Para-Leichtathletik:Zehnkampf? Kann ich auch!

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Para-Leichtathletik: Andreas Walser.

Andreas Walser.

(Foto: Marco Linke / BVS Bayern / oh)

Erst vor gut einem Jahr begann der Augsburger Andreas Walser mit der Leichtathletik. Nun ist der 26-Jährige, der an einer unheilbaren Augenkrankheit leidet, Bayerns Para-Sportler des Jahres und eine Hoffnung für Paris 2024.

Von Jonah Bastisch

Mit der Nachtblindheit fing es an. An ihr merkte Andreas Walser zum ersten Mal, dass etwas nicht stimmte. Jetzt, wo die Tage wieder früher dunkel werden, wird er sein Leichtathletik-Training also grundlegend umplanen müssen. Denn sobald es düster wird, sieht Andreas Walser nichts mehr. Retinitis pigmentosa. So nennt sich die erblich bedingte Augenkrankheit, die man damals bei ihm entdeckte, bei der die Nervenzellen auf der Netzhaut absterben, ohne dass man es verhindern kann. Er hadert nicht groß damit, zumindest macht er nicht den Eindruck am Dienstagabend, als er auf der Bühne in einem Saal in München seine Ehrung entgegennimmt, zum bayerischen Para-Sportler des Jahres 2021. "Ich kann es ja sowieso nicht ändern", sagt der 26-Jährige.

Im Publikum müssen sie schmunzeln, als der langgewachsene Augsburger erklärt, wie und wann er zur Leichtathletik kam. Vor gut einem Jahr habe er den Zehnkampf der Olympischen Spiele von Tokio im Fernsehen verfolgt, beantwortet er die Frage von Diana Stachowitz, der Präsidentin des Behinderten- und Rehabilitations-Sportverbands Bayern. Und da habe er sich gedacht: "Das, was die da machen, das kann ich doch bestimmt auch. Wenn ich jetzt mit dem Training starte, kann ich es locker nach Paris 2024 schaffen."

Eine E-Mail später absolvierte er einen Leistungstest bei der LG Augsburg, die nicht weit von seiner Wohnung entfernt trainiert.

Und die Leistungen des selbstbewussten Leichtathletik-Neulings waren tatsächlich von Anfang an auf einem beachtlichen Niveau. "Die Trainer waren schon sehr beeindruckt", erinnert sich Walser. Auch wenn er zu Schulzeiten schon nicht schlecht in der Leichtathletik gewesen sei, hätten ihn andere Sportarten doch lange mehr gereizt, Fußball etwa, oder Football. Nun hat er bei den deutschen Meisterschaften der Para-Leichtathletik in diesem Sommer 1,86 Meter im Hochsprung geschafft - das ist ein deutscher Rekord. "Leider ist Hochsprung in meiner Klasse nicht olympisch, ich mache es quasi nur zum Spaß", sagt er mit einem Augenzwinkern.

"Ich versuche einfach das Beste daraus zu machen."

Retinitis pigmentosa. Sobald die Krankheit fortschreitet, kommen Symptome wie hohe Blendempfindlichkeit, langsames Anpassen der Augen von hell zu dunkel und die Beeinträchtigung des Farbsehens hinzu, und irgendwann kann sie zur vollständigen Erblindung führen. Walser hat mit seiner Brille auf dem linken Auge noch zehn Prozent, auf dem rechten vier Prozent Sehkraft. Wann und ob es bei ihm zur vollständigen Erblindung kommt, könnten ihm die Ärzte nicht sagen.

"Als es mit den Augen immer schlechter wurde, waren Ball- und Kontaktsportarten eben nicht mehr möglich", erzählt er. In der Leichtathletik hat er mit seiner Sehschwäche noch weniger Probleme, und er ist froh darüber, "dass ich überhaupt noch Sport treiben kann". Nach so kurzer Zeit zählt er bereits zu Bayerns großen Hoffnungen in der Para-Leichtathletik. Die Paralympics in Paris 2024 sind jetzt tatsächlich das große Ziel. "Darauf arbeiten wir hin. Ich bin guter Dinge, dass ich es nach Paris schaffen kann."

Walsers jüngste Leistungen sprechen dafür. Die Mindestanforderung des paralympischen Komitees im Weitsprung von 6,20 Metern hat er bereits übertroffen, mit 6,22 Metern. "Nächstes Jahr möchte ich auch bei internationalen Wettbewerben mitmachen, damit ich auch in der Weltrangliste geführt werde", erzählt er. "Mit der internationalen Klassifizierung habe ich dann auch die Möglichkeit, bei der WM und den Paralympics anzutreten." Den Fokus möchte Andreas Walser auf den Weitsprung und die 100 Meter legen. Bei diesen Disziplinen schätzt er seine Chancen am besten ein.

Jetzt geht das Wintertraining los. Die Zeit, um an den Grundlagen zu arbeiten, ist für ihn besonders wichtig: "Viele Techniken beherrsche ich noch nicht so gut." Wie auch, nach der kurzen Zeit. Das Training läuft neben seinem Studium, Lehramt für Gymnasium in Mathe und Physik. Bis jetzt habe er aber immer alles "sehr gut unter einen Hut bekommen". Und nebenbei ist er noch großer Fan des FC Augsburg und bei fast allen Spielen dabei, daheim wie auswärts, auch das nimmt natürlich Zeit in Anspruch.

Nach der Preisverleihung wirkt Walser stolz und zufrieden, aber auch ehrgeizig. Er hat den Blumenstrauß noch nicht aus der Hand gelegt, da spricht er schon von den Zielen im nächsten Jahr. "Die Hallensaison wird zeigen, wo ich stehe. Wenn es dann draußen wieder los geht, kommt der Moment der Wahrheit." Seine neuen Ziele hat er, Retinitis pigmentosa hin oder her, fest vor Augen.

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