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Olympia in Tokio:Masken auf und durch

Olympia-Stadt Tokio

Die Olympischen Ringe in der Bucht von Tokio

(Foto: dpa)

Die Spiele in Tokio könnten die traurigsten in der olympischen Geschichte werden. Statt um das Gemeinwohl geht es um Partikularinteressen und die sterile Produktion von Fernsehsport.

Von Thomas Hahn, Tokio

Über das Frauenbild von Yoshiro Mori muss sich keiner Illusionen machen. Der 83-jährige Präsident des Tokioter Spiele-Organisationskomitees gehört zu den grauen Größen der rechtskonservativen Regierungspartei LDP. Er war einst ein unbeliebter Premierminister Japans und schon oft wegen unbedachten Verhaltens in den Schlagzeilen. Gleichstellung findet einer wie er umständlich, was Mori dann ja auch bei einer Sitzung im japanischen Olympischen Komitee zum Ausdruck brachte, als er zu bedenken gab: "Ein Vorstandstreffen mit vielen Frauen würde Zeit kosten."

Natürlich ist das empörend. Moris Entschuldigung vom Donnerstag ändert daran nichts. Manche Sätze sind eben so entlarvend, dass der schlechte Eindruck nicht mehr wegzuwischen ist. Aber wundert einen dieser Funktionärsmachismus, der gegen die olympische und paralympische Agenda verstößt? Überhaupt nicht.

Dieser Tage lernt man doch mehr denn je, dass nicht Werte und kluge Rücksicht zählen im Spielezirkel, sondern Proporz und Äußerlichkeiten. Mori soll neben dem damaligen Premierminister Shinzo Abe der Treiber bei der Entscheidung gewesen sein, die Spiele wegen der Pandemie nur um ein Jahr zu verschieben. Abe, mittlerweile aus gesundheitlichen Gründen abgetreten, wollte so wohl seiner Ablösung nach den Parlamentswahlen im Herbst 2021 zuvorkommen. Mori dürfte seine angeschlagene Gesundheit bedacht haben. Die Folge: Während sich die Welt eigentlich darauf konzentrieren müsste, den Impfstoff gegen Covid-19 möglichst gerecht zu verteilen, stört die Frage, wie Japan und das Internationale Olympische Komitee (IOC) ihr teures Sportfest in die Pandemie setzen wollen.

Olympischer Isolationsgeist: Die Welt soll sich in trauter sozialer Distanz von Japans Menschen fernhalten

Gesellschaftlicher Fortschritt? Gemeinwohl? Werden verramscht auf dem Markt der persönlichen und der wirtschaftlichen Interessen. Mit seinem frauenfeindlichen Spruch hat Mori daran erinnert. Wobei das erste Playbook, das die Spiele-Organisatoren am Mittwoch vorgestellt haben, schon auch ein beeindruckendes Dokument des Augen-zu-und-Durchziehens ist.

In dieser ersten Beschreibung des Corona-Schutzes wirken die Spiele wie eine trostlose Abfolge von Einschränkungen. Die Hygieneregeln selbst muss man nicht infrage stellen. Sie folgen der Einsicht, dass man dem Virus keine Chance zur Übertragung geben darf. Aber was daraus folgt, ist absurd: Olympia soll zu einer riesigen Isolierblase werden, in der Zehntausende von Teilnehmenden nach überwachtem Zeitplan funktionieren müssen. Die Welt soll nach Tokio kommen, um sich in trauter sozialer Distanz von Japans Menschen fernzuhalten. Für die sterile Produktion von Fernsehsport ergibt das Sinn. Für ein Fest der Menschlichkeit nicht. Das IOC steuert auf seine traurigsten und entlarvendsten Spiele zu.

© SZ/sjo/klef/ska
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