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Deutsches Hockey-Team gewinnt Olympisches Finale:Zu Gold gehechtet

Ein Sieg der Willenskraft: Die deutschen Hockey-Männer gewinnen wie in Peking 2008 die olympische Goldmedaille. Im Finale besiegen sie die im Turnier zuvor bärenstarken Niederländer mit 2:1. Trainer Markus Weise führt schon die dritte deutsche Mannschaft zum Olympiasieg - weil Doppel-Torschütze Jan Philipp Rabente keine Angst vor Bodenkontakt hat.

Nach der Partie rannten die deutschen Spieler über den Platz. Sie hüpften, sie lachten, sie tanzten, sie brüllten, sie umarmten sich. Manch einer weinte. Das sind die Gefühle, die ein Mensch hat, wenn er gerade Olympiasieger geworden ist. Die deutschen Hockey-Männer hatten soeben das Finale vor 16.000 Zuschauern in der ausverkauften Riverbank Arena gewonnen, mit 2:1 gegen die Niederlande.

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Erster Schritt zum Sieg: Jan Philipp Rabente (M.) feiert seinen Führungstreffer.

(Foto: AFP)

Der Wille wird beim Sport meist dann angesprochen, wenn Sportler oder Trainer nicht wissen, was sie sonst noch sagen sollen. Es heißt dann immer, dass man ganz viel davon haben müsse, um Spiele oder gar Wettkämpfe zu entscheiden. Meistens sind das Floskeln, doch beim Hockey-Finale der Männer stimmte das tatsächlich: Die deutsche Elf ist Olympiasieger geworden, sie hat das mit Talent geschafft und auch ein wenig Glück - vor allem aber mit ganz viel Willen.

"Wir haben die taktische Linie, die wir spielen wollten, gut durchgezogen", sagte Philipp Zeller nach der Partie, "wir haben es dem Gegner verdammt schwer gemacht. Am Ende haben wir es durch zwei hervorragende Tore, die herausragende Abwehrleistung und den Willen geschafft."

Bundestrainer Markus Weise ist einer, der grundsätzlich immer weiß, was er noch sagen soll. Er kann stundenlang außerordentlich klug über Hockey und Sport allgemein sprechen, über Taktik, Psychologie und Lagerkoller. Doch vor diesem Finale hatte Weise gesagt: "Wenn man die laufen und auf Tempo kommen lässt, dann ist das nicht sinnvoll. Das können sie richtig gut. Wir haben gefühlte 112 Mal gegeneinander gespielt, wir kennen uns taktisch in- und auswendig. Es wird auf den Willen ankommen."

Beispiel dafür war der erste Treffer für die deutsche Elf: Jan Philipp Rabente stürmte in den gegnerischen Strafraum. Er umspielte einen Gegenspieler, überlief einen anderen, dann legte er sich den Ball ein wenig zu weit vor und verlor die Balance. Also hechtete er dem Ball hinterher und schlug mit seiner Kelle dagegen. Das Spielgerät hüpfte nach oben, am Torwart vorbei und kam erst wieder zur Ruhe, als es hinter der Linie war.

"Das war ein absolutes Jahrhunderttor für mich", sagte Philipp Zeller über den Treffer. Markus Weise beschrieb es so: "Jeder muss aktiv sein, etwas machen und dabei auch mal Fehler machen. Wie beim ersten Tor: Wenn man da nur nach dem schönsten Pass sucht, dann wird das nichts. Man muss sich entschließen, auch mal was zu machen - dabei baut man auch mal Scheiße, aber das macht nichts."

Die Niederländer begannen in diesem Finale munter, sie kombinierten gefällig, hatten jedoch Probleme, sich dem gegnerischen Strafraum zu nähern - was freilich auch daran lag, die deutsche Elf geschickt verteidigte und sich immer wieder mühte, das Tempo aus der Partie zu nehmen und erst einmal den Störenfried bei den niederländischen Inszenierungen zu geben.

