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Optionen im WM-Sturm:In dünner Luft

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Stefan Kießling bei der WM 2010 in Südafrika: Er trainierte, andere spielten.

(Foto: dpa)

Miroslav Klose und Mario Gomez sind verletzt. Joachim Löw hätte einen anderen Ton wählen sollen, als er sein schroffes Urteil über Stefan Kießling sprach. Es könnte vor der Abreise nach Brasilien der Tag kommen, da ihm einfällt, dass er in seiner Sammlung einen Mann braucht, den er im Notfall in den vollbesetzten Strafraum schicken kann.

Soeben kommt die Meldung, dass Miroslav Klose sieben Wochen nach Erleiden einer Knieverletzung wieder das Training aufgenommen hat. Diese Nachricht ist nicht nur für den römischen Sportklub Lazio und den deutschen Bundestrainer von Belang, sondern könnte auch die Unesco in Paris interessieren, denn als originaler Mittelstürmer mit Ursprüngen im 20. Jahrhundert ist Klose im Begriff, zum Kulturerbe der Menschheit ernannt zu werden.

Und sicher hätte Joachim Löw nichts dagegen, wenn ihn die UN unter ihren Schutz stellen würden, damit er ihn im Sommer 2014 einigermaßen unbeschädigt zur WM in Brasilien mitnehmen kann. Klose wird dann 36 Jahre alt sein.

Aus der Tatsache seines Geburtsdatums ergibt sich naturgemäß die bange Frage, wie es wohl in 15 Monaten um die Gesundheit des Herrn Klose Senior bestellt ist. Löw ist zuversichtlich. Er hat ihn bereits in der vorigen Woche für das Turnier nominiert. "Ich setze auf Klose und Gomez", hat er gesagt und hinzugefügt, er könne in Brasilien nicht "vier oder fünf Keilstürmer" gebrauchen.

Löw hat nicht erklärt, wer die Keilstürmer Nummer vier und fünf hätten sein sollen, womöglich dachte er an Dieter Schatzschneider und Norbert Dickel. Aber Löw hat klar gemacht, dass er selbst die mutmaßliche Nummer drei für überzählig hält: Für Stefan Kießling sei "die Luft international dünner als in der heimischen Liga" - eine abwertende Einschätzung, die auch dadurch nicht angenehmer wird, dass sich Löw zu seiner Vorliebe für das stürmerlose Modell nach spanischem Vorbild bekennt.

Kießling erlebt derzeit, was Kevin Kuranyi vor der WM 2010 widerfuhr: Er schießt viele Tore und bekommt tolle Kritiken, aber dem Bundestrainer vermag er nicht zu gefallen. Bei Kuranyi war es so: Monatelang hatte ihn Löw ignoriert, bis er ihm plötzlich Chancen aufs Turnier avisierte - und Kuranyi prompt nicht mehr traf. Bei der WM hat ihn dann keiner vermisst, weil Klose, monatelang trauriger Reservist beim FC Bayern, ein großes Comeback feierte.

Löw stand mit seiner Expertise glänzend da. Und vermutlich fühlte er sich auch neulich wieder in seinem Fachwissen bestätigt, als er das Spiel Mainz 05 gegen Bayer Leverkusen besuchte und einen Kießling sah, der einen schwachen Tag hatte.

Löw hätte dennoch einen anderen Ton wählen sollen, als er nun sein schroffes, destruktives Urteil über Kießling sprach. Es könnte vor der Abreise nach Brasilien der Tag kommen, da ihm einfällt, dass er in seiner Sammlung (wegen Verletzungen, Formschwächen) einen Mann braucht, den er im Notfall in den vollbesetzten Strafraum schicken kann.

Den Notfall erlebt Löw bereits jetzt: Gomez meldete sich nach dem Abschlusstraining verletzt ab, Klose fehlt ohnehin. Nun hat er beim Spiel in Kasachstan keinen gelernten Auftragskiller im Kader.

Auch billige Lösungen - etwa: Flanke-Kopfball-Tor - bringen wertvolle Siege. Ein Abstauber-Tor nach einer Ecke zählt nicht weniger als ein Tor von Götze nach doppeltem Doppelpass mit Özil. Löw ist der Chef, er trifft die Wahl. Aber er hat auch die Pflicht, mit seinen Möglichkeiten pfleglich umzugehen.