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Olympia:"Wir mussten halt das Feld von hinten aufrollen"

Rio 2016 - Pferdesport Vielseitigkeit

Starke Leistung im Springen: Vielseitigkeitsreiter Michael Jung.

(Foto: dpa)

Deutschlands erste Medaille in Rio: Die Vielseitigkeitsreiter gewinnen Silber. Dabei lief es zwischenzeitlich alles andere rund für das Team.

Von Gabriele Pochhammer

Am Ende war dann alles gut. Die deutschen Vielseitigkeitsreiter haben in Rio die erste Medaille für Deutschland geholt, Mannschaftssilber, mit 172,80 Punkten hinter Frankreich (169,0) und vor Australien (175,30). Alle drei Reiter, die noch in der Wertung waren, absolvierten den Springparcours ohne Fehler.

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Als der letzte neuseeländische Reiter, der 60-jährige Doppelolympiasieger von 1984 und 1988 Mark Todd, mit vier Abwürfen, also 16 Fehlern, aus dem Parcours kam, war die Medaille sicher. Beide Teams traten nur noch mit drei Reitern an, es gab also kein Streichergebnis mehr. Michael Jung mit Sam sicherte sich zudem nach einer fehlerlosen Runde für das nach Redaktionsschluss stattfindende Einzelspringen die Chance, den Olympiasieg von London zu wiederholen.

Bis dahin war es alles andere als rund gelaufen für das deutsche Team. Nach einer Dressur, die nur Ingrid Klimke ohne Fehler hinbekam, häuften sich am Geländetag die Probleme. Die erste deutsche Starterin Sandra Auffarth auf Opgun Luovo kassierte bereits an Sprung vier, einer Wasserkombination, 20 Strafpunkte für einen "Vorbeilaufer". Es gelang ihr nicht, den sehr stürmischen Fuchs auf der gebogenen Linie zu reiten, die für die Hindernisfolge nötig war. Auch am letzten Wasser hakte es, die Weltmeisterin musste einen großen Bogen zum "Froschhindernis" reiten, die ihr zunächst angekreideten Strafpunkte wurden später aber wieder abgezogen. "Das war eindeutig ein Steuerungsproblem", sagte Bundestrainer Hans Melzer.

Für Julia Krajewski läuft es ganz unglücklich

Der zweite Deutsche, Michael Jung, lieferte auf dem 16-jährigen Sam den erwarteten zeit- und hindernisfehlerfreien Ritt, vielleicht nicht ganz so leicht und locker wie gewohnt, aber immerhin rund 15 Sekunden unter der erlaubten Zeit. "Sam begann etwas übermotiviert", sagte er hinterher. "Er ist ein erfahrenes Pferd, aber ich musste überall ein bisschen kämpfen, deswegen sah es nicht so rund aus. Ich hatte aber ein sicheres Gefühl und mein Pferd kam frisch ans Ziel."

Ganz unglücklich lief es für die dritte deutsche Starterin Julia Krajewski, von der sich Melzer eine sichere Runde versprochen hatte. Sie war erst einen Tag vor ihrem Start anstelle von Andreas Ostholt ins Team rotiert, dessen Pferd So is et nach Ansicht der Trainer ein gesundheitliches Risiko darstellte. Doch nach drei Verweigerungen an drei verschiedenen Hindernissen schied Krajewski aus. "Mein Pferd war mit dem Kopf nicht im Gelände, ich kann mir das nicht erklären. Ich bin unheimlich enttäuscht," sagte sie. Die Olympia-Debütantin wirkte zeitweise überfordert. Für heftige Kritik sorgten die Kommentare von TV-Kommentator Carsten Sostmeier, der der Reiterin Angst und Nichtkönnen unterstellte und sich später dafür entschuldigte ().

Ingrid Klimke hätte es mit einer zeit- und hindernisfehlerfreien Runde noch in der Hand gehabt, die deutsche Führung zu sichern. Sie fing fantastisch an, rhythmisch zog Hale Bob seine Bahn, schnell und sicher an den Sprüngen. Dann am letzten Wasser wischte der Braune an der zweiten Bürste vorbei, großer Umweg, 20 Punkte, Zeitfehler. "Eine kleine Unachtsamkeit und schon ist der Traum vom Titel dahin," sagte Hans Melzer.

Aber die Sache war noch nicht verloren. "Wir mussten halt das Feld von hinten aufrollen", sagte Ingrid Klimke. "Gestern hatten wir ein bisschen Pech, heute dürfen wir stolz auf uns sein." Und Sandra Auffarth, die Bronzemedaillengewinnerin von London, brachte es auf den Punkt: "Es ist schöner, heute Silber zu gewinnen als Gold zu verlieren."

© SZ vom 10.08.2016/chge
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