Nach 20 Minuten fanden die Deutschen dann auch offensiv Zugang zu dieser Partie, sie spielten schnell nach vorne und versuchten, die Angriffszone möglichst schnörkellos zu erreichen. Florian Fuchs stürmte in den Strafraum, wurde jedoch gebremst, Christopher Zeller passte auf Oskar Deeke, doch der brachte das Spielgerät nicht unter Kontrolle. Dazwischen hatten die Niederländer eine schöne Gelegenheit, Billy Bakker wuchtete die Kugel aufs Tor - doch Torwart Max Weinhold reagierte sensationell.

Nach seiner Reaktion übrigens ließ sich Weinhold nicht feiern, er gab sich betont cool. "War eine normale Parade", sagte er nach dem Spiel. Trainer Weise sagte: "Es war auch eine normale Parade. Gute Leute machen ihren normalen Job in so einer Drucksituation und die schlechteren kriegen's nicht gebacken." Zur Coolness von Weinhold sagte er: "Man muss nicht wie Oli Kahn im Tor stehen - man kann auch so signalisieren: Ihr kratzt mich nicht! Das kann ein wichtiges Signal an die Kollegen und auch an den Gegner sein:" Dann fiel der Treffer für das deutsche Team.

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Der Deutsche hält sich ja nicht nur für einen tollen Reiter, Radfahrer und Ruderer; er glaubt, auch prima mit runden Sportgeräten umgehen zu können - umso überraschter erschien es, dass sich kaum eine Ballsport-Mannschaft für die Olympischen Spiele hatte qualifizieren können. Bei den Handballern blieben beide Teams daheim, bei den Basketballern und Fußballern ebenso, bei den Volleyballern waren die Frauen gescheitert. Die Hockeymänner kamen ins Finale.

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Was den Deutschen bisweilen auch nachgesagt wird neben der Fähigkeit zum Rudern, Radfahren und Reiten ist die Eigenschaft, unbedingt Erfolg haben zu wollen. Das wirkt bisweilen verbissen, an diesem Abend jedoch wirkte es herausragend, weil der Wille der deutschen Elf mit Lockerheit und Spielfreude verbunden war.

Die Deutschen kassierten nach der Pause den Ausgleich in diesem Finale, Mink van der Weerden hatte den Ball nach einer Strafecke ins Tor geprügelt. Es sah so aus, als würde die Partie in die Verlängerung gehen, doch da dachte sich Jan Philipp Rabente, dass er doch noch einmal hechten könnte.

Nach seiner ersten Chance vier Minuten vor Schluss hatte er schon gejubelt, doch die Niederländer brachten den Ball aus dem Strafraum, Rabente lief hinter dem Tor herum und wieder ins Spielfeld, ein deutscher Spieler wuchtete ihn zurück - und Rabente ließ sich in das harte Zuspiel fallen und positionierte seine Kelle so, dass der Ball davon ins Tor sprang. "Beide Mannschaften haben versucht, diesen einen Treffer zu erzielen", sagte Philipp Zeller danach, "wir wollten ihn vielleicht ein bisschen mehr."

Den knappen Vorsprung brachten sie über die Zeit und wurden nach Peking 2008 erneut Olympiasieger. Sie haben sich diesen Erfolg erspielt und erkämpft - und der Deutsche an sich darf am Ende der Olympischen Spiele feststellen, dass er wirklich nicht nur Rudern, Reiten und Radfahren kann, sondern auch ganz prima mit den runden Spielgeräten umgehen kann.

Als die Mannschaft lange nach der Nationalhymne die Riverbank Arena verließen, erkannte ein Spieler: "Wir haben kein Bier mehr!" Doch als sie später im Studio des ZDF ihren Siegerauftritt hatten kam der Verdacht auf, dass sie auch dieses Problem gelöst hatten. Bestimmt mit ganz viel Willenskraft.