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Para-Sport:Raus aus dem Keller

Niko Kappel Training Session

Training im Park statt Paralympics-Vorbereitung: Niko Kappel im April in seiner Heimat Welzheim.

(Foto: Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images)

Kugelstoßer Niko Kappel musste wie viele andere Sportler auch sein Training während der Corona-Zeit improvisieren - und steigert trotzdem bei seiner Rückkehr in den Wettkampfsport sofort den Weltrekord.

Von Sebastian Fischer, Welzheim/München

Dass der Kugelstoßer Niko Kappel mal wieder einen Weltrekord aufgestellt hat, das hat auch mit der Architektur des Hauses in Welzheim in Baden-Württemberg zu tun, in dem er in einer Wohnung wohnt. Sein fensterloser Kellerraum, sagt Kappel, grenze an die Außenwand. Und so konnte er dort von März an, als die Corona-Pandemie gewöhnliches Training unmöglich machte, nicht nur einen Kraftraum einrichten, mit Gummimatten auf dem Boden. Er konnte auch, ohne dass sich die Nachbarn beschwerten, eine drei Kilo schwere Kugel "ein bisschen gegen die Wand donnern", um seine Form nicht zu verlieren. Das ist ihm gelungen.

In der paralympischen Leichtathletik werden häufig Weltrekorde aufgestellt, auch weil die Bedingungen für die Athleten weiterhin professioneller werden, Potenziale noch nicht ausgeschöpft sind. Doch dass Kappel, 25 Jahre alt, 1,40 Meter groß, am Sonntag bei einem Wettkampf in Bad Boll die Kugel 14,30 Meter weit stieß und damit weiter als je ein kleinwüchsiger Mensch zuvor, das war dann doch außergewöhnlich. Zum einen, weil er zwei Wochen vorher in Stuttgart bereits 14,40 Meter gestoßen hatte, der Weltrekord vom Internationalen Paralympischen Komitee (IPC) aber nicht anerkannt wurde, da der Wettkampf - sein erster nach der Corona-Pause - zu kurzfristig angesetzt worden war. Zum anderen, weil sich derzeit wohl die meisten Profisportler sorgen, wie sie den unvermeidlichen Trainingsrückstand der vergangenen Monate aufholen. Kappel dagegen ist offenbar besser geworden.

Zu Beginn der Krise hatte sich der Paralympics-Sieger von 2016, der in seiner Heimat für die CDU im Gemeinderat sitzt, als Athlet mit sportpolitischem Bewusstsein hervorgetan. Früh forderte er eine Verlegung der Spiele in Tokio. Spätestens als feststand, dass Olympia und Paralympics erst 2021 stattfinden sollen, begann für ihn die Zeit der Improvisation.

Kappel ist nicht nur wegen seiner Erfolge einer der bekanntesten paralympischen Athleten in Deutschland, sondern auch wegen seiner Lust daran, für den Sport von Menschen mit Behinderung in der Öffentlichkeit zu werben; oft witzig bis albern, aber auch mit ernsthaften Zwischentönen. Die verschiedenen Phasen der Pandemie kann man anschaulich auf seinem Instagram-Kanal nachverfolgen: Erst Aufrufe, zu Hause zu bleiben, dann Beschäftigungstherapie in den eigenen vier Wänden - und immer wieder ungewöhnliches Training, mal auf einem Feldweg, meistens im Keller. Nach Kniebeugen mit 212 Kilogramm gingen ihm die Gewichte aus.

Die entscheidende Phase, um trotz Wettkampfpause in Rekordform zu kommen, habe dann mit den Lockerungen begonnen, sagt Kappel: Als er wieder unter Anleitung seines Trainers Peter Salzer üben durfte. Das Streben nach Höchstleistungen im Para-Sport sei manchmal wie Forschungsarbeit. Es geht im Grunde darum, herauszufinden, welche Methoden aus dem olympischen Sport er trotz anderer Hebelwirkung aufgrund seiner Körpergröße adaptieren kann, ohne dabei zu viel an seiner erprobten Routine zu verändern. Die neue Idee war diesmal, es mit etwa fünf Zentimetern mehr Streckung und damit mehr Druck auf dem rechten Bein zu versuchen, um seiner Drehung mehr Geschwindigkeit zu verleihen. Die Idee funktionierte. Es half, dass er langwierige Knieprobleme überstanden zu haben scheint.

Dass es für den Sport, gerade auch den paralympischen, noch immer schwierige Zeiten sind, merkte Kappel daran, dass er den weiten Stoß quasi ankündigen musste, um ihn nun voraussichtlich anerkannt zu bekommen. Als er in Bad Boll die alte Bestmarke des Briten Kyron Duke um elf Zentimeter übertraf, waren anders als in Stuttgart zuvor Vertreter von IPC und Anti-Doping-Agentur Nada zugegen.

Kappel lässt auch nicht unerwähnt, dass sich ein Weltrekord wohl erst dann wie die Weltrekorde zuvor anfühlt, wenn er zumindest theoretisch überall auf der Welt wieder übertroffen werden kann. "In anderen Ländern geht grad noch gar nichts", sagt er. Man kann sich vorstellen, dass er gerne Auskunft gibt, falls jemand fragen sollte, wie man ein Trainingslager im Keller einrichtet.

© SZ vom 07.07.2020
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