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Olympische Winterspiele:Alles auf Weiß

Die Schweizer Stadt Sion ist der letzte Alpen-Bewerber für 2026. Die Gegner machen schon mobil. Und jetzt kommt auch noch eine Prügelaffäre dazwischen.

Das Wallis wartet auf den Winter. Aber Schnee und Kälte kündigen sich bisher nicht an. Es ist so warm, dass Jean-Pascal Fournier, der Chef der Walliser Grünen, auf der Terrasse einer Pizzeria in der Innenstadt von Sion gleich seinen Mantel auszieht. Das Gesprächsthema bringt ihn dann erst recht in Wallung.

Der Kanton Wallis in der Westschweiz will sich mit der 34 000-Einwohner-Stadt Sion (zu Deutsch: Sitten) für die Olympischen Winterspiele 2026 bewerben. Jean-Pascal Fournier ist der Anführer des Widerstands. Die Argumentationspapiere gegen die Spiele hat er längst fertig. Aber bisher hatte er ein Problem: Er wollte loslegen, konnte aber nicht so recht. Obwohl Olympia in Sion seit Jahrzehnten ein Thema ist, hatte keine Regierung, keine Behörde bisher irgendeinen formellen Beschluss zur Bewerbung um die Spiele 2026 getroffen. Nichts, wogegen Fournier konkret ankämpfen könnte. Bis zu diesem Mittwoch.

Der Grünen-Chef vermutet, da wollten jetzt einige mit dem Geld aus Bern Geschäfte machen

Da entschied die Bundesregierung in Bern auf Antrag des Sportministers Guy Parmelin, das Olympia-Projekt zu unterstützen - mit bis zu einer Milliarde Schweizer Franken. Die Spiele könnten "für das Zusammenleben in der ganzen Schweiz und die wirtschaftliche Entwicklung, insbesondere in den Berggebieten, einen bedeutenden Fortschritt bringen", hieß es in einer Stellungnahme.

Es ist, wenn man so will, der amtliche Startschuss für Sion 2026. Für die Träger des Projekts - und auch für die Gegner.

Fournier jedenfalls ist bereit. Jetzt, wo der Bundesratsentscheid vorliegt, verlangt er "endlich Zugang zum Kandidaturdossier". Bisher hat ihn das "Komitee Sion 2026" dort nicht hineinschauen lassen. Fournier spricht von fehlender Transparenz und "Führungsproblemen". Man werde den Verdacht nicht los, sagt er, dass da einige Unternehmer auf Geld aus der Hauptstadt Bern warteten, um mithilfe staatlicher Subventionen Geschäfte zu machen. Fournier will das verhindern.

Erster Schnee in den Schweizer Alpen

Schön hier: Die Stadt Sion (34<ET>000 Einwohner) wäre 2026 eine würdige Olympia-Kulisse. 2022 ist Peking (21,5 Millionen Einwohner) Gastgeber.

(Foto: Olivier Maire/dpa)

Es wird mal wieder ein Showdown um Olympia werden, auch in Sion.

Hans Stöckli lässt sich in der Lobby des Berner Hotels Schweizerhof in einen Armsessel plumpsen. Der Sozialdemokrat, früherer Stadtpräsident von Biel, vertritt den Kanton Bern im Ständerat. Er ist gerade von einem Wochenende im Wallis zurückgekehrt. Skifahren in Saas Fee. Auf dem Gletscher, da geht das jetzt schon. "Sensationell" sei es gewesen, sagt er.

Stöckli, Vizepräsident des Organisationskomitees (OK) für Sion 2026, möchte über seinen Traum sprechen. Den Geist von Olympia. Den Sport. Das Fest. Und das nachhaltige und bescheidene Projekt, das sein OK im Wallis und drei umliegenden Kantonen realisieren will. Aber die Nachrichtenlage ist ungut. Gerade letztes Wochenende stimmten die Menschen in Innsbruck und Tirol über eine Kandidatur für 2026 ab. Das große Versprechen der regionalen Politik, auch in Österreich: kein Steuergeld, keine Neubauten. Trotzdem sagten 53 Prozent Nein. Und bereits im Februar 2017 hatte Graubünden in der Ostschweiz eine Kandidatur abgelehnt; dort wären Davos und St. Moritz die Hauptorte gewesen. Die Bevölkerung wollte nicht. Schon vor vier Jahren sagte München Nein zu Olympia 2022. Das Bild ist gerade relativ eindeutig: Das Alpenvolk will keine Spiele, kein Fest, kein Juchhe.

Hans Stöckli ficht das nicht an. Am Sonntagabend, als er vom Abstimmungsergebnis in Tirol hörte, hat er die Zahlen extra noch rausgesucht und auf ein Blatt gekritzelt. "Mehrmals hat das Wallis schon Ja gesagt zu den Winterspielen. Zuletzt 1997 mit 67 Prozent."

