Olympischer Fackellauf:Zeichen der Hoffnung, oder des Irrsinns?

Olympischer Fackellauf beginnt in Fukushima

Die japanische Frauenfußball-Nationalmannschaft beginnt den olympischen Fackellauf in Fukushima

(Foto: Kim Kyung-Hoon/dpa)

Nach verheerenden Umfrage-Ergebnissen starten Japans Olympiamacher einen sauber und sicher inszenierten Fackellauf. Doch ob er die Stimmung im Land heben kann, bleibt fraglich.

Von Thomas Hahn, Tokio

Azusa Iwashimizu, 34, hat erst in diesem Frühjahr wieder das Training aufgenommen. Bei ihrem Tokioter Profifußball-Klub Nippon TV Beleza nahm sie sich eine Babypause nach der Geburt ihres ersten Kindes im März 2020. Jetzt kämpft sie um einen Stammplatz gegen jüngere Kolleginnen am Ende ihrer Karriere, in der sie als technisch versierte Abwehrkraft des japanischen Nationalteams 2011 Weltmeisterin wurde. Im September startet die neue japanische Profiliga, da will sie dabei sein. Prominentenbonus gibt es keinen. Aufregend. Und am Donnerstag hat Azusa Iwashimizu auch noch das Olympische Feuer auf den Weg bringen dürfen, als erste Läuferin der Fackelstaffel, die durch die 47 japanischen Präfekturen nach Tokio zur Eröffnungsfeier der Sommerspiele am 23. Juli führen soll. Sie sagte: "Es war eine große Ehre für mich."

Das Vorspiel zu den Spielen in Tokio hat also tatsächlich begonnen. Die Welt befindet sich noch im Kampf gegen die Pandemie. Aber die Olympia-Fackel ist unterwegs. Ist das ein Zeichen der Hoffnung? Oder doch eher eines für den Irrsinn eines Weltsportfestes, das wegen teurer Fernsehverträge nicht ausfallen darf?

Die Meinungen darüber gingen auch beim Staffel-Auftakt auseinander. Aber jene, die dabei waren, schien das Ereignis tatsächlich zu berühren. An der olympischen Fackelstaffel nehmen vor allem Normalbürgerinnen und -bürger teil. Sie lächelten. Sie winkten. Sie trugen das Feuer mit Stolz. Menschen mit Masken standen in sicherem Abstand nebeneinander am Straßenrand, klatschten und winkten zurück.

Das viele Geld für die Spiele können andere besser gebrauchen, finden manche Japaner

Im Sportzentrum J-Village in der Stadt Naraha, Präfektur Fukushima, ging es los. Spiele-Organisatoren und japanische Regierung nennen den Ort ein Symbol des Wiederaufbaus nach dem Großen Ostjapan-Erdbeben vom 11. März 2011, das Fukushima besonders mitnahm, weil der Tsunami nach dem Erdbeben hier das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi traf und eine dreifache Kernschmelze auslöste. Tatsächlich entstand das J-Village in den Neunzigerjahren vor allem mit Geld des Kraftwerksbetreibers Tepco. Nach dem Nukleardesaster brachte Tepco auf der Anlage seine Krisenzentrale sowie Aufräumarbeiter von Fukushima Daiichi unter.

Längst ist das J-Village renoviert, die Eröffnungsfeier fand auf einem der sattgrünen Fußballfelder statt. Es gab Ansprachen. Die Tanzgruppe "Hula Girls" trat auf. Schließlich entzündete Azusa Iwashimizu ihre Fackel und machte sich mit anderen Weltmeisterinnen von 2011 auf den Weg. Das Organisationskomitee Tocog zitierte seine Präsidentin Seiko Hashimoto mit den Worten: "Es fühlt sich an, als gehe es endlich richtig los."

