bedeckt München 32°

Olympische Sommerspiele 2021:Zu Besuch im olympischen Ufo

Martin Wolfram

Konzentration aufs Wesentliche: Der Dresdner Martin Wolfram siegt beim Weltcup in Tokio vom Drei-Meter-Brett.

(Foto: Hiro Komae/AP)

Sich die Beine vertreten? Frische Luft schnappen? Verboten. Die Wasserspringer bekommen beim Weltcup in Tokio einen Vorgeschmack auf Olympia und trotzen den Schwierigkeiten - der Widerstand der Japaner gegen die Spiele wächst.

Von Thomas Hahn, Tokio

Am Ende zählt, was in der Ergebnisliste steht, findet Lutz Buschkow, Deutschlands Chefbundestrainer im Wasserspringen. Er kann sich deshalb nicht beklagen nach dem Weltcup im Aquatics Center von Tokio. Das Ereignis war die letzte Chance zur Qualifikation für Olympia im Sommer an gleicher Stelle, und seine Leute haben sich bewährt. Zehn von zwölf möglichen Startplätzen haben sie erreicht. Am Schlusstag siegte der Dresdner Martin Wolfram vom Drei-Meter-Brett. Davor gab es Podestplätze im Synchronspringen: Christina Wassen/Tina Punzel Dritte vom Turm, Patrick Hausding/Lars Rüdiger Zweite vom Drei-Meter-Brett. "Sehr gut", sagt Buschkow und nimmt wertvolle Erkenntnisse mit. Klar, gewöhnungsbedürftig war die Reise. Aber so ist das eben in der Pandemie.

Keine drei Monate sind es mehr, bis am 23. Juli die Sommerspiele beginnen sollen. Das Coronavirus gibt keine Ruhe. Japans Regierung hat am Freitag verkündet, den Notstand für Tokio und drei weitere Präfekturen zu verlängern; statt am 11. soll er jetzt am 31. Mai enden, nur sieben Wochen vor der Eröffnungsfeier. Die Debatte läuft und läuft: Können die Spiele stattfinden? Aber der Weltcup im Aquatics Center war ein Zeichen dafür, dass der olympische Betrieb den Widrigkeiten trotzt, und Buschkow, seit Kurzem auch Leistungssportdirektor des Deutschen Schwimmverbandes (DSV), kann sich an den Diskussionen über Ja oder Nein nicht beteiligen.

Viel hat man in Tokio nicht mitbekommen vom Weltcup. Wie ein finsteres Ufo lag das Aquatics Center im Tatsumi-no-Mori Beach Park von Tokios Ost-Bezirk Koto, während in dem mächtigen Gebäude die Abendveranstaltungen stattfanden. Zuschauer waren nicht erlaubt, die Zugänge versperrt. Fast verstohlen brachte der Bus die Athletinnen und Athleten zum Wettkampf. Eilig schlüpften sie aus dem Gefährt in die Halle. Und die Hygieneregeln waren wohl ein Vorgeschmack auf die Spiele, bei denen die Olympia-Teilnehmenden keinen Kontakt zu den Einheimischen haben sollen.

Für die Athleten gibt es Flugzeugkost im Hotel

Sich die Beine vertreten? Frische Luft schnappen? Nicht erlaubt. Im Hotel mussten alle auf ihrer Etage bleiben, die Deutschen also im zehnten Stock. Die Fenster konnte man nicht öffnen, die Klimaanlage sollte man klein halten. Das Essen kam drei Mal am Tag aufs Zimmer. Flugzeugkost. Für Obst und Säfte musste man sich eigens einsetzen. Und mit dem Aufzug runterfahren für eine Entspannungsrunde auf dem Parkplatz - verboten. "Ich habe mich noch nie so eingeschränkt gefühlt", sagt Buschkow, "dieser Wunsch nach frischer Luft ..."

Trotzdem stellt er nichts infrage. Japans Regierung, das Internationale Olympische Komitee (IOC), die Verbände - alle sagen, die Spiele finden statt. Danach richtet er sich. Danach richten sich auch alle Sportlerinnen und Sportler. Für Zweifel ist der Aufwand einfach zu groß gewesen in den vergangenen Jahren - und besonders in den vergangenen Monaten. "Es ist ja nicht so, dass nur hier Einschränkungen waren", sagt Buschkow.

"Ein Schüttelbad der Gefühle" habe das DSV-Team erlebt. Die Olympia-Verschiebung zerstörte alle Pläne. Neue zu machen, war schwierig. Es gab Corona-Infektionen im Team. Der Wettkampfbetrieb ruhte. Lehrgänge fanden alle zwei Wochen nach den Mustern der Vorsicht statt: PCR-Test am Freitag. Häusliche Quarantäne am Wochenende. Antigen-Schnelltest bei der Anreise am Montag. Dann eine Woche in der Trainingsblase.

