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Olympische Sommerspiele in Tokio:Einbruch in die Trutzburg des Dienstältesten

Yoshiro Mori, FEBRUARY 9, 2019 : Tokyo 2020 Olympic Games, Olympische Spiele, Olympia, OS Organizing Committee holds On

Rücktritt nach Fehltritt: Yoshiro Mori, der bisherige Cheforganisator der Olympischen Spiele in Tokio.

(Foto: Kenjiro Matsuo/Aflosport/Imago)

Nach einem frauenfeindlichen Fauxpas tritt Yoshiro Mori, der Olympia-Cheforganisator von Tokio, zurück. Es könnte der Anfang vom Ende der Sommerspiele sein.

Von Thomas Hahn, Tokio

Am Freitag tat Yoshiro Mori, 83, genau das, was tags zuvor angekündigt worden war. Er trat zurück als Präsident des Organisationskomitees für die Olympischen und Paralympischen Spiele in Tokio (Tocog), nachdem er vergangene Woche mit sexistischen Bemerkungen im In- und Ausland einen anhaltenden Sturm der Entrüstung ausgelöst hatte. In einer Tocog-Sondersitzung sagte er: "Was wichtig ist, ist im Juli die Olympischen Spiele abzuhalten, deshalb darf ich den Vorbereitungen nicht im Weg stehen."

Es war auch nicht sehr überraschend, dass er seine umstrittene Äußerung verteidigte. Er habe Frauen nicht herabwürdigen wollen, als er in einer Online-Sitzung des Japanischen Olympischen Komitees zu bedenken gab, eine Vorstandssitzung mit mehr Frauen würde sich "in die Länge ziehen". Das sei eine "Frage der Interpretation", die Medien hätten die Entrüstung angefacht.

Ansonsten aber verlief der Tag anders als gedacht. Denn Saburo Kawabuchi, 84, einst Präsident des japanischen Fußballverbandes, lehnte ab, Moris Nachfolger werden zu wollen, nachdem er tags zuvor noch erklärt hatte, er wolle im Falle seiner Wahl sein "Bestes geben, um die Erwartungen von Herrn Mori zu erfüllen". Kawabuchi ist im Tocog der Bürgermeister des Olympischen Dorfs, er war Moris Wahl. Aber der japanischen Regierung fiel dann wohl selbst auf, dass es nach erbitterten Sexismus-Vorwürfen keinen glaubwürdigen Eindruck macht, wenn dem einen Altvorderen der Tocog-Führungsmannschaft gleich der nächste folgt. Laut Nippon Television soll Premierminister Yoshihide Suga intern gesagt haben: "Wenn der neue Präsident durch seinen Vorgänger bestimmt wird, wird das Komitee zu einer Organisation, die sich weit vom Volk entfernt."

Moris Rücktritt ist ein Einschnitt für die Tokioter Spiele-Organisatoren. Er könnte die Rettung sein für das schwierige Unternehmen, in diesem Sommer trotz Pandemie Olympische und Paralympische Spiele in der japanischen Hauptstadt stattfinden zu lassen. Denn seit Moris sexistischen Äußerungen am 2. Februar standen die ohnehin schon umstrittenen Spiele im Sturm einer weltweiten moralischen Entrüstung. Auch das Internationale Olympische Komitee (IOC) in Lausanne hatte erst gedacht, dass Moris abgelesene öffentliche Entschuldigung am Tag nach dem frauenfeindlichen Fauxpas den Fall abschließen würde. Aber dann sprangen freiwillige Helferinnen und Helfer der Spiele ab. Eine internationale Online-Petition sammelte immer mehr Unterschriften. Die Metropolregierung von Tokio meldete über tausend Beschwerden. Japans Medien hörten nicht mehr auf zu berichten. Am Dienstag legte das IOC deshalb noch einmal ein Statement vor, in dem es Moris Äußerungen als "absolut unangemessen" bezeichnete. Asahi Shimbun berichtet, tags zuvor habe der Australier John Coates, Chef-Kooredinator der Tokio-Spiele im IOC, in einer Videokonferenz mit Mori sehr deutlich gemacht, dass auch Sponsoren sauer seien. Nach dem Rücktritt sollen sich jetzt wieder alle Beteiligten auf die schwierigen letzten Vorbereitungen konzentrieren können.

