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Olympia:Und plötzlich fällt Michael Johnsons Weltrekord

Weit vor dem Rest: Der Südafrikaner Wayde Van Niekerk gewinnt die 400 Meter mit Weltrekord.

(Foto: AP)

Nach 17 Jahren pulverisiert der Südafrikaner Wayde van Niekerk den Fabel-Rekord des Amerikaners über 400 Meter - einige Beobachter werden da stutzig.

Von Jürgen Schmieder

Es gibt Weltrekorde, die scheinen für immer in die Geschichtsbücher des Sports und das Gedächtnis der Zuschauer tätowiert zu sein. Weil sich die Kleiderordnung geändert hat, wie im Schwimmen, oder weil sie schlicht in der Glanzzeit des unkontrollierten Steroid-Dopings erreicht worden sind. Es kann natürlich auch sein, dass zwei Tennisspieler ihr Wimbledon-Match einfach nicht beenden wollen und nach mehr als elf Stunden noch immer über den Platz jagen. Die 43,18 Sekunden, die Michael Johnson in Sevilla über 400 Meter benötigt hat, galten als ein derart wetterfester Rekord - erzielt am 26. August 1999.

Dieser Michael Johnson, er ist mittlerweile wie so viele ehemalige amerikanische Olympiasieger als Experte bei einem TV-Sender angestellt. Er verfolgte das olympische Finale über diese Strecke deshalb im Stadion von Rio. Er blickte zunächst einmal begeistert auf dieses Rennen, danach sah er mit offenem Mund zur Anzeigetafel. Dann sagte er: "Oh mein Gott! Weltrekord!" Die Zahl 43,03 war da vermerkt, der Südafrikaner Wayde van Niekerk, hatte den Rekord von Johnson nicht nur unterboten, sondern pulverisiert.

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"Ich dachte, dass er einbrechen würde"

Es war ein knifflig zu verfolgendes Rennen, weil van Niekerk auf der Außenbahn positioniert war und direkt nach dem Startschuss vorneweg rannte. Van Niekerk flüchtete vorneweg, Kirani James (Grenada/43,76 Sekunden) und LaShawn Merritt (USA/43,85 Sekunden) hetzten hinterher. "Ich dachte, dass er einbrechen würde", sagte Merritt später, "ich habe das echt geglaubt." Aber Niekerk brach nicht ein, im Gegenteil. "Ich habe schon ewig von dieser Medaille geträumt", sagte van Niekerk danach: "Ich habe daran geglaubt, dass ich den Weltrekord würde brechen können."

Van Niekerk, 24, gilt als das Gesicht des modernen südafrikanischen Sports. Seine Mutter Odessa Swarts war eine begabte Sprinterin, die als Teenager zwar Titel gewann, aufgrund ihrer Hautfarbe jedoch in kein Nationalteam aufgenommen wurde. Nach der Geburt von Wayne, sie war gerade einmal 18 Jahre alt, beendete sie ihre Karriere; zwei Jahre später schüttelte das Land die Apartheid ab und begann mit Nelson Mandela als Präsidenten eine neue Ära. "Das Wichtigste ist, dass Athleten unter dem jetzigen System allein durch Leistung auffallen können", hat Swarts über die Karriere ihres Sohnes einmal gesagt. Der ergänzte: "Ich bin sehr dankbar für die derzeitige Situation im Land. Deswegen möchte ich diese Gelegenheit nicht ungenutzt lassen."

Es ließ die Gelegenheit nicht ungenutzt, ganz im Gegenteil: Er schaffte im olympischen Finale einen Rekord, der nun mit dem Präfix "Fabel-" versehen werden dürfte. Allerdings kann so ein Rekord auch Fragen aufwerfen, zumal van Niekerk seine persönlichen Bestleistungen in den vergangenen Jahren auf recht erstaunliche Weise verbessert hat. Vor vier Jahren brauchte er 46,43 Sekunden, ein Jahr später 45,09, in der Saison darauf schon 44,68 Sekunden. Bei der Weltmeisterschaft in Peking im vergangenen Jahr verblüffte er die Beobachter mit einer Zeit von 43,48 Sekunden.

Wird er der neue Star der Leichtathletik?

Im vergangenen März gelang ihm dann durch einen flinken 100-Meter-Lauf (9,98 Sekunden) eine Einzigartigkeit: Laut Weltverband IAAF ist van Niekerk der erste Mensch überhaupt, der über 400 Meter unter 44 Sekunden, über 200 Meter unter 20 und über 100 Meter unter zehn Sekunden geblieben ist. "Das ist echt verrückt", schrieb van Niekerk danach bei Twitter - und einige Beobachter vermuteten, dass all diese Meilensteine und Rekorde tatsächlich ein bisschen zu wunderbar sein könnten, um nicht zumindest stutzig zu werden. Als van Niekerk in Rio gefragt wurde, was er diesen Skeptikern entgegen würde, sagte er: "Ich weiß, dass ich nicht dope. Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll."

Bei der WM im vergangenen Jahr war van Niekerk nach seinem Erfolg zusammengebrochen und mussten wegen eines Kreislaufkollaps ohne Jubellauf ins Krankenhaus gebracht werden. Nun, bei den Olympischen Spielen, durfte er eine Ehrenrunde laufen nach einem Rennen, das in die Geschichte eingehen dürfte. Es gab den Weltrekord, drei Läufer blieben unterboten 44 Sekunden, niemand benötigte länger als 45 Sekunden. "Ich habe noch nie jemand zwischen 200 und 400 Meter so gesehen", sagte Johnson, als er sein Staunen beendet hatte: "Das hier könnte der neue Star dieses Sports sein."

© Süddeutsche.de/jüsc/ebc
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