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Olympia in Tokio:Gegen die eigenen Experten

Coronavirus - Japan - Olympische Spiele

Zu Gast bei Skeptikern: Japans Bürgerinnen und Bürger bisher in jeder bekannten Umfrage mehrheitlich gegen die Spiele in diesem Sommer gestimmt.

(Foto: Eugene Hoshiko/dpa)

Der Streit um die Olympischen Spiele wird heftiger, je näher der geplante Tag der Eröffnungsfeier rückt. Japans Regierung ignoriert sogar die Meinungen der eigenen Berater.

Von Thomas Hahn, Tokio

Shigeru Omi wird sich eines Tages nicht vorwerfen lassen müssen, er hätte nicht alles getan gegen das Vorhaben, mitten in der Pandemie Olympische Spiele in Tokio abzuhalten. Omi, 71, sitzt dem Coronavirus-Subkomitee der japanischen Regierung vor. Seine Aufgabe ist es, die Politik-Elite aus fachlicher Sicht in allen pandemischen Fragen zu beraten. Aber wenn es um die Spiele geht, folgt die Regierung seinem Experten-Gremium nicht. Omi ist ein international bewährter Epidemie-Bekämpfer, für ihn muss es schwer zu ertragen sein, dass lauter medizinferne Profipolitiker Risiken eingehen, von denen sie nichts verstehen. Deshalb hat Omi angekündigt, ungefragt Empfehlungen geben zu wollen, bevor die Regierung später im Juni entscheiden will, ob zumindest einheimische Zuschauer zu Olympia kommen können.

"Obwohl die Regierung nicht darum gebeten hat, ist es unsere Verantwortung als Fachleute, unsere Gedanken auszudrücken", sagte Omi unlängst im Gesundheitsausschuss des Parlaments. Die Ansage wirkte wie ein Affront gegen die Macht.

Der Streit um die verschobenen Olympischen Spiele wird immer heftiger, je näher der 23. Juli, der geplante Tag der Eröffnungsfeier, rückt. Es wird deutlich: Japans Regierung zieht die Spiele nicht nur gegen den Willen vieler Bürgerinnen und Bürger durch, die bisher in jeder bekannten Umfrage mehrheitlich gegen die Spiele in diesem Sommer gestimmt haben. Sie missachten nicht nur die Mahnungen außenstehender nationaler und internationaler Medizin-Experten. Sie gehen auch über ihre eigenen Berater hinweg. Deshalb geht Shigeru Omi in die Offensive. Schon am Mittwoch hatte er im Gesundheitsausschuss gesagt: Olympia abzuhalten, sei "nicht normal unter den aktuellen Bedingungen".

Aber das Kabinett des rechtskonservativen Premierministers Yoshihide Suga bleibt unbeeindruckt. Man höre gerne unabhängige Expertenmeinungen, aber entscheide selbst, was man davon verwende, gab Gesundheitsminister Norihisa Tamura, ein studierter Jurist, zu verstehen. Olympiaministerin Tamayo Marukawa, eine frühere Fernsehansagerin, sagte: "Wir haben bis jetzt an die Kraft des Sports geglaubt. Ich habe das Gefühl, dass es schwierig ist, die Worte aus einer völlig anderen Perspektive zu verstehen."

Premierminister Suga nennt Olympia "das größte Friedensfestival der Welt", also soll es stattfinden

Die Botschaft war deutlich: Für Olympia sind Gesundheitsexperten nicht zuständig, an den Spielen wird nicht gerüttelt. Und zwar aus humanitären Gründen. Das wiederum schrieb Premierminister Suga in einer schriftlichen Antwort an eine Zeitung, deren Frage bei einer Pressekonferenz nicht berücksichtigt worden war. Suga nannte Olympia "das größte Friedensfestival der Welt", es fördere "internationale Völkerverständigung und Freundschaft". Also: "Wir glauben, dass wir der Welt Hoffnung und Mut geben können, indem wir eine sichere Veranstaltung realisieren." Die Fernsehverträge des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) erwähnte Suga nicht.

Was richtet Olympia an? Nicht nur Pandemiebekämpfer, auch Umweltaktivisten kritisieren die Haltung von Japans Premierminister Suga in Sachen Olympia.

(Foto: Jung Yeon-Je/AFP)

Ob man das wirklich noch Völkerverständigung nennen kann, was bei diesen Spielen abläuft, finden andere fraglich. Zuschauer und die meisten freiwilligen Helfer aus dem Ausland dürfen nicht kommen. Athletinnen und Athleten dürfen nur begrenzte Zeit im Olympischen Dorf bleiben. Viele vorolympische Trainingslager mit Begegnungsmöglichkeiten zwischen Gästen und Einheimischen wurden aus Virus-Angst abgesagt. "Diese Spiele haben ihre Bedeutung schon verloren", schreibt Kaori Yamaguchi, Olympia-Dritte im Judo von 1988 und Mitglied des Japanischen Olympischen Komitees in einem Gastbeitrag für die Nachrichtenagentur Kyodo. "Das IOC scheint zu denken, dass die öffentliche Meinung in Japan nicht wichtig ist."

Die Financial Times berichtet, dass auch Sponsoren frustriert seien und dem Organisationskomitee Tocog intern eine weitere Verschiebung vorgeschlagen hätten, um mehr Zuschauer zulassen zu können und den Werbewert zu erhöhen. "Ich glaube nicht, dass der Vorschlag die Organisatoren stark beeinflussen wird", wird ein leitender Sponsoren-Vertreter zitiert. Im 15,4-Milliarden-Dollar-Budget der verschobenen Tokio-Spiele steckt die Rekord-Sponsorensumme von rund 3,5 Milliarden US-Dollar. Aber das IOC finanziert sich vor allem aus Fernsehverträgen, und das Fernsehen braucht Zuschauer im Stadion nicht unbedingt. Tocog dementiert den FT-Bericht: Es habe keinen solchen Vorschlag gegeben.

Die Infektionszahlen sind gesunken, aber Japans Gesundheitssystem ist weiterhin überlastet

An allen Ecken scheint Widerstand gegen Olympia in Tokio aufzuflammen. So runtergefahren und abgeschottet sind die Spiele eben doch nicht, als dass sie die Pandemie nicht neu anfachen könnten. Die Infektionszahlen in Tokio sind zwar im aktuellen Corona-Notstand gesunken, aber Japans anfälliges Gesundheitssystem ist weiterhin überlastet. Das Impfprogramm nimmt Fahrt auf, trotzdem sind erst etwas mehr als drei Prozent der 126 Millionen Menschen in Japan vollständig geimpft. "Impfungen im jetzigen Tempo helfen nicht, Infektionen während Olympia vorzubeugen", sagte Haruo Ozaki, der Vorsitzende der Tokyo Medical Association, jüngst der Nachrichtenagentur AP und warnte wie andere vor ihm: "Olympia kann die globale Verbreitung verschiedener Mutanten des Virus auslösen."

Genau deshalb kämpft Shigeru Omi jetzt mit Worten und Wissen gegen die olympische Unvernunft der japanischen Machtpolitiker.

© SZ/ebc/jkn
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