Doch die Zeiten haben sich geändert, auch im Wallis. Es sind nicht mehr nur Umweltschützer, die die Großveranstaltung ablehnen. Auch die rechtskonservative SVP tendiert im Wallis zum Nein. "Der Kanton stellt jede Million infrage, die er ausgibt, und muss selbst Prämienverbilligungen streichen. Wie wollen wir gegenüber der Bevölkerung Millionenausgaben für Olympische Spiele rechtfertigen?", fragte der regionale SVP-Chef Jérôme Desmeules kürzlich in einem TV-Interview. Angesichts einer Arbeitslosigkeit von 2,8 Prozent zieht im einstigen Krisenkanton auch das Job-Argument nicht mehr. Die Leute haben schon Jobs.

Für Olympia im Wallis: Der Schweizer Ständerat Hans Stöckli.

(Foto: Imago)

Selbst die linke Kritik klingt heute anders. Die Grünen etwa bekämpfen Sion 2026 nicht primär wegen Umweltbedenken - auch wenn sie hervorheben, dass das beim Flughafen Sion/Sitten geplante olympische Dorf mit 1400 Betten "den Leerwohnungsbestand verschärfen" würde. Es geht um Grundsätzlicheres.

Die größten Probleme lägen woanders, sagt Christophe Clivaz, Professor für Geografie und Nachhaltigkeit an der Universität Lausanne. "Heute herrscht als Folge des Klimawandels Schneemangel", der Wintertourismus verliere an Bedeutung, die Branche stehe vor der Herausforderung, in den anderen drei Jahreszeiten Marktanteile hinzugewinnen. Wenn sich das Wallis nun aber weltweit als Wintersportort positioniere, wende man sich von der Realität ab und werfe unternehmerische Strategien über den Haufen. Millioneninvestitionen könnten nutzlos sein, befürchtet Clivaz. Jean-Pascal Fournier, der Anführer der Olympiagegner, erinnert sich in diesem Kontext an - aus seiner Sicht - negative Effekte der Kandidaturen in den 1990er-Jahren: "Die Stadt Sitten war wegen der Olympiakandidaturen für 2002 und 2006 blockiert. Wir hatten zahlreiche Bau- und Infrastrukturprojekte, die wir beiseiteschoben. Nur Olympia zählte - auf Kosten der Stadtentwicklung."

Und dann gibt es da noch die Causa Christian Constantin. Der Präsident des Fußballklubs FC Sion ist einer der Väter der Kampagne. Sicher nicht ganz uneigennützig: Der Immobilienunternehmer dürfte beim Bau des Olympiadorfes ein Geschäft wittern. Zunächst profitierte das OK von Constantin. Aber dann hat er Ende September im Stadion des FC Lugano am Spielfeldrand den TV-Experten (und früheren VfB-Stuttgart-Trainer) Rolf Fringer, ja, wirklich: geohrfeigt und getreten. 14 Monate Sperre verhängte die Schweizer Fußballliga. Constantin ist zur Hypothek für Olympia geworden. Er verließ das OK zwar umgehend. Doch der Schaden ist angerichtet.

Christian Constantin

Belastung für Olympia: Christian Constantin hat sich zurückgezogen.

(Foto: dpa)

Das weiß auch Hans Stöckli. "Schklar", sagt er. Ist klar. Die Personalie werfe in diesen Wochen nicht das beste Licht auf das Organisationskomitee. Doch: Constantin habe sich selbst zurückgezogen. Und die 500 000 Franken, die er privat ans OK spenden wollte? "Wir verzichten auf den Beitrag von Herrn Constantin." Man habe bereits andere Geldgeber aufgetrieben und führe weiter Gespräche. "Es wird kein Finanzloch geben."

Problem da. Problem angepackt. Problem gelöst. So sieht das Stöckli, und so will er auch die übrigen Themen angehen. Umweltschutz. Infrastruktur. Mobilität. Finanzen. Alles eine Frage der Organisation. Wo sollen bescheidene, saubere und nachhaltige Winterspiele denn sonst stattfinden, wenn nicht hier? Im Mutterland des Wintersports? "Dort, wo der Schnee ist, nämlich in den Schweizer Alpen", sagt Hans Stöckli.

Kurz: Die Schweiz muss, weil sie kann.

Und diese Ausgangslage erlaube es den Bewerbern auch, mit klaren Bedingungen ans IOC heranzutreten. Wollen die Leute vom Internationalen Olympischen Komitee nicht einen Wandel vollziehen? Weg vom Gigantismus, von Bausünden und überbordenden Kosten? Nun, die Winter-Projekte Pyeongchang 2018 und Peking 2022 künden noch nicht davon; aber man kann ja hoffen. Die Bewerbung "Sion 2026" stehe jedenfalls voll im Zeichen dieser Veränderung. "Wenn es dem IOC ernst ist damit, muss es sich für unsere Kandidatur entscheiden. Unser Standpunkt ist klar: Take it or leave it." Nehmt es so, wie wir es euch anbieten - oder lasst es sein.

Mitmachen? Ablehnen? Wohl schon nächstes Jahr müssen diese Frage auch die Walliser entscheiden, und vermutlich auch die Bürger der beteiligten Kantone. Hans Stöckli wird sich noch ordentlich ins Zeug legen müssen.

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