Der Rücktritt könnte aber auch das Anfang vom Ende der pandemischen Spiele sein. Leute wie Mori haben in Japan eine natürliche Autorität. Mori ist ein Senpai, ein Dienstälterer, zu dem man nach dem nationalen Hierarchie-Verständnis in treuer Ergebenheit aufschaut, deshalb ist er auch so angesehen in der rechtskonservativen Regierungspartei LDP. In dieser ist er einst bis zum Premierminister aufgestiegen. Dass er als solcher höchst unbeliebt war und mit seinem Benehmen die Öffentlichkeit immer wieder empörte, hat seinem Ansehen dort nicht nachhaltig geschadet. Dass er Japan mal als "göttliche Nation" bezeichnete, dürfte ihm in den nationalistischen Wählerkreisen der LDP sogar Applaus und Verehrung eingebracht haben.

Wie wichtig der Machtklüngel der Regierungspartei Mori nimmt, wurde besonders deutlich, als der greise LDP-Generalsekretär Toshihiro Nikai erklärte, es sei "kein Problem", dass so viele Volunteers wegen des Mori-Sexismus abgesprungen seien. "Wenn sich die Lage beruhigt hat, werden sie ihre Meinung ändern", sagte Nikai, "wenn sie trotzdem wegbleiben, werden halt neue Volunteers angeworben." Premierminister Yoshihide Suga distanzierte sich zwar von Moris Aussagen, aber sagte sonst wenig. Die Nachrichtenagentur Kyodo zitierte einen anonymen Regierungsinsider, der sagte: "Wenn er (Mori) zurücktritt, gibt es kein Olympia. Wir müssen ihn halten, koste es, was es wolle."

Der Druck gegen Mori wurde zu groß

Aber Japans Politik-Elite spürt dieser Tage schmerzhaft, dass sich die Welt nicht nach den japanischen Gepflogenheiten richtet. Von einem Ober-Japaner aus dem Macho-Establishment wollen sich gerade die, die von Olympia profitieren wollen, das Image der Spiele nicht auf rechts drehen lassen. Gleichstellung ist ein Menschenrecht. Die Achtung der Menschenrechte ist das Mindeste, was die freiheitliche Gesellschaft vom Milliardengeschäft Olympia erwartet. Internationale Botschaften in Tokio demonstrierten gegen Moris Aussagen. In der japanischen Nationalversammlung trugen die Parlamentarierinnen Weiß als Zeichen des Protests. Mori muss überrascht gewesen sein, als Coates mitteilte, auch die Wirtschaft sei nicht amüsiert. Bald darauf sagte auch noch Akio Toyoda, Präsident des japanischen Weltkonzerns und Spiele-Sponsors, er sei von Mori "enttäuscht". Diesen Druck konnte auch Japans mächtige Trutzburg der Ewiggestrigen nicht aushalten.

Den freiwilligen Rücktritt konnte Yoshiro Mori wenigstens als Dienst an der Sache verkaufen. Aber nachdem Saburo Kawabuchi über Nacht plötzlich doch nicht mehr Tocog-Präsident anstelle der Tocog-Präsidenten sein will, wirkt Mori jetzt wirklich wie der Verlierer eines aufreibenden Kampfes. Und die Spieleplaner quält jetzt die Nachfolgeregelung. Tocog-Geschäftsführer Toshiro Muto sagte, ein Personalfindungs-Panel unter dem Vorsitz von Fujio Mitarai, dem Vorsitzenden der Firma Canon, werde eingesetzt. "So schnell wie möglich" solle der Präsidentenposten besetzt werden. Als aussichtsreiche Kandidatin gilt Seiko Hashimoto, 56, einst Olympia-Teilnehmerin im Eisschnelllauf und Bahnradfahren. Sie ist derzeit Olympia-Ministerin, vertraut mit der Spiele-Organisation. Und sie ist eine Frau. Eine von zweien im japanischen Regierungskabinett.

© SZ/hoe
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