Oscar Hollywood reißt dem Sport die Maske herunter

Dan Cogan und Bryan Fogel mit dem Oscar für die beste Dokumentation.

(Foto: AP)

Die Doping-Dokumentation "Icarus" bekommt einen Oscar, der prämierte Regisseur nennt IOC-Präsident Thomas Bach einen "Gauner". Selbst die Filmbranche glaubt den Heucheleien des Weltsports nicht mehr.

Kommentar von Thomas Kistner

Jetzt ist er wohl ausgeträumt, der Traum vom Nobelpreis, um den die Weltverbände seit Dekaden diskret lobbyierten. Für die im Korruptionssumpf rudernde Fifa hat sich das Thema schon länger erledigt, die Olympier unter IOC-Boss Thomas Bach aber hatten noch Hoffnung. Jüngst bei den Winterspielen in Pyeongchang gab es, Staatsdoping hin, olympische Toleranz her, eine Springflut zuckersüßer Bilder: Cheerleader des Nordkorea-Diktators Kim Jong-un bespaßten die Arenen, Nord- und Südkoreanerinnen mussten ein gemeinsames Team bilden (was Letztere aus sportiver Sicht gar nicht schätzten). Der Positivbefund einer Nordkoreanerin wurde flott zur Nahrungspanne erklärt, schon war die olympische Suggestionsshow perfekt: der Aufbruch in den Weltfrieden!

Vor diese Pappkulisse setzt nun die Oscar-Verleihung, eines der meistbeachteten Gesellschaftsereignisse des Globus, ein Zeichen. Als beste Dokumentation geehrt wurde der Film "Icarus", die Enthüllung des Staatsdopings in Russland. Also dort, wo in Sotschi 2014 ein "nie da gewesener Angriff auf die Integrität der Spiele" verübt wurde, wie IOC-Chef Bach wehklagte, der die Täter dann nach einigen Wochen Auszeit in die Sportfamilie heimholte. Obwohl der Kreml bis heute weder die Faktenlage anerkennt noch Abbitte bei all den betrogenen Athleten leistete.

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Der Oscar für "Icarus" zeigt die Unglaubwürdigkeit Olympias

Mit seinem fürsorglichen Täterschutz stellt sich das IOC an die Seite der Doper. Nun zeigt der Oscar für "Icarus", wie unglaubwürdig Olympia geworden ist. Die grauen Ringe-Herrn, die sich hinter den Emotionen junger, unbedarfter Sportler wegducken. Die Athleten bilden die beste Schutzmauer für ein korruptes Unterhaltungsgewerbe - eine Mauer im Kopf von Zuschauern und Fans. Ja, so schlicht funktioniert sie, die Traumwelt Sport; die Menschen wollen sich das nicht kaputt machen lassen. Nicht mal von der Realität.

Wie das Filmgeschäft, so kommt der Sport nicht ohne menschelnde Plots aus, ohne Happy Ends. Doch was im Film kein Problem darstellt, ist im Sport oft unüberwindbar: Wie lassen sich Storys kreieren, die Publikum und Geldgeber bedienen? Wie formt man die erwünschten Siege und Sieger, Wahl- und Spielresultate, wenn statt Schauspielern und Drehbuchautoren echte Individuen mitmischen?

Ganz einfach, man macht es wie im Film. Auch im Sport wird strikt Regie geführt, nur viel diskreter. Auch hier lernen die Akteure brav ihre Rollen, sie funktionieren wie Schauspieler. Nichts ist in dieser Sportfamilie so verpönt wie Zivilcourage: Wer abweicht, kriegt Probleme. Das musste sogar der Sportgerichtshof Cas erfahren, als er in der Russland-Affäre ein Urteil fällte, das IOC-Chef Bach missfiel.

Und: Ja, es gibt einen Regisseur für diese Laiendarsteller-Truppe. Bryan Fogel, der "Icarus"-Macher, hat ihn in der Oscar-Nacht offen attackiert: "Thomas Bach muss zurücktreten!" Der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees sei für ihn "ein Gauner", seine Russland-Politik Betrug. "Was für eine korrupte Organisation", sagte Fogel der Weltpresse, "der Mann sollte sich für sich selbst schämen."

Es hat Symbolkraft, wenn das Sportgeschäft just in Hollywood die Maske verliert. Und wo in der Welt könnte kompetenter verbrieft werden, dass die Heuchelei um Olympia endgültig oscarreif ist?

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