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Para-EM in Berlin:Noch 4000 Würfe

Para Leichtathletik EM Berlin 21 08 2018 Ronny Ziesmer T51 GER BPRSV Cottbus Para Leichtat

Ronny Ziesmer.

(Foto: Axel Kohring/imago)

Der ehemalige Turner Ronny Ziesmer will zu den Paralympics. Mit dem Handbike sind die Erfolgsaussichten gering. Darum lernt er jetzt Keulenwurf.

Von Sebastian Fischer, Berlin

Viele sahen am Ende nicht mehr zu, die Bühne für seine Rückkehr war klein, doch er genoss den Moment. Er verdrängte den Frust, seine Bestleistung verpasst zu haben. Er verdrängte, als er seinen Kontrahenten zusah, dass er das Warten nicht mag. Er hörte die Stimme des Stadionsprechers, die Musik, sie spielten nebenan schon die Hymnen für die Tagessieger. Er sah seinen Namen auf der Anzeigetafel: Rang sieben, Ronny Ziesmer, 24,06 Meter. "Schon erhebend", fand er.

Es war schwarze Nacht, bald Donnerstag, als das Flutlicht im Berliner Jahn-Stadion bunte Sitzreihen anstrahlte und die Ergebnisse im Keulenwurf bei den Europameisterschaften der paralympischen Leichtathletik feststanden; jener Disziplin, in der Ziesmer, 39, der sich vor 14 Jahren als Turner für die Olympischen Spiele in Athen vorbereitete, an den Paralympics 2020 in Tokio teilnehmen will.

Wenn am Wochenende die EM endet, dann werden viele Geschichten bleiben. "Tausende Berliner verpassen Einmaliges", hat Friedhelm Julius Beucher gesagt, der Präsident des Deutschen Behindertensportverbands (DBS), weil er mit den Zuschauerzahlen bisher unzufrieden war; Einmaliges wie den letzten Weitsprung des Paralympics-Siegers Heinrich Popow. "Die Schwäche zur Stärke zu machen, das ist die Faszination des paralympischen Sports", sagte Popow zum Abschied.

Auch Ziesmers Geschichte handelt von einem starken Athleten, der als Behindertensportler neue Stärken gewann.

"Krass, dass alle ankommen, es war so lange Ruhe", sagt Ziesmer am Tag nach dem Wettkampf. Er meint die Medienanfragen, er meint das nicht genervt, er nimmt sich Zeit. Damals, bevor Ruhe war, nahm das Land Anteil, die Berichte in den Zeitungen waren groß. Am 12. Juli 2004, einen Monat vor Olympia, war er, der deutsche Mehrkampf-Meister, im Training bei einem Doppelsalto gestürzt. Er brach sich die Halswirbelsäule zwischen dem fünften und sechsten Wirbel, seitdem ist er vom Hals abwärts gelähmt. 2005 kehrte er in die Öffentlichkeit zurück, um für die gute Sache zu sprechen, er gründete eine Stiftung. Auf sein Wirken hin entstand ein Zentrum für neuronale Regeneration.

Am Dienstag, als Ziesmer bei seiner ersten EM mit dem Handbike über 100 Meter als Letzter ins Ziel gefahren war, sagte er: "Ohne egoistisch zu klingen, ich mache das in erster Linie für mich." Doch er weiß, dass seine Laufbahn besonders wahrgenommen wird. Er sagt: "Wenn ich keinen Sport machen könnte, wüsste ich nicht, wo ich heute rumlungern würde. Vielleicht wäre ich eine Couch-Potato."

Lebensläufe wie Ziesmers, über die DBS-Präsident Beucher mit Stolz spricht, machen den paralympischen Sport in Bereichen bekannt, die er sonst eher nicht erschließt. Alessandro Zanardi ist das berühmteste Beispiel dafür, der frühere Formel-1-Rennfahrer gewann 2012 und 2016 paralympische Medaillen im Handbike. Ziesmer ist noch oft bei Turnveranstaltungen, bei der EM in Glasgow war er Co-Kommentator. Wenn der langjährige Turn-Bundestrainer Andreas Hirsch über Ziesmer spricht, dem er nahe steht, sagt er: "Ich bin viel aufgeschlossener geworden für Menschen mit Behinderungen."

Schon 2005 hat Ziesmer wieder mit dem Sport begonnen, 2009 ist er mit dem Handbike den Berlin-Marathon gefahren. Damals studierte er Biotechnologie, das Studium hat er abgeschlossen. Nun ist er wieder Sportler, trainiert zweimal täglich, finanziell ist er abgesichert. "Ich versuche, wie jeder andere Mensch, mein Leben mit Inhalten zu füllen", sagt er, "mir geht's gut". Der Sport gibt seinem Tag die Struktur. Und weil er ein Sportler mit Ambitionen ist, hat er vor einem Jahr mit dem Keulenwurf begonnen. Anders als im Handbike, sagt er, könne er dabei irgendwann zu den Besten in Europa gehören. Der Europameister warf in Berlin 32,23 Meter.

Keulenwurf ist eine Art Hammerwurf für Menschen mit Querschnittslähmung und geringen oder gar keinen Fingerfunktionen. Die Wettkämpfe dauern mehrere Stunden, die Athleten müssen beim Schleudern der 400 Gramm schweren Holzkeule fixiert werden. Sport, das bedeutete für ihn auch immer sich "auszukotzen", das Gefühl völliger Erschöpfung zu spüren. Das hat er im Keulenwurf nicht. Aber er hat das Tüfteln an Technik und neuem Sportgerät für sich entdeckt. Er klemmt die Keule an einem Zylinder zwischen Mittelfinger und Ringfinger fest, steuert sie mit der Muskelkraft aus dem Bizeps an. Trizepsmuskeln hat er keine, im Unterarm nur die Extensoren, das Handgelenk kann er nicht beugen.

Wenn er Fotos von sich im Wettkampf sieht, dann wundert er sich selbst manchmal, wie das aussieht: Wenn er alle verbliebenen Muskeln und besonders den Hals anspannt. In Cottbus, wo er trainiert, drückt er auf der Bank 30 Kilogramm. Früher, als Turner, waren es mehr als hundert. Dass er nach seinem Unfall überhaupt Restnerven und Muskeln aktivieren konnte, begründeten die Ärzte auch mit seiner Willensstärke.

Es heißt, man brauche 10 000 Würfe, um Topniveau zu erreichen. Ziesmer steht bei rund 6000 Würfen. Er hat ja gerade erst angefangen.

© SZ vom 25.08.2018
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