Süddeutsche Zeitung

VfL Wolfsburg:Beinschere im Sturzflug

Der VfL Wolfsburg ärgert sich über ein 1:2 in Hoffenheim. Doch neben der Niederlage sorgt vor allem eine gemeingefährliche Grätsche des Linksverteidigers Paulo Otávio für Gesprächsstoff.

Von Johannes Kirchmeier

Den englischen Fußballer Vinnie Jones nannten sie in den 1980er und 1990er Jahren ob seiner rustikalen, manchmal schon körperverletzenden Spielweise "die Axt". Ein Name, den auch der Abwehrspieler Uli Borowka in Deutschland trug, Horst-Dieter Höttges nannten sie hier "Eisenfuß". Der Drittliga-Fußballer Peter Kurzweg vom FC Ingolstadt firmiert ob seiner Vergangenheit beim TSV 1860 München unter dem Spitznamen "Axt von Giesing". Mit derlei Zuschreibungen hat man den flinken Wolfsburger Linksverteidiger Paulo Otávio bislang nie in Verbindung gebracht.

Doch am Samstagnachmittag beim 1:2 (1:2) des VfL Wolfsburg bei der TSG Hoffenheim, da rückte Otávio doch in einen solchen Fokus. Denn in der vierten Minute der Nachspielzeit rannte der Hoffenheimer Stürmer Munas Dabbur in der eigenen Hälfte los und nahm Kurs auf das leere Tor der Wolfsburger, VfL-Torwart Koen Casteels war bei einer Ecke mit nach vorne aufgerückt.

Mit Anlauf ins Verderben

Während Dabbur kurz nach der Mittellinie seinen ersten Verfolger Casteels abschütteln konnte, kam Otávio immer näher. Doch statt zu versuchen, Dabbur den Ball nach einem Schlussspurt abzuluchsen, nahm der 26-Jährige seine ganze im Sprint gesammelte Energie zusammen - und sprang wie ein Weitspringer aus dem Anlauf heraus in Dabburs Richtung. Ohne jede Chance räumte er den Israeli kurz vor dem Strafraum von hinten ab, mit einer Beinschere klemmte Otávio im Sturzflug dabei Dabburs Beine ein. Es war eine der rüdesten Grätschen dieser Bundesliga-Saison, glücklicherweise hatte sich Dabbur dabei nicht schwer verletzt.

Völlig zu Recht zeigte der Schiedsrichter Markus Schmidt Otávio für diese überharte Notbremse die rote Karte. "Das Foul war brutal. Da muss man sich fragen, was im Spielerkopf vorgeht", sagte der Sky-Experte Didi Hamann. "Der Schaden, den er angerichtet hat, ist jetzt größer, als ein Tor zu verhindern. Er wird vier bis sechs Spiele gesperrt." Ein 1:3 hätte ja mit Ausnahme der Höhe der Niederlage tatsächlich nicht viel geändert, nun dürfte Otávio längerfristig fehlen.

"Gott sei Dank habe ich meinen Kollegen nicht verletzt", schrieb der Linksverteidiger am Abend im sozialen Netzwerk Instagram. Er entschuldigte sich noch einmal und nannte die Szene "einen Albtraum". Immerhin: Ein zweifelhafter Spitzname dürfte nach der in der Tat einmaligen Aktion (Otávios erster Platzverweis überhaupt) nicht am Brasilianer haften bleiben - er stilisierte eher die Axt für einen Tag.

Auch bei seinem Trainer sorgte die Grätsche hinterher für Gesprächsstoff: "Zuerst mal gut, dass sich Munas Dabbur dabei nicht verletzt hat", sagte Wolfsburgs Coach Oliver Glasner. Deshalb hoffe er, dass die Sperre nun nicht ganz so lange ausfalle.

Nach neun Partien ohne Niederlage (sechs Siege, drei Unentschieden) verlor seine Mannschaft erstmals wieder. "Ich bin sowieso ein ganz schlechter Verlierer", sagte Glasner, der selbst die gelbe Karte sah. "Deswegen hatte ich jetzt angenehme zwei Monate, weil wir gar nicht verloren haben und nun zweimal hintereinander. Da nagt es in mir." Unter der Woche verloren die Niedersachsen schon im Pokal bei RB Leipzig 0:2. Nun kommen die Verfolger dem Tabellendritten wieder näher.

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