Es ist ein Kraftakt, das Schwere leicht aussehen zu lassen. Die Strapazen waren Nikita Wolodin anzusehen nach einem Tango, bei dem er seine Partnerin durch die Luft wirbelte, während er sich selbst auf zwei schmalen Kufen 15-mal um die eigene Achse drehte. Zehn Minuten später tupfte er sich noch immer die Schweißperlen von der Stirn. „Es war okay für das erste Mal, aber noch nicht perfekt“, erklärte er, holte Luft und ergänzte: „Wir müssen mehr arbeiten.“
Neben ihm stand Minerva Hase und lachte. „Genau“, sagte sie, „wie immer.“
Die dritte gemeinsame Eissaison von Minerva Hase und Nikita Wolodin begann wie die vorherigen mit dem Sieg bei der hochklassigen Paarlaufkonkurrenz der Nebelhorn Trophy in Oberstdorf. Und mit einem Katalog an Erfordernissen, die es zu bewältigen, und Einzelheiten, die es zu optimieren gilt. Was sich geändert hat, ist der Umstand, dass Wolodin, 26, die Aufgaben jetzt auch auf Deutsch aufzählt. Im August hat er den Einbürgerungstest samt Nachweis der Sprachkenntnisse bestanden. Ohne den deutschen Pass wäre eine Olympiastartberechtigung für den in Sankt Petersburg aufgewachsenen und in Berlin trainierenden Eisläufer formell nicht möglich. Diese Sorge sind die Europameister und WM-Zweiten jetzt los. Einen zweiten Punkt haben sie am Wochenende auch gleich von der To-do-Liste streichen können. Die Punktzahl, mit der die Juroren in Oberstdorf ihre Darbietungen honorierten, war so hoch (221,38), dass damit auf Anhieb die Olympianorm des deutschen Eiskunstlaufverbandes DEU erfüllt ist. Sie tanzen also im Tangoschritt, im 4/8-Takt, den Winterspielen in Mailand entgegen.
Der Tango ist die kürzere der zwei neuen Darbietungen, die am Wochenende ihre Publikumspremiere erlebten – neben der langen, klassisch-modernen Kür. Er bildet im Stakkato, mit seinen abrupten Richtungswechseln, nicht nur die alte Geschichte von Temperament und Leidenschaft ab, sondern ist auch ein Beispiel für die Akribie, mit der Hase/Wolodin zu Werke gehen. Denn das Stück wurde eigens für sie komponiert. Das hat einerseits den praktischen Vorteil, dass die Frage der Urheber- und Nutzungsrechte der Musik von vornherein geklärt ist, wie das Paar erläutert. Vor allem aber wurde „El Abrazo“ (Die Umarmung) als Gesamtkunstwerk konzipiert: Jeder Takt, jeder Ton ist mit den Bewegungen des Paarlaufs abgestimmt: „Unser Tango ist perfekt für ein Kurzprogramm zugeschnitten, um ihn bis zum Ende mit Kraft laufen zu können“, sagt Minerva Hase. Und endlich einen Tango auf dem Eis zu tanzen, war seit Ewigkeiten ihr Traum.
Hase/Wolodin ziehen mit 0,35 Punkten an den japanischen Weltmeistern vorbei
Also hörten sie zunächst fünf von ihren Choreografen ausgewählte, unterschiedliche Vergleichsstücke an und entschieden in Absprache mit dem französischen Komponisten Maxime Rodriguez, welchen Stil, welche Instrumente sie am liebsten hätten. „Daraus“, sagt Minerva Hase, „hat Maxime etwas Wunderschönes kreiert.“ Erarbeitet wurde es dann teils mit Kufen an den Füßen, teils ohne Kufen im Ballettsaal. Und das Schönste war, dass sie musikalische Akzente bis zum Schluss ändern konnten – etwa eine Pause verlängern, wenn Minerva Hase beim Wurf-Twist, waagerecht um die Achse spindelnd, etwas länger in der Luft schwebt. Für das Element verdienten sie sich am Wochenende übrigens erstmals in ihrer Karriere die höchste technische Note, Level 4.
Nach dem Tango lagen Hase/Wolodin, die WM-Dritten des Frühjahrs, nur einen Punkt hinter den zweimaligen Weltmeistern Riku Miura und Ryuichi Kihara aus Japan, die für die Olympia-Saison den Rolling Stones-Klassiker „Paint it Black“ aussuchten. Noch ist, wie Wolodin betonte, viel Feinschliff vonnöten. In der Kür zogen sie dann mit der Winzigkeit von 0,35 Punkten Vorsprung noch an den japanischen Champions vorbei. Wobei es „im ersten Wettkampf gar nicht darum geht, uns Kopf an Kopf zu messen“, wie Minerva Hase sagte: „Wir wollen erst mal schauen, was unser Status quo ist, an welchem Level wir arbeiten müssen.“ Das hart Erarbeitete leicht aussehen zu lassen, hat immer oberste Priorität bei einer Erstaufführung, nicht nur auf dem Eis.

In vielleicht noch dramatischerer Weise galt das am Wochenende auch für das zweite deutsche Paarlauf-Duo, für Annika Hocke und Robert Kunkel, die EM-Dritten von 2023, die nicht in Berlin, sondern in Bergamo trainieren. Sie beendeten die Nebelhorn-Trophy auf Rang acht (180,04 Punkte), sechs Plätze vor dem dritten DEU-Paar Letizia Roscher/Luis Schuster aus Chemnitz – aber das war tatsächlich eine Marginale angesichts der Vorgeschichte. Nach einem schweren Eisunfall lag der Triumph von Hocke/Kunkel darin, dass sie ihr Programm überhaupt rechtzeitig präsentieren konnten. Ende Juli waren sie im Training gestürzt und so unglücklich übereinander gefallen, dass die messerscharfen Kanten von Annika Hockes Schlittschuhen beide Hände Kunkels aufschlitzen. Vier Tage später wurde er im Unfallkrankenhauses Berlin operiert, die Sehne des Zeigefingers war beinahe durchtrennt, der Schnitt so tief, dass eine Hauttransplantation notwendig war. „Der Unfall hat mir Angst gemacht“, bekannte ihr Trainer Ondrej Hotarek, ein ehemaliger Weltklasseläufer, der in Bergamo Erste Hilfe geleistet hatte. Eiskunstlauf, zumal der akrobatische Paarlauf, ist eine Hochrisiko-Sportart.
„Wir wollten hier mitlaufen, für uns ist das eine riesige Leistung“, sagte Annika Hocke zwei Monate später erleichtert in Oberstdorf, denn Robert Kunkel hatte wochenlang gar nicht trainieren dürfen, um eine Infektion auszuschließen. Die Programme waren sie vor der Premiere nur ein paar Male komplett durchgelaufen. Aber Kunkel kann seine Partnerin wieder halten und heben, schon das, wissen beide, ist ein großes Glück. Für die Kurzkür hatten sie im Frühjahr übrigens Lady Gagas Song „Hold my Hand“ ausgewählt. Fast schicksalhaft – aber bestimmt nicht die schlechteste Begleitmusik, wenn es in den Olympiawinter geht.


