Olympia-NominierungMehr deutsche Wintersportler denn je – und hohe Ziele

Lesezeit: 3 Min.

Neue Hoodies: Kira Weidle-Winkelmann (links) und Emma Aicher bei der Olympia-Einkleidung des deutschen Teams in München.
Neue Hoodies: Kira Weidle-Winkelmann (links) und Emma Aicher bei der Olympia-Einkleidung des deutschen Teams in München. (Foto: Peter Kneffel/dpa)

Die deutsche Olympia-Mannschaft reist mit ihrem bislang größten Team zu den Spielen nach Mailand und Cortina – und kämpft dort auch um die Zukunft des Landes als Sportnation.

Von Sebastian Winter, München

Auf rund 52 000 Quadratmetern erstreckt sich das MTC – World of Fashion im Münchner Norden, das nach eigenen Angaben das „größte Mode-Order- und Prompt Fashion Center in Süddeutschland“ ist. Und die Aufschrift über dem Eingang eines der schmucklosen Bürogebäude an der Taunusstraße wies gleich den Weg: „Team D Einkleidung“ stand dort in Versalien, umrahmt von auf Klebefolie aufgedruckten Bergen und Schneeflocken. Wer in diesen Tagen die Rolltreppe respektive die Stufen dahinter in den ersten Stock nahm („am Start für große Ziele“), hatte es also geschafft. Denn hier durften sich die deutschen Sportler ihre Ausrüstung für die Winterspiele 2026 in Mailand und in den italienischen Alpen abholen, die in etwas mehr als zwei Wochen beginnen. Und auch für die Paralympics im März.

183 Athletinnen und Athleten (85 Frauen und 98 Männer) umfasst die deutsche Delegation bei den Wettbewerben in Norditalien, die am 6. Februar im San-Siro-Stadion in Mailand eröffnet werden. Ein größeres Aufgebot hat das Team D noch nie zu Winterspielen geschickt, der bisherige Rekord (161) datiert von 2006 in Turin. Vor vier Jahren in Peking gehörten – auch pandemiebedingt – nur 148 Sportlerinnen und Sportler zum deutschen Team. Die beiden Eishockey-Mannschaften stellen mehr als ein Viertel der Gruppe. Die schiere Dimension weckt natürlich immense Erwartungen, die Olaf Tabor bei der abschließenden Pressekonferenz am Dienstag in der mit sehr viel Weiß ausgekleideten großen Halle des MTC gar nicht erst zu dämpfen versuchte: „Es wird in der Spitze immer enger. Aber wir wollen aufs Stockerl. Das Medaillenpotenzial ist vergleichbar mit Peking, vielleicht sogar noch größer. Wir sind und bleiben eine Sportnation und wollen dort erfolgreich sein“, sagte der Vorstand Leistungssport des Deutschen Olympischen Sportbundes und zugleich Chef de Mission für diese Winterspiele.

Dopingkontrollen im deutschen Team vor Olympia
:Ganz schön viele Schusseligkeiten

Bobanschieber Simon Wulff, Langlauf-Olympiasiegerin Victoria Carl, nun Skicrosser Florian Wilmsmann: Der deutsche Wintersport verzeichnet kurz vor Olympia den nächsten Anti-Doping-Verstoß. Doch auch das Verhalten der Dopingjäger erscheint merkwürdig.

Von Johannes Knuth und Ralf Tögel

In Peking waren die Deutschen im Medaillenspiegel mit zwölfmal Gold, zehnmal Silber und fünfmal Bronze auf Rang zwei hinter Norwegen und vor China gelandet. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass sie, was die Anzahl der Medaillen angeht, damals nur auf Rang drei lagen, hinter Norwegen und Russland und nur knapp vor Kanada und den USA. Auf dem Treppchen zu bleiben, das dürfte eine Mammutaufgabe werden für die Deutschen.

