Süddeutsche Zeitung

Para-Sportlerin Renner:Am Anfang des Tunnels

Lesezeit: 3 min

Anja Renner hat das Usher-Syndrom, sie verliert nach und nach ihr Augenlicht. Sie musste ständig loslassen: vom Bergsport, Rad- und Autofahren. Bis sie sich vor einem Jahr entschied, Para-Triathletin zu werden - nun kämpft sie bei den Paralympics um Medaillen.

Von Sebastian Winter

Anja Renner sieht nicht mehr viel. Täglich wird es weniger. Momentan ist es noch so, als würde sie durch eine Klopapierrolle schauen. Links und rechts ist das Sichtfeld eher grau, fleckig, je nach Tagesform des Auges und je nach Lichtverhältnissen. Renner benutzt das Bild der Klopapierrolle öfter, wenn sie von ihrer Erkrankung erzählt, so können sich auch Laien ungefähr vorstellen, was sie sieht - und was nicht. In nicht allzu ferner Zukunft wird sie wohl nur noch wie durch ein kleines Schlüsselloch blicken können. Und noch ein wenig später wird ihr Sichtfeld so klein sein, dass es ihr vorkommt, als blicke sie durch einen Strohhalm. Ob sie komplett erblindet, und wann, das weiß Renner nicht.

Aber sie weiß, dass sie in einen Tunnel fährt, an dessen Ende es kein Licht mehr geben wird.

Renner, 37, hat das Usher-Syndrom, eine Hörschädigung in Verbindung mit einer Degeneration der Netzhaut. Es ist eine genetische Erkrankung, als Baby hörte sie schon schlecht. Ein Hörgerät wollte sie als Kind und Jugendliche aber nie tragen, "ich habe mich geschämt dafür", und so lernte sie, Lippen zu lesen. Erst als sie berufstätig wurde, freundete sie sich auch mit dem Hörgerät an. Die Augenerkrankung, und damit das ganze Ausmaß, bekam sie erst diagnostiziert, als sie 25 Jahre alt war. Renner war mit einer Bindehautentzündung zum Augenarzt gegangen, einen gewissen Tunnelblick hatte sie da schon. Der Arzt überwies Renner an die Augenklinik der Ludwig-Maximilians-Universität in München, dort bekam sie die niederschmetternde Diagnose. "Ich habe das erst mal weggeschoben. Ich hatte solche Angst vor diesem Gedanken, dass ich erblinde", sagt Renner.

Das Usher-Syndrom mache was mit einem, erzählt sie, man müsse ständig loslassen: Fußball, Volleyball, Squash, das sie alles so geliebt hat; Fahrradfahren, Autofahren, anspruchsvolle Bergtouren. Geht alles nicht mehr, weil es inzwischen zu riskant ist für Renner. Ihr Sehvermögen liegt zurzeit noch bei etwa zehn Prozent. Sie sagt: "Man muss andere Wege finden."

Die blonde Frau aus Neuburg an der Donau, die inzwischen in Gmund am Tegernsee lebt, hat einen anderen Weg gefunden.

Renner beschloss, Triathletin zu werden, angestoßen durch ihren Mann, einen Liebhaber dieses Sports. Und sie war darin so gut, dass sie auf das größte Ziel hinarbeitete: den Ironman auf Hawaii. Noch vor der Corona-Pandemie war das, doch der Plan ging nicht auf. Das harte, umfangreiche Training, ihr Vollzeitjob in der Krebsforschung, ein Hausbau und die Beziehung mit ihrem Mann: Es wurde ihr alles zu viel. Außerdem hatte sich ihr Sehvermögen in der Zeit weiter verschlechtert, was vor allem das Radfahren erschwerte. "Ich habe gespürt, ich muss einen Cut machen. Die Zeit rennt mir davon, die ich noch sehend auf der Welt bin."

Renner trat auf die Bremse, zog mit ihrem Mann nach Gmund, kündigte ihren Job. Vier Jahre später, im Februar 2023, entstand die Idee, in den Para-Sport einzusteigen, auch weil sie Biografien blinder Athleten wie der zwölfmaligen Paralympics-Siegerin Verena Bentele und Bergsteiger Andy Holzer nachhaltig beeindruckt hatten. Die Entscheidung erwies sich als goldrichtig. Denn Renner hat sich seither in Windeseile zu einer der besten Athletinnen ihrer Klasse entwickelt. Mit Guide Maria Paulig war sie gerade in Devonport, Australien, bei einem hochkarätigen Weltserienrennen, über dem eigentlich nur noch die WM und die Paralympics stehen - und gewann es. In 1:06:54 Stunden bewältigte das Duo die paralympische Distanz (750 Meter Schwimmen, 20 Kilometer Radfahren, 5 Kilometer Laufen). Preisgeld gab es dafür nicht, dafür etwas viel Wichtigeres: Durch ihren allerersten Weltserienerfolg hat Renner das große Ziel, das sie seit ihrem Umstieg hatte, nahezu sicher: die Qualifikation für die Paralympics in Paris.

Es ist ein Triumph für eine Frau, die seit ihrer Geburt mehr verloren als gewonnen hat. Und die lernen musste, zu vertrauen. Sie arbeitete mit mehreren Guides zusammen, aber erst mit Paulig hat sie das Gefühl, ein perfektes Duett zu bilden. Im Wasser, wo beide ein elastisches Band verbindet, damit sie sich nicht verlieren; auf dem Tandem, wo die sehende Paulig vorne sitzt und Renner leitet, bei bis zu 70 km/h; beim Laufen, wo das Band nicht elastisch ist. "Ich musste mich erst daran gewöhnen", sagt Renner, "bin da aber auch unerschrocken."

Der Sport bietet ihr in gewisser Weise auch einen geschützten Raum, trotz aller Risiken. Sie weiß, dass es für sie viel gefährlicher wäre, von Gmund in die Großstadt nach München zu fahren, mit all den Fallen, Hindernissen und Gefahren. Zweimal hat sie beim Radtraining erlebt, was passieren kann, einmal ist sie von einem Auto über den Haufen gefahren worden.

Also lieber: Fokus auf Paris. Im Mai plant sie noch einen Wettkampf in Japan, im Juni in Italien und Frankreich, im Juli in Ungarn. Anfang September sind die Paralympics, der Triathlon beginnt dann mit einem Kopfsprung in die Seine. Denn dort findet das Schwimmen statt - vorausgesetzt, die Wasserqualität stimmt. Im vergangenen Sommer stimmte sie nicht, Renner und Paulig waren Teil eines Weltcups dort, der zugleich Probewettkampf für 2024 war. Sie trainierten fleißig in der Seine, bis die Veranstalter aus dem Triathlon einen Duathlon machten. Das Wasser war zu dreckig. Renner und Paulig gewannen den Testlauf, danach lag Renner mit einer Magen-Darm-Infektion flach.

Sie würde auch das in Kauf nehmen, sollte sich ihr Traum, eine Paralympics-Medaille in Paris, erfüllen. Der Tunnel kommt früh genug.

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