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Olympia:Trabis verwandeln sich in Gold-Bobs

Bob gegen Bob, Bobbauer gegen Bobbauer: Im deutschen Team (hier Nico Walther) haben sie sich gegenseitig zu Höchstleistungen getrieben.

(Foto: Mark Ralston/AFP)
  • Der deutsche Bob- und Schlittenverband hat nach Sotschi einen rekordverdächtigen Wandel eingeleitet.
  • Nun gibt es gleich drei Gold-Favoriten im Vierer-Bob. Grund ist auch der Konkurrenzkampf unter den Fahrern, aber auch den Bob-Bauern.
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Von Volker Kreisl, Pyeongchang

Es war ein sonniger Sonntagmorgen, als die letzte Hoffnung verflog. Viererbob-Pilot Maximilian Arndt schob mit seiner Crew abermals zu langsam an, der große Schlitten nahm kein Tempo auf, die deutschen Königsgeräte landeten 2014 zum Abschluss der Spiele von Sotschi auf den Plätzen sechs, acht und zehn, womit das Feuer freigegeben war.

Es gibt Wichtigeres im Leben als olympische Medaillen, aber in diesem Moment ging es nicht mehr um Verhältnismäßigkeit. "Katastrophe!", "maßlos enttäuscht!", "Debakel!", "Trabi!", schimpften Trainer Langen und die Sportler über sich und ihre Schlitten; Funktionäre und Sportpolitiker stimmten kräftig ein. 50 Jahre immer Siege oder wenigstens Medaillen, und jetzt auf Augenhöhe mit Ländern, die nicht mal über eine Eisbahn verfügen? Das würde Folgen haben.

Wenn an diesem Sonntagmorgen in Südkorea, also um halb zwei Uhr morgens in Deutschland, der letzte Teil des Vierer-Bob-Wettkampfs der Spiele von Pyeongchang ausgetragen wird, dann scheint wohl wieder die Sonne, diesmal aber auch im Gemüt der damals Geschlagenen. Der Bob- und Schlittenverband für Deutschland hat die Trabi-Krise 2014 genutzt, und einen rekordverdächtigen Wandel eingeleitet. Führungskräfte wurden ersetzt, darunter Cheftrainer Langen, die Bobs neu besetzt, neue Wege in der Entwicklung eingeschlagen. Schon jetzt hat die deutsche Bob-Abteilung zwei Goldmedaillen geholt, und im Vierer stellt sie gleich drei Siegfavoriten: Francesco Friedrich, Johannes Lochner und Nico Walther. Das Bedürfnis zur Wiedergutmachung war gestiegen, und im letzten dieser vier Jahre war alles ein Wettkampf - Bobs gegen Bobs, alle zusammen gegen die Zeit, und auch: Bobbauer gegen Bobbauer.

Letzteres ist der Grund, warum Harald Schaale in Pyeongchang in diesen Tagen milde lächelt, denn er hat Grund zur Genugtuung, er stellte ja die beiden siegreichen Zweierbobs. Er lächelt aber nur so stark, wie es die Beherrschung eines sachlich rechnenden Ingenieurs erlaubt. Schaale ist der Direktor des Instituts für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten, der FES. Die Studierten aus Berlin hatten 2013 den verhassten Zweierbob entwickelt, wobei sie ihren Plan nicht durchziehen konnten, weil der Praktiker Langen die Sache in die Hand genommen hatte, womit es weder in die eine, noch in die andere Richtung voranging.

War es Misstrauen? War es Sicherheitsdenken? Als im vorigen Winter abermals der FES-Schlitten zwischendurch hinterherfuhr, bekamen die Ingenieure jedenfalls einen internen Konkurrenten. Der ehemalige Bob-Pilot und höchst erfolgreiche Garagenbastler Johannes Wallner versorgte fortan Friedrich und Lochner; Walther und die Frauen blieben bei der FES. Es folgte ein wilder Winter mit Fehlentwicklungen, neuen Versuchen und unzähligen Überstunden. Als die Bobs schließlich in die Container nach Korea verschifft wurden, lag die FES gegen Wallner leicht in Führung, denn Friedrich war zum Berliner Hersteller zurückgekehrt.

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