Gerade in Zeiten, in denen ihre Erfolgsfaktoren mehr denn je infrage stehen. Im Biathlon enttäuschte das Team um Weltmeisterin Franziska Preuß in diesem Winter bislang eher, im Skispringen manifestierte sich die Krise der Etablierten Andreas Wellinger und Karl Geiger, letzterer hat die Olympia-Qualifikation verpasst. Und im Eishockey bauen die DEB-Männer zwar auf ihren NHL-Star Leon Draisaitl, sie zählen aber nicht zu den Favoriten. Bei der Wahl zum Fahnenträger-Duett dürften sie aber ein Wörtchen mitreden. In der Woche vom 26. Januar bis zum 3. Februar stimmen die Athleten des Teams D und auch die ganz normalen Bürger ab, ihre Voten werden zu je 50 Prozent gewertet. Die Fahnenträgerin und der Fahnenträger werden am 5. Februar, einen Tag vor der Eröffnung, in Mailand verkündet.

Ski-Ass Emma Aicher hat sich zur Mitfavoritin aufgeschwungen, Snowboarderin Ramona Hofmeister gelang ein starkes Comeback

Wie so oft liegen die größten Hoffnungen im Eiskanal, Cortina könnte Tabor zufolge „zu einer goldenen Eisbahn für uns werden“. Die sechsmaligen Rodel-Olympiasieger Tobias Wendl und Tobias Arlt haben die besten Chancen, die Bob- und Skeleton-Piloten wollen ebenfalls ganz oben aufs Treppchen. Emma Aicher hat sich bei den Alpinen zur Mitfavoritin aufgeschwungen, Snowboarderin Ramona Hofmeister gelang kürzlich nur viereinhalb Monate nach ihrer Sprunggelenksfraktur ein umjubeltes Comeback. Ansonsten haben die deutschen Teams und Staffeln gute Chancen aufs Podest, ob nun im Biathlon, Skisprung, in der Nordischen Kombination oder im Langlauf. Auch das Eiskunstlaufpaar Minerva Hase und Nikita Volodin hofft nach WM-Silber und EM-Gold 2025 auf weitere Erfolge.

Sie alle kämpfen nun auch um die Zukunft Deutschlands als Sportnation. In Disziplinen, die aufgrund neuer Fernseh- und Streaming-Bedürfnisse und wegen des Klimawandels mehr denn je hinterfragt werden. So sind in der Nordischen Kombination als einziger Disziplin der Winterspiele keine Frauen am Start, was die beste Deutsche Nathalie Armbruster ratlos zu Hause auf dem Sofa zurücklässt. Der Traditionssport steht, wie das Internationale Olympische Komitee (IOC) meint, mangels spannender Formate und konkurrierender Nationen für die Winterspiele 2030 insgesamt auf der Kippe. „Es geht darum, diese Traditionssportart im Programm zu halten. Wir waren überrascht, dass die Damen nicht integriert wurden. Das wäre eine gute Idee gewesen“, sagte Tabor, der sich auch ums große Ganze sorgt.

Denn die Winterspiele stehen generell in Zeiten der Erderwärmung unter Beobachtung, das Eis schmilzt, der Schnee auch. Längst hat das IOC Arbeitsgruppen installiert, die die Zukunft ausloten sollen. Winterspiele in riesigen Hallen auf der arabischen Halbinsel: Warum eigentlich nicht? „Die Faszination, die von diesen Wintersportarten ausgeht, werden wir in 14 Tagen wieder live erleben können“, sagt Tabor, er sagt aber auch: „Dass sich das Gesicht der Winterspiele verändert, darf man erwarten.“ Möglicherweise müsse es bei „schwindendem Schnee“ auch andere Organisationsformen geben, „die Anzahl der Standorte und Ausrichterländer, die das in zehn oder 20 Jahren noch machen können“, werde sich verändern.

Insofern passt Tabors Schlusswort an diesem überaus sonnigen Dienstag in der World of Fashion ganz gut, auch wenn er es längst nicht so doppeldeutig meinte: „Man merkt das Kribbeln, die Temperatur steigt an.“

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Skifahren
:„Das Kreuzband reißt oft beim Abschwingen vor der Hütte“

Warum erleiden so viele Skifahrer Verletzungen am Knie? Wie sichert man sich als Freizeitsportler ab? Und wie gelingt der Weg zurück auf die Piste, wenn der Schaden doch passiert ist? Antworten vom Münchner „Kniepapst“ Manuel Köhne.

SZ PlusInterview von Korbinian Eisenberger

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: