Süddeutsche Zeitung

Olympia:Trabis verwandeln sich in Gold-Bobs

  • Der deutsche Bob- und Schlittenverband hat nach Sotschi einen rekordverdächtigen Wandel eingeleitet.
  • Nun gibt es gleich drei Gold-Favoriten im Vierer-Bob. Grund ist auch der Konkurrenzkampf unter den Fahrern, aber auch den Bob-Bauern.
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Von Volker Kreisl, Pyeongchang

Es war ein sonniger Sonntagmorgen, als die letzte Hoffnung verflog. Viererbob-Pilot Maximilian Arndt schob mit seiner Crew abermals zu langsam an, der große Schlitten nahm kein Tempo auf, die deutschen Königsgeräte landeten 2014 zum Abschluss der Spiele von Sotschi auf den Plätzen sechs, acht und zehn, womit das Feuer freigegeben war.

Es gibt Wichtigeres im Leben als olympische Medaillen, aber in diesem Moment ging es nicht mehr um Verhältnismäßigkeit. "Katastrophe!", "maßlos enttäuscht!", "Debakel!", "Trabi!", schimpften Trainer Langen und die Sportler über sich und ihre Schlitten; Funktionäre und Sportpolitiker stimmten kräftig ein. 50 Jahre immer Siege oder wenigstens Medaillen, und jetzt auf Augenhöhe mit Ländern, die nicht mal über eine Eisbahn verfügen? Das würde Folgen haben.

Wenn an diesem Sonntagmorgen in Südkorea, also um halb zwei Uhr morgens in Deutschland, der letzte Teil des Vierer-Bob-Wettkampfs der Spiele von Pyeongchang ausgetragen wird, dann scheint wohl wieder die Sonne, diesmal aber auch im Gemüt der damals Geschlagenen. Der Bob- und Schlittenverband für Deutschland hat die Trabi-Krise 2014 genutzt, und einen rekordverdächtigen Wandel eingeleitet. Führungskräfte wurden ersetzt, darunter Cheftrainer Langen, die Bobs neu besetzt, neue Wege in der Entwicklung eingeschlagen. Schon jetzt hat die deutsche Bob-Abteilung zwei Goldmedaillen geholt, und im Vierer stellt sie gleich drei Siegfavoriten: Francesco Friedrich, Johannes Lochner und Nico Walther. Das Bedürfnis zur Wiedergutmachung war gestiegen, und im letzten dieser vier Jahre war alles ein Wettkampf - Bobs gegen Bobs, alle zusammen gegen die Zeit, und auch: Bobbauer gegen Bobbauer.

Letzteres ist der Grund, warum Harald Schaale in Pyeongchang in diesen Tagen milde lächelt, denn er hat Grund zur Genugtuung, er stellte ja die beiden siegreichen Zweierbobs. Er lächelt aber nur so stark, wie es die Beherrschung eines sachlich rechnenden Ingenieurs erlaubt. Schaale ist der Direktor des Instituts für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten, der FES. Die Studierten aus Berlin hatten 2013 den verhassten Zweierbob entwickelt, wobei sie ihren Plan nicht durchziehen konnten, weil der Praktiker Langen die Sache in die Hand genommen hatte, womit es weder in die eine, noch in die andere Richtung voranging.

War es Misstrauen? War es Sicherheitsdenken? Als im vorigen Winter abermals der FES-Schlitten zwischendurch hinterherfuhr, bekamen die Ingenieure jedenfalls einen internen Konkurrenten. Der ehemalige Bob-Pilot und höchst erfolgreiche Garagenbastler Johannes Wallner versorgte fortan Friedrich und Lochner; Walther und die Frauen blieben bei der FES. Es folgte ein wilder Winter mit Fehlentwicklungen, neuen Versuchen und unzähligen Überstunden. Als die Bobs schließlich in die Container nach Korea verschifft wurden, lag die FES gegen Wallner leicht in Führung, denn Friedrich war zum Berliner Hersteller zurückgekehrt.

Wallner ärgert sich, wenn seine Bobs als teurer bezeichnet werden

Anders als Bob-Fahrer sind die Bob-Bauer aber sanfte Menschen, deren Wettkampf tendenziell eher im Subtilen stattfindet. Niemand sprach von Eifersucht oder Verrat, Cheftrainer René Spies sagte: "Ich bin froh, dass die FES diese Herausforderung durch Wallner angenommen hat." Tatsächlich haben die Berliner wohl einfach weitergearbeitet. Wie immer haben sie vor vier Jahren eine so genannte "gleitende Projektierung" begonnen, also ein Grundmodell Schritt für Schritt weiterentwickelt.

Wallner dagegen arbeitet auch intuitiv, entscheidet sich für Veränderungen, wenn er eine seiner Ideen hat, die aus einem in 30 Jahren gesammelten Erfahrungsschatz als Bob-Pilot, Schlitten- und Maschinenbauer stammen. Er arbeitete in diesem Winter bis zu zwölf Stunden täglich, verengte die Schlittenkarosserie, um in der Bahn ein paar Zehntel zu gewinnen, oder versenkte überstehende Schraubenköpfe, um die langen Beine von Johannes Lochner besser unterzukriegen. Mit der FES komme er zurecht, sagt Wallner, "man respektiert sich gegenseitig und macht seine Arbeit". Es ärgere ihn nur, wenn man seine 100 000-Euro-Bobs im Vergleich zur FES als teuer bezeichne, und dabei die hohen Zusatzkosten des staatlichen Instituts unterschlage. Trotz aller sanften Töne: Ein gewisser Ehrgeiz ist bei den beiden Entwicklern im Subtext erkennbar, jeder hat sein Berufsethos, der Wissenschaftler wie der Praktiker. Dazwischen steht der Verband, dem der Wettstreit entgegenkam, und dessen Ausgaben schon jetzt gerechtfertigt erscheinen.

Die letzten Trainingseinheiten im Vierer-Bob waren jedenfalls schnell. Johannes Lochner, der Weltcup-Gesamtsieger im Wallner-Vierer, hatte noch Probleme bei der Durchfahrt durch die Schlüsselkurve neun, am Freitag sagte Spies: "Heute sah es deutlich besser aus." Friedrich, der Gesamtweltcup-Zweite, ebenfalls im Wallner-Vierer, durfte sich ausruhen. Er habe nach seinem Zweier-Sieg Schlaf aufzuholen, erklärte Spies. Und Nico Walther, der Gesamt-Dritte im FES-Vierer, hat den letzten Weltcup der Saison gewonnen, auch er hat schnelle Trainingszeiten erzielt. Ebenfalls als Sieganwärter gelten der Kanadier Justin Kripps und die Letten Oskars Melbardis und Oskars Kibermanis.

Und noch besser als im Training lief es schließlich im Wettbewerb: Nach den ersten beiden von vier Läufen am Samstag lag der Francesco Friedrich mit 0,29 Sekunden vor dem überraschend stark fahrenden Südkoreaner Won Yunjong in Führung, Nico Walther und Johannes Lochner wahrten als Dritter und Fünfter ebenfalls ihre sehr guten Medaillenchancen.

Sollten die Deutschen an diesem Sonntag wieder Vierer-Medaillen gewinnen, dann könnten die Piloten also in FES-Bobs oder Wallner-Schlitten gesessen haben, vielleicht gewinnt der eine, vielleicht der andere, vielleicht steht es auch unentschieden. Ein Sieger jedoch stünde fest: der deutsche Verband.

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SZ vom 24.02.2018/tbr
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