung.

Gleich zum Auftakt der 13. Winterspiele für Menschen mit Behinderung am vergangenen Freitag wurden somit jene Kritiker bestätigt, die genau wie Olympia auch Paralympics in China wegen Menschenrechtsverletzungen und fehlender Meinungsfreiheit für einen Skandal halten. Und nun, nach den ersten Wettkämpfen, hat sich auch eine weitere Vorahnung den Ausrichter betreffend bestätigt. Allerdings ist es eine mit positiver Konnotation: Sieben Gold-, acht Silber- und zehn Bronzemedaillen gewannen die Gastgeber an den ersten drei Tagen der Spiele.

Zuvor hatte China seit seiner Premiere bei den Winter-Paralympics 2002 nur eine Medaille geholt - Gold im Curling 2018. Angesichts des Potenzials von mehr als 80 Millionen Menschen mit Behinderung sei es allerdings "nicht verwunderlich, dass man auch Spitze entwickeln kann", sagt Friedhelm Julius Beucher, der Präsident des Deutschen Behindertensportverbands (DBS).

Es gibt auch im Sport nur noch ganz wenige Botschaften der Kommunistischen Partei Chinas, die im Westen halbwegs unkritisch aufgegriffen werden. Eine davon: Die Sommer-Paralympics 2008 hätten die Rechte von behinderten Menschen in der Volksrepublik gestärkt. Immer wieder verweist Peking auf den "Aufbruch" von damals, den Bau von barrierefreier Infrastruktur in den Metropolen, die Verabschiedung von Gesetzen in Bildung und Gesundheitsvorsorge, die Etablierung des Behindertensports. Es ist eine Erzählung, die das Regime nun fortschreiben möchte.

"Wer es nicht an die Spitze schafft, wird vom System wieder ausgespuckt"

Stephen Hallett kann gut beurteilen, was sich hinter der Fassade verbirgt. Der Wissenschaftler von der Universität Leeds hat lange in China gelebt und dort 2006 mit sehbehinderten Journalisten ein pädagogisches Radioprogramm aufgebaut. "Es sind damals in der Zivilgesellschaft interessante Netzwerke entstanden", sagt Hallett. "Das hat zu einigen Fortschritten geführt."

Mit Blick auf 2008 wurde in einem Vorort Pekings das weltweit größte Trainingszentrum für Behindertensport errichtet. "Die Talentsichtung reicht von der nationalen Ebene über die Provinzen und Städte bis in Dörfer", sagt der chinesische Gesundheitsexperte Wei Wang, der im australischen Perth lehrt: "Daran beteiligt sind Krankenhäuser, Wohltätigkeitsorganisationen und Schulen."

Die Folge: Seit 2004 in Athen dominiert die Volksrepublik den Medaillenspiegel der Sommer-Paralympics - bei keinem anderen Sportereignis kann sie ihre politischen Rivalen so weit hinter sich lassen. Und während bei den Olympischen Winterspielen im Februar trotz eines Rekordergebnisses noch eklatante Schwächen offensichtlich waren, deutet sich nun auch bei den Winter-Paralympics Chinas Dominanz an, zumal in Abwesenheit des wegen des Krieges in der Ukraine gesperrten russischen Teams.

Paralympics: Verblüffende Dominanz: 15-Kilometer-Langlauf-Sieger Zheng Peng (Mitte) mit Mao Zhongwu (Silber; rechts) und dem Viertplatzierten Du Tina (links).

Verblüffende Dominanz: 15-Kilometer-Langlauf-Sieger Zheng Peng (Mitte) mit Mao Zhongwu (Silber; rechts) und dem Viertplatzierten Du Tina (links).

(Foto: Jens Büttner/dpa)

Das chinesische Regime deutet diese Überlegenheit als Sinnbild für die Fürsorge des Sozialstaats. Doch: "Tatsächlich haben die Paralympics in China wenig Einfluss auf die Bevölkerung", sagt Wissenschaftler Hallett. "Im Gegenteil: Sie sind ein Symbol für Absonderung." Athleten, die für den Spitzensport rekrutiert werden, müssten Monate in spartanischen Trainingszentren verbringen. "Wer es nicht an die Spitze schafft, wird vom System wieder ausgespuckt", sagt er. "Auch Medaillengewinner erhalten nach ihrer Laufbahn wenig Unterstützung."

Die Wahrnehmung von Menschen mit Behinderung ändert sich in China auch wegen jahrhundertealter Traditionen nur langsam. Im Konfuzianismus gelten gesunde und "produktive" Kinder als ideal, weil sie ihre Angehörigen pflegen und die Familienlinie fortschreiben können. In der jüngeren Geschichte haben radikale politische Umwälzungen wie die Kulturrevolution Millionen Menschen mit einer Behinderung hervorgebracht. Aktuell sind es auch Umweltschäden und frühere Abtreibungen infolge der Ein-Kind-Politik, die sich auf die Gesundheit auswirken.

Abseits der Metropolen endet die Förderung: "Die Regierung hat zu wenig dafür getan, Sport als Teil der Rehabilitation zu etablieren."

Drei Viertel der behinderten Menschen leben auf dem Land, fernab der Metropolen, fernab der prestigeträchtigen Medaillenproduktion. "Die Regierung hat zu wenig dafür getan, den Sport als Teil der Gesundheitsvorsorge und der Rehabilitation zu etablieren", sagt Hallett.

Gerade darin liegt der Ursprung der paralympischen Bewegung. Bereits in den 1940er Jahren hatte der Neurologe Ludwig Guttmann die positive Wirkung von Sport auf behinderte Menschen betont. In England organisierte er 1948 für Kriegsveteranen einen Wettkampf im Bogenschießen - die Stoke Mandeville Games for the Paralyzed, das Fundament der späteren Paralympics.

Auch in anderen Ausrichternationen gab es Rückschläge. Nach den Paralympics 2000 in Sydney erweiterte die australische Regierung die Bauvorgaben für Barrierefreiheit, aber die Sportförderung wurde zurückgefahren. 2014 in Sotschi galten die Sportstätten als Musterbauten, doch fernab der russischen Metropolen sind behinderte Menschen in Gesundheitsvorsorge und Jobsuche weiter im Nachteil. Vor den Spielen in Rio 2016 erarbeitete die brasilianische Regierung ein Antidiskriminierungsgesetz, in den Favelas jedoch können Menschen mit Behinderung häufig ihre Wohnungen nicht verlassen.

Inhaltlich wird das Thema in China durch den staatsnahen Behindertenverband dominiert. "Diese Organisation ist relativ verschlossen und beschäftigt nur wenige Mitarbeiter mit einer Behinderung", sagt Hallett. Der Verband unterstützte in den vergangenen Jahren die Suche nach paralympischen Trainern und Technikexperten aus Europa, ein Italiener für das alpine Team und ein Belarusse für die nordischen Disziplinen sind Beispiele.

Dass Athleten mit und ohne Behinderung von den gleichen Sportstätten, Prämienregeln und Fortbildungen profitieren, wie es in der Sportförderung westlicher Gesellschaften inzwischen oft ist, das sei in China allerdings noch fern, sagt Hallett. Und auch die Effekte der Paralympics für die Inklusion behinderter Menschen ohne Medaillenchancen dürften sich in Grenzen halten.

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