Mit einem breiten Grinsen kommt Lisa den Berg herunter. Obwohl es schneit, regnet und der Schnee klebt, merkt man, dass hier alle Spaß haben. Heute dürfen Lisa und ihre Klasse den Bi-Ski testen – eine Sitzschale auf zwei Skiern mit Handstabilisatoren. Das Fazit der Zehnjährigen fällt positiv aus: „Es war ein cooles Gefühl, weil man nur mit den Händen lenkt.“
Möglich macht solche Erfahrungen ein Inklusionsmobil, das – initiiert von der Aktion Mensch, dem Deutschen Behindertensportverband und einer großen Supermarktkette – seit 2024 durch ganz Deutschland tourt. Es hatte schon Stopps in jedem Bundesland. Ein Team rund um Botschafter Niko Kappel, aktueller Weltmeister im Para-Kugelstoßen, besucht dabei vornehmlich Vereine und Schulklassen. „Wir wollen, dass Kinder und Jugendliche Sport in der Gemeinschaft erleben – egal, ob mit oder ohne Behinderung“, erklärt Kappel.
Bei den Terminen geht es um Einblicke in Rollstuhlsport, Blindensport oder Sport für Menschen mit Amputation, und darum, wie man die Rahmenbedingungen einer Sportart so setzen kann, dass alle mitmachen können. Weil die Nachfrage so hoch ist, kann die Initiative für 2026 bereits 50 Stopps bei mehr als 350 Anfragen verbuchen. Allerdings ist es am Dienstag etwas anders als sonst: Am Skihang in Götschen geht es das erste Mal um Wintersport und darum, wie Menschen mit Behinderung diesen ausüben können. Denn hier sind die Hürden noch mal höher als in anderen Sportbereichen. Neben kostspieligem Material braucht es Trainer, die einem das Skifahren auf einer Sitzschale beibringen. Für die Kinder am Aktionstag gibt es natürlich genügend Betreuer mit dem richtigen Know-how.
Leon Gensert, der hier noch als Trainer mitmacht, wird bald bei den Paralympischen Spielen starten
Die erste Herausforderung: überhaupt in die Sitzschale zu kommen. Was bei gelernten Mono-Skifahrern (hier ist anstelle zweier Ski nur einer unter der Sitzschale befestigt) so simpel wie das Anschnallen im Auto aussieht, benötigt bei den Kindern eine Person, die die Balance hält, und eine weitere, die die Gurte zurechtzurrt. Dabei darf man den Gurt für den Lift nicht einklemmen. Denn das nächste Problem sind die Lifte, die nicht für alle Menschen konzipiert sind. Zumindest bei Schlepp- und Tellerliften lässt sich dieses Problem mithilfe eines losen Gurtes lösen, der um den Bügel oder Teller gespannt wird.
Auch oben am Hang brauchen Anfänger eine Begleitperson. Diese hilft mittels eines Griffbügels wie an einem Kinderwagen, den Bi-Ski in der Balance zu halten und Kurven einzuleiten. Zusätzlich ist das Team aus Hilfsperson und Wintersportler während der Abfahrt mit einem Gurt aneinander befestigt – um so viel Sicherheit zu gewährleisten, wie es bei alpinen Sportarten eben möglich ist.

Insgesamt sind diesmal elf skierfahrene Schüler ohne Behinderung mit einem Lehrer da. Sie werden von acht Begleitpersonen und drei Nachwuchstalenten im Monoskisport betreut. Georg Kreiter, zweifacher Monoski-Weltmeister von 2015, und Leon Gensert, ein Skifahrer, der bei den Paralympics 2026 antritt, sind als Trainer dabei. „Die Kinder haben sich echt super angestellt“, findet Kreiter, sie hätten „haben Spaß gehabt und das Beste aus den Wetterbedingungen gemacht“.
Kreiters nächster Auftritt im Monoski-Kosmos ist dann nicht mehr auf der Piste, sondern als ZDF-Experte für die Ski-alpin-Rennen bei den Paralympics (6. bis 15. März). Bei denen gibt Gensert sein paralympisches Debüt. „Ich bin erst mal froh, dass ich mich noch qualifizieren konnte nach meiner Verletzung“, erklärt er seine Vorfreude auf die Spiele. Anfang September brach sich der 21-Jährige das Schlüsselbein und konnte sich erst kurz vor knapp für die Spiele empfehlen. Als Experte feuert Kreiter den Debütanten auf jeden Fall an: „Ich hoffe, die Bedingungen sind fair, und ich drücke ihm natürlich alle Daumen, die ich habe.“
Sobald Gensert auf der Piste fährt, fühle er sich „frei“, erzählt er, und dieses Gefühl sollten auch die Kinder auf dem Bi-Ski mitnehmen. Auf einem Anfängerhang haben sie zuvor mit jedem Schwung mehr Handeinsatz eingebracht und mehr Verantwortung selbst übernommen. So, dass die Begleitpersonen weniger nachhelfen mussten. Trotz der Fortschritte der Kinder ist es am Ende allerdings Kappel selbst, der die ersten Schwünge auf dem Bi-Ski ohne Begleitung wagt.
Nach einem Tag voller Mono- und Bi-Ski-Erfahrungen hat das Inklusionsmobil seinen Zweck erfüllt: Die Kinder haben sich mit dem Thema Teilhabe im Wintersport auseinandergesetzt und Einblicke in die Para-Sportwelt gewonnen. Normalerweise fährt Lisa auf beiden Beinen im Stehen Ski, aber nach ihren Erfahrungen im Bi-Ski sagt sie: „Eigentlich macht beides gleich viel Spaß.“

