„Schnella Italia“Perücken orange, Träume orange

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Als habe Wilhelm von Oranien persönlich sie geschickt: Niederländische Fans beim Eisschnelllaufen in Mailand.
Als habe Wilhelm von Oranien persönlich sie geschickt: Niederländische Fans beim Eisschnelllaufen in Mailand. Piroschka Van De Wouw/Reuters

Die Liebe der Niederländer zum Eislaufen zeigt sich in Mailand wieder in schrillen Kostümen. Dahinter steht auch eine Sehnsucht nach Wintern, wie es sie in dem Land nicht mehr gibt.

Kolumne von Holger Gertz, Mailand

Im Frühstücksraum des Mailänder Hotels Des Etrangers, in dem auch einige SZ-Olympiareporter wohnen, sieht es aus, als hätte Wilhelm von Oranien persönlich die Inneneinrichtung organisiert: Stühle orange, Bänke orange, Uhren orange, Trockenblumen orange, Orangensaft aus dem Orangensaftspender orange. Selbst das Gelbe vom Frühstücksei strahlt in sattestem Orange. Kein Wunder, dass sich genau hier auch viele niederländische Fans einquartiert haben, Anhänger des Teams Oranje: orange ihre T-Shirts, orange ihre Trainingsjacken. Ihr olympisches Leben hier: Ton in Ton, sogar mit der Möblierung der Heimathöhle.

Clockwork Oranje wurde das niederländische Fußballteam bei der WM 1974 genannt, Cruyff, Rensenbrink, Neeskens, Ton in Ton, alles griff in alles: ein Uhrwerk. Und trotzdem nur WM-Zweiter. Das Team Oranje hier in Milano hat dagegen bis zum Sonntag schon fünfmal Gold und fünfmal Silber geholt, alle Medaillen gewonnen von Athleten, die mit uhrwerkhaften Bewegungsabläufen übers Eis gleiten, rennen, sprinten. Jens van ’t Wout, Jenning de Boo, Femke Kok, Jutta Leerdam, Xandra Velzeboer: ach diese Namen, diese herrlichen Namen. Und jedes Mal: Oranje-Party der Fans schon auf dem Weg zur Halle in der Metro und danach auf dem Weg zurück ins Hotel. Die Hosenträger orange, die Stirnbänder orange, die Perücken orange, die Mützen orange und sicher später auch die Träume.

Mehr Liebe zum Detail ist kaum möglich.
Mehr Liebe zum Detail ist kaum möglich. Yves Herman/Reuters

Warum die Niederländer das Eislaufen lieben? Kurz rein in die Geschichte und Kulturgeschichte: Kleine Eiszeit ab ca. 1300, die Flüsse in Europa froren im Winter zu, man konnte auf dem Eis von hier nach da. Die Wimmelbilder des Malers Hendrick Avercamp, Momentaufnahmen zwischen Furcht und Faszination, kennt in den Niederlanden jedes Kind. Und noch immer ist da die Sehnsucht, im Winter mal wieder wie früher auf Schlittschuhen zwischen elf friesischen Städten herumschlittern zu können, bei der Elfstädtetour. „It giet oan!“, ruft auf friesisch der Rennleiter, sobald das Eis trägt: Es geht los. Aber seit 1997 war es dafür nicht mehr kalt genug.

Wenn die niederländischen Athleten sich aufs Eis wagen bei Olympia, erfüllen sie sich und ihren Fans einen tief im orangefarbenen Herzen gehegten Wunsch: Schaatser sein dürfen, Eisläufer. Zu Hause schaut dann das ganze Land am Bildschirm zu, vor Ort in Milano setzt sich jeden Morgen die Fan-Karawane in Bewegung, vom Hotel bis zur Eislaufhalle, und als Wegzehrung vom Frühstücksbüfett noch zwei dieser verpackten Croissants mit Aprikosenfüllung, orange natürlich. So kommen sie ganz gut durch die olympischen Tage. It giet oan.

„Schnella Italia“ ist die Olympia-Kolumne der SZ-Sportredaktion. An dieser Stelle schreiben die Reporterinnen und Reporter der SZ über Kuriositäten und Beobachtungen am Rande der Winterspiele.

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SZ PlusVon Holger Gertz (Text) und Judith Jockel (Fotos)

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