Der Weltcup von Tokio wurde zu einer Nervenprüfung mit Ab- und Neubuchungen, Hin und Her, Visa- und PCR-Test-Stress. Eigentlich sollte er im Februar stattfinden. Dann im April. Dann gar nicht. Dann plötzlich in der ersten Maiwoche. Den geplanten Lehrgang zur Akklimatisierung in Fuji, Präfektur Shizuoka, musste Buschkow aufgeben. Stattdessen ließ er nach einer ersten Absage die Zeitverschiebung in Dresden erproben bei Einheiten in der Nacht, Abendessen um 13 Uhr und Nachtruhe im abgedunkelten Hotelzimmer. "Letztlich haben wir das sehr gut machen können." Buschkow ist dankbar.

"Springer, haltet Abstand!", hallt es durch die Halle. Auch die Juroren sitzen mit Masken auf Distanz.

(Foto: Behrouz Mehri/AFP)

Dann die Reise. Viereinhalb Stunden dauerte es am Flughafen, bis sie am Ausgang waren. Dokumente ausfüllen, PCR-Test, Prüf-Apps runterladen. An den nächsten drei Tagen folgten täglich Tests, anschließend Tests alle zwei Tage. Und in der Halle drängte man sich beim Einspringen an Brettern und Turm. 224 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 46 Ländern waren am Start. "Springer, haltet Abstand", hallte es durch die schöne leere Arena.

Für Bundestrainer Lutz Buschkow und sein Team ist Olympia nicht nur Erlebnis, sondern Lebensgrundlage

Und diesen ganzen Stress, um dann nicht um Medaillen kämpfen zu können? Für Lutz Buschkow geht das nicht. "Wir werden ja vom Bundesinnenministerium nach Leistungen eingeschätzt", sagt er, "das Abschneiden bei Olympia hat wesentlichen Einfluss auf die weitere Entwicklung und Finanzierung unserer Sportart." Olympia ist nicht einfach nur ein Erlebnis. Es ist eine Lebensgrundlage.

Aber das ist Buschkows Welt. Andere haben ganz andere Sorgen, und dabei geht es um Frieden oder Gesundheitskrise, stabiles Corona-Tief oder neue Welle. In Neuseeland hat zuletzt der Epidemiologe Michael Baker von der Otago-Universität Regierung und Nationales Olympisches Komitee dazu aufgerufen, das Olympiateam zurückzuziehen. Es gehe um eine "moralische Haltung". Für Reisen und Zusammenkünfte sei die Pandemie einfach noch zu stark. "Jemand muss das Offensichtliche sagen", sagte Baker: "Dass Olympia jetzt nicht stattfinden sollte."

Und in Japan wird der Widerstand immer deutlicher. Die Zeitung Mainichi hat diese Woche eine Umfrage unter den 47 Präfekturen gemacht. Neun waren für Absage oder Verlegung, darunter auch die Spiele-Standorte Saitama (Basketball, Golf, Fußball, Schießen) und Shizuoka (Radsport). "Wir tun unser Bestes, um sichere und behütete Spiele vorzubereiten. Aber wir müssen auch die Lage im Auge behalten", wird Saitamas Gouverneur Motohiro Ono zitiert. Seit Mittwoch läuft die Online-Petition "Stop Tokyo Olympics": Am Freitagabend hatte sie schon über 230 000 Unterschriften. Selbst im Organisations-Komitee Tocog kommt man nicht mehr ganz an der Gesamtsituation vorbei. IOC-Präsident Thomas Bach wollte Mitte Mai nach Tokio kommen. Am Freitag nannte Tocog-Präsidentin Seiko Hashimoto das Vorhaben "sehr schwierig".

Buschkow scheint das alles nicht zu erreichen. "Ich habe von allen Volunteers und von allen Japaner überhaupt nichts Negatives gespürt", sagt er. Und selbst wenn ihn die negative Energie erreicht hätte - was soll er tun? Aufstecken? Seinem Team den Mut nehmen?

Er hat mit Kollegen gesprochen. Team Malaysia muss nach der Japan-Reise zwei Wochen in Quarantäne, Team Neuseeland auch. Australiens Mannschaft kam erst gar nicht. "Es ist für alle hochkompliziert." Aber Buschkow bleibt im Olympia-Modus. "Wir werden dem Bereich Teammanagement beim Deutschen Olympischen Sportbund Bericht erstatten, auch die DOSB-Mediziner werden informiert." Für etwas anderes als für Optimismus hat Lutz Buschkow gerade ohnehin keine Zeit. Die Reise geht weiter. Am Montag beginnen in Budapest die Europameisterschaften.

© SZ/bkl/ska
Zur SZ-Startseite
FINA Swimming World Cup Berlin - Day 1

Schwimmer Florian Wellbrock
:Er wäre dann so weit

Der Weltmeister ist so gut in Form wie noch nie im Frühjahr, ihm machten die Einschränkungen kaum zu schaffen. Jetzt ist nur die Frage, was ihm das nützt.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB