Süddeutsche Zeitung

Olympia-Episoden:Berührt und bereichert

Ein weises Wunderkind, geheimnisvolle Dialoge im Pressezentrum, ein langer Weg zum Olymp - und überraschende Begegnungen in Tokio: Die Olympia-Momente der SZ-Reporter.

Von Saskia Aleythe, Claudio Catuogno, Holger Gertz, Thomas Hahn, Volker Kreisl und Gabriele Pochhamer, Tokio

No Fuji? Fuji!

Erster Olympiatag, Straßenradrennen der Männer, die Strecke führt vom Musashinonomori Park zum Fuji International Speedway. Die Anreise aus Tokio ist schwierig, der Pressebus ausgebucht, Zugfahren in den ersten 14 Tagen verboten. Die einzige Chance: zwei Stunden mit dem Taxi. Aber hey: Es ist Straßenrad. Und es ist der Fuji!

Von München aus sieht man an schönen Tagen die Zugspitze, man fühlt sich den Bergen dann auf berührende Weise nahe. Von Tokio aus kann man an schönen Tagen angeblich den Fuji sehen, Japans ikonografischen Vulkan. Aber, kurzer Blick in den Olympia-Plan: acht Mal zum Schwimmen, vier Mal zum Handball, zwei Mal zum Tischtennis, zwei Mal zum Wasserspringen, ein Mal zum Bahnrad. Keine klassischen Fernsicht-Sportarten. Entsprechende Vorfreude also bei der Ankunft in Oyama, wolkenverhangener Himmel, und gleich die Frage an einen der Wachmänner: "Sorry! Where is the Fuji?" Er deutet in die grauen Wolken. "No Fuji."

So ein Radrennen dauert mehr als sechs Stunden, man verfolgt es im Pressezentrum auf großen Bildschirmen, aber sagen wir mal so: Man muss nicht die ganzen sechs Stunden hingucken. Die Radler sind gerade über den Kagosaka-Pass, noch keine Vorentscheidung gefallen, also noch mal rüber ans andere Ende des Rennbahn-Geländes. Im Osten hat der Himmel aufgerissen, die Sonne knallt. Der Fuji, sagt der Wachmann, ist im Westen. Die Radler strampeln dem Mikuni-Pass entgegen, no Fuji, ein paar Ausreißer versuchen, ihre Chance zu nutzen, no Fuji, aber apropos Chance nutzen: kurz vor der Zielankunft noch ein allerletzter Versuch.

Der Wachmann winkt schon aus der Ferne und zeigt Richtung Westen. "Fuji!" Fuji? Tatsächlich: Wie durch Transparentpapier steigt eine Bergkante in den Himmel, darunter ist Wolke, darüber ist Wolke, der Fuji ist nur ein Strich, der Rest ist der Fantasie überlassen. Trotzdem immer besser, die Dinge mit eigenen Augen zu sehen. Claudio Catuogno

Der König und der Regenschirm

Ein Boot hätte geholfen, aber Sebastian Brendel hatte gerade keins dabei. Erstaunlich für einen Kanuten, aber gut: Sein Gefährt war schon verstaut, als er nach seinem letzten Rennen in Tokio vor eine Handvoll Journalisten trat. Samstagvormittag, vorletzter Tag der Olympischen Spiele, wer unter den Reportern noch nicht die Körperspannung einer Udon Nudel hatte, nutzte die verbliebene Energie für Abstecher in die Mixed Zone. Brendel, Beiname Kanu-König, war gepaddelt. Okay, nur das B-Finale über seine Paradestrecke, die 1000 Meter im Canadier, den Medaillenkampf hatte der dreimalige Olympiasieger verpasst. B-Finale, da gibt es am Ende nichts zu gewinnen außer Plätze zwischen neun und 16. Aber: Wenn der Kanu-König da ist, muss man mit ihm reden, Stimmen hamstern für den Rest Tages - wer weiß, was passiert? Kritisiert er die Verbandsspitze für das eifrige Medaillenziel? Schimpft er über dicke Fische im Wasser? Tritt er zurück?

Kaum war Brendel unter dem Standschirm für die Athleten angekommen, ergoss sich ein Platzregen über die Reportertraube. Hatte man nicht 13 Tage lang über die brutzelnde Sonne gestöhnt? Überdachung nur für Hochleistungssportler, die Privilegien waren klar. "Braucht ihr einen Schirm?", fragte der 33-Jährige, vor ihm fünf Leute, die sich auch sein Kanu über den Kopf gehalten hätten. Aber gut, keins dabei, und auch die Standschirme waren nicht zum Verrücken gedacht. Also harrte man aus. Die Location hieß nicht umsonst "Sea Forest Waterway". Kanu ist Wassersport. Tiefer konnte man sich nicht reinfühlen, es fehlten nur Paddel. Und: ein Boot.

Das Trommeln auf Brendels Schirm reist nun auf den Aufnahmegeräten als historisches Relikt mit nach Hause (Dateiname: Brendel Regen), zwischendurch plätschert es laut, wenn ein Schwall Wasser auf den Boden platscht. "Im B-Finale wollte ich zeigen, dass ich kämpfe. Auch für meine Kinder und Familie, die zugeguckt haben", hört man ihn sagen. Dass der Moldawier Serghei Tarnovschi nach Dopingsperre wieder antreten durfte und Bronze gewann, "finde ich sehr ärgerlich". Wird man Sie in Paris 2024 noch mal sehen? "Das ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, darüber nachzudenken"- doch! - "Ich versuche, das jetzt noch zu genießen" - na gut - "Auch wenn es jetzt ein bisschen schwerfällt" - uns auch - "So ist der Sport, ich habe alles dafür gegeben" - wir verstehen. Eine gute Heimreise wünscht er noch. Dann hört der Regen auf. Pitschnass trippelt die Truppe zurück zu ihren Computern, eine halbe Stunde später sind die T-Shirts noch klamm - und der deutsche Vierer gewinnt Gold. Also doch keine Brendel-Geschichte. Aber man ist um ein erfrischendes Erlebnis reicher. Saskia Aleythe

Der Wert des Goldes

Wir saßen im Pressezentrum und hatten wieder Wichtiges zu tun. Gold! Das musste beschrieben werden, von den Anfängen an, als die famose Ringerin Aline Rotter-Focken als Vierjährige erstmals in die Halle ging, um überschüssige Energien abzubauen - bis heute, dem Tag, da sie ihre lange Karriere mit der höchsten Weihe, dem Eintritt in den, ja, Götterhimmel des Ringens, das schon die alten Griechen pflegten, beendet hatte. Doch sind auch solche Heldinnengeschichten bei Olympia nur bedingt dramatisch, weil, es ist ja alles nur Spiel, Wette.

Dieser Gedanke begleitet einen ständig, aber jetzt, im Ringer-Pressezentrum, ergriff plötzlich jemand das Wort, mit deutlicher, auch flehender Stimme und einem Unterton, als wolle er für immer reinen Tisch machen: "Okay!", erklärte er, "ich habe dich wohl angestarrt, aber das wollte ich gar nicht!!" Gemeint hatte er eine junge Reporterin, die auf der anderen Seite unserer Tischreihe saß und ihn ungerührt fixierte, aber er ließ sich nicht beirren. Er sprach Amerikanisch: "Alles was ich sagen kann, ist, dass du meiner Meinung nach eine außerordentlich gutaussehende Frau bist und dass mich das fasziniert hat..."

Wir, die direkt daneben über Gold schrieben, dessen Bedeutung plötzlich irgendwie sank, zogen den Kopf ein, starrten in den Laptop und taten so, als dachten wir ans Ringen, was nicht stimmte. Denn der Verzweifelte war nun in Fahrt: "... und manchmal ist es eben nicht leicht, die Form zu wahren, aber ich will das gar nicht klein reden, warum auch? Es ist nicht falsch, Kontakt aufzunehmen, es ist nur falsch, niemals den einen Schritt zu tun, aber was auch falsch ist, sind schlechte Manieren, und deshalb möchte ich sagen, ich wollte dich auf keinen Fall in Verlegenheit bringen oder sogar beleidigen, und wenn ja, dann bitte ich um Entschuldigung!"

Und mit diesen Worten drehte er sich um - und war weg. Raus, durch die Tür, weg. Wir saßen da und grübelten. War das anmaßend? Beleidigend? Aber er hat sich ja entschuldigt. Musste das vor allen Leuten sein? Vielleicht genau das, womöglich war das nur eine Gegenreaktion auf ihre Gegenreaktion! Vielleicht treffen sie sich doch wieder!? In Amerika?

Das ist der Unterschied zwischen einer Goldmedaille und der Wirklichkeit. Bei einer Goldmedaille weiß man, wie es ausgegangen ist, in der Wirklichkeit bleibt man als Zuschauer ratlos zurück.

Obwohl, die Chancen für ihn stehen schlecht. Sie arbeitete einfach weiter, ungerührt. Volker Kreisl

Die Weisheit des Wunderkinds

Nach ihrem Bronze-Gewinn im olympischen Park-Contest der Skateboarderinnen war von Sky Brown nicht viel mehr zu erwarten als diese Unbeschwertheit, die erfrischend, aber auch etwas oberflächlich ist. Klar, die Britin Sky Brown ist ja erst 13, nur wenig älter als Kokona Hiraki aus Japan, die zwölf ist und den Wettbewerb im Ariake Urban Sports Park als Zweite beendet hatte. Sie waren jetzt die jüngsten Olympiamedaillen-Gewinnerinnen in der Geschichte ihrer jeweiligen Länder. Toll. Aber was würden diese Mädchen darüber hinaus schon erzählen können nach der kurzen Zeit, die sie erst auf der Welt sind. Bei der Pressekonferenz kicherten sie. Sky Brown verwendete recht häufig das Wort "happy".

Aber dann kam die Frage nach ihrem Sturz. Sie behielt ihre sonnige Laune, aber antwortete klar: "Ich wusste nicht, ob ich würde skaten können, denn meine Eltern waren so: Skate nicht mehr, mach was anderes." Sie hatte ihnen nicht gehorcht, und nun war sie Olympia-Dritte. Sky Brown sagte mit ihrer Kinderstimme den sehr erwachsenen Satz: "Ich glaube, dass mich der Unfall stärker gemacht hat."

Was für ein Unfall überhaupt? Eilig nachgeschaut in Sky Browns Lebenslauf. Da stand: "Im Mai 2020 erlitt sie eine lebensgefährliche Verletzung, als sie beim Training in einer Vert-Rampe (...) aus viereinhalb Metern Höhe abstürzte." Schädelbruch, Handbruch, Risswunden in Lunge und Magen. Für ihre Eltern, eine Japanerin und einen Briten, muss es ein Schock gewesen sein. Für sie die Mahnung, dass ihr Spaß auf hartem Untergrