Süddeutsche Zeitung

Deutscher Olympischer Sportbund:Ein Bückling vor Bach

Der deutsche Sport knickt in der Russland-Frage ein und stellt sich fest ins Lager des IOC. Getreu dem Motto: Für Olympia tun wir alles. Diese Haltung ist keine Ausnahme - sie betrifft auch weite Teile der westlichen Politik.

Kommentar von Johannes Aumüller

Erst mal ein großes olympisches Indianerehrenwort von den Vertretern des deutschen Sports: Mit ihrem ewigen Traum von Olympischen Spielen in Deutschland hat ihr neuer Schwenk in der Russland-Causa nichts zu tun. Wirklich gar nichts! Nichts mit der trotz aller Chancenlosigkeit aufrechterhaltenen Bewerbungsidee für den Sommer 2036. Und auch nichts mit der aktuell verstärkt aufkeimenden Hoffnung, bei den Winterspielen in zweieinhalb Jahren zumindest die Schlittenwettbewerbe austragen zu können, weil der Ausrichter Cortina/Mailand mangels geeigneter Anlagen in Italien im Ausland nach einer Bahn für Rodeln, Bob und Skeleton sucht.

Nein, dieser Schwenk, so versichert die DOSB-Spitze jetzt treuherzig, komme nur daher, weil sich die Zeiten geändert hätten. Also weg mit der bisherigen Haltung und mit Vollgas hinein ins Lager des Internationalen Olympischen Komitees und dessen Präsidenten Thomas Bach. Der deutsche Sport hat kein Problem mehr damit, wenn russische und belarussische Athleten bei Olympischen Spielen und anderen Sportgroßveranstaltungen schwimmen, laufen und fechten - auch wenn er die üblichen Bedingungen anführt, etwa diese: keine "Waffenträger" und ein Start nur als "neutrale Athleten".

Wie wenig zielführend diese Kategorien sind, ist hinlänglich bekannt. Neutrale Sportler gibt es nicht; jeder als neutral deklarierte Sportler wird faktisch seinem Land zugeordnet. Und ein funktionierendes Ausschlusssystem für armee- oder staatsnahe Sportler existiert auch nicht. Man schaue sich nur an, wie die Ringer einen Mann wie Saurbek Sidakow durchwinken, der Anfang des Jahres an einer Propagandashow zum Jahrestag der Annektierung der Krim teilgenommen hat.

Die Meinung der Athleten und ein eigens in Auftrag gegebenes Gutachten sind dem DOSB egal

Hauptsache, der liebe Thomas in Lausanne kann mit seinen deutschen Paladinen zufrieden sein - das ist das Motto beim DOSB. Dafür ignoriert er auch alles andere. Etwa die kritische Haltung des Bundesinnenministeriums, also des wichtigsten Geldgebers, den er für so viele Projekte braucht. Auch den Willen der eigenen Athleten, die in den zurückliegenden Monaten immer wieder ausgeführt haben, warum sie gegen eine Rückkehr russischer Sportler sind. Und ebenso ignoriert wird vom DOSB ein eigens von ihm in Auftrag gegebenes Gutachten, in dem die Völkerrechtlerin Patricia Wiater schlüssig herausgearbeitet hat, weshalb ein Generalausschluss russischer Athleten rechtlich völlig in Ordnung wäre - anders als es das IOC mit Bezug auf eine Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen behauptet, die sich in dieser Frage auch längst nicht mehr so eindeutig äußert.

Eines muss man dem DOSB bei diesem Bückling vor Bach zugutehalten: Die Welt hat sich in der Russland-Frage tatsächlich geändert. Noch vor einem Dreivierteljahr haben fast drei Dutzend westliche Regierungen so getan, als würden sie scharf reagieren, wenn die Sportwelt russische Athleten wieder zulässt. Jetzt sind russische Athleten in vielen Sportarten wieder dabei, und von einem Widerstand ist vielerorts nichts mehr zu spüren. Schon gar nicht in den Ländern, die demnächst Olympische Spiele beherbergen dürfen: Frankreich, Italien, USA, Australien. Selbst die ukrainische Regierung erlaubt ihren Sportlern inzwischen, gegen russische Athleten anzutreten. Wenn Innenministerin Faeser damit droht, dass es im Einzelfall keine Visa für russische Sportler geben könnte, steht die deutsche Politik ziemlich allein da.

Visa für Deutschland kann es dann über Umwege geben

Dabei gehört zum ganzen Bild, dass auch bei der deutschen Regierung die kritische Position inzwischen aufgeweicht wirkt. Ein spezieller formaler Erlass folgte den markigen Worten nie. Dass Verbänden Fördermittel gestrichen werden, wenn ihre Athleten gegen russische antreten, ist auch schon länger kein Thema mehr. Sogar mit der angekündigten Prüfung der Visa ist das so eine Sache. In Berliner Ministerien kursiert längst ein Szenario, das es erlauben könnte, den Schein zu wahren und zugleich eine Einreise zu gestatten. Der Grundansatz: Wenn ein russischer Athlet von irgendwem ein Schengen-Visum erhält, darf er natürlich auch nach Deutschland einreisen.

Demnach kann das Ganze dann so ablaufen: Die Weltverbände winken russische Athleten großzügig durch, im Zweifel auch die mit engem Bezug zu Staat und Militär. Das IOC akkreditiert alle diese Athleten für die Spiele. Frankreich und Italien laden alle durchgewinkten Sportler ein, weil sie sich für die Spiele 2024 und 2026 als gute olympische Gastgeber präsentieren möchten. Die Bundesregierung könnte so tun, als habe sie in dieser Frage weiter eine strenge Haltung - und könnte zugleich zuschauen, wie auf der Bobbahn in Deutschland von Italien eingeladene russische Sportler starten.

Und in Lausanne kann sich Thomas Bach prächtig amüsieren, wie mal wieder alle nach der Pfeife des IOC tanzen.

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