Aber die Pandemie sah man dem Ereignis auch an: Die Eröffnungszeremonie fand ohne Zuschauer statt. Für Schaulustige am Streckenrand gelten strenge Hygieneregeln, sie dürfen zum Beispiel nicht laut jubeln. Fackelträgerinnen und -träger werden gebeten, zwei Wochen vor ihrem Einsatz ihre sozialen Kontakte einzuschränken. Sollten an manchen Orten zu viele Menschen zusammenkommen, behalten sich die Organisatoren vor, die Staffel umzuleiten oder zu stoppen. Es darf nichts schiefgehen. Die Staffel mit rund 10 000 Läuferinnen und Läufern soll den Menschen in Japan zeigen, dass sie vor Olympia keine Angst haben müssen.

Und sie soll helfen, die Olympia-Stimmung endlich zu heben. Die jüngsten Umfrage-Ergebnisse waren verheerend. Pandemie und Spiele - das finden viele in Japan unpassend. Die Aufregung um sexistische Aussagen des vormaligen Tocog-Präsidenten Yoshiro Mori machten nichts besser. Und gerade Menschen aus Fukushima sind skeptisch, obwohl Japans Regierung die Spiele gerade für sie als Recovery-Games ausgeschrieben hat. Toshihide Yoshida zum Beispiel war schon vor dem Coronavirus dagegen. Mit seiner Frau musste er nach dem Nukleardesaster seine Heimatstadt Futaba verlassen. Heute lebt er in Kazo, Präfektur Saitama. "Man nennt das Recovery-Games", sagt er, "aber wenn man solche Gelder hat, warum verwendet man das nicht für den Wiederaufbau selbst?"

Wiederaufbau und Geisterstädte: Der Start des Fackellaufs erinnert an Fukushima

Um Japans Image zu schärfen und zahlungskräftige Gäste aus dem Ausland anzulocken - könnte Japans Regierung erwidern. Aber zumindest Letzteres kann ja nicht mehr klappen, seit sie wegen der Pandemie entschieden hat, keine Olympia-Fans aus Übersee einreisen zu lassen. Viele dürfte das in ihrer Spiele-Skepsis bestärkt haben. Der Gaststättenbetreiber Haruo Owada aus Shinchi in Fukushima sagte der Nachrichtenagentur Kyodo: "Es ergibt keinen Sinn, Spiele abzuhalten, wenn die Stimmung nicht dazu passt."

Immerhin, die Stimmung am Donnerstag war nicht schlecht. Japans Medien zitierten zahlreiche Aktive und Schaulustige, die vom Ereignis schwärmten. Den Fackelträger Shoko Watanabe, 45, zum Beispiel. Die Staffel verlief am Donnerstag von Naraha nach Norden, passierte die Geisterstädte Okuma und Futaba, auf deren Gebiet Fukushima Daiichi liegt. Und kam dann auch nach Namie, wo der Evakuierungsbefehl 2017 in weiten Teilen aufgehoben wurde. Watanabe gehört zu den wenigen Namie-Bewohnern, die danach zurückkehrten. "Viele frühere Einwohner vermissen Namie", sagt er laut Kyodo, "ich wollte hier laufen, um ihnen zu zeigen, wie es heute ist."

Und Auftaktläuferin Azusa Iwashimizu war erst recht zufrieden mit dem Auftritt zwischen lauter Ex-Mitspielerinnen - auch wenn Weltmeister-Spielführerin Homare Sawa aus gesundheitlichen Gründen fehlte. "Ich konnte die Mitglieder des Teams zum ersten Mal seit zehn Jahren wieder treffen", sagte sie, "eine wunderbare Gelegenheit." Klassentreffen-Gefühle gehörten also auch zu den ersten Eindrücken dieser pandemischen Fackelstaffel.

Zur SZ-Startseite
Vor den Olympischen Spielen in Tokio

MeinungTokio 2021
:Olympia wird zum sterilen Theater

Die Olympischen Spiele in Tokio werden von Trennwänden, Kontaktverboten und Zugangsbeschränkungen geprägt sein. Der tiefere Sinn erschließt sich nicht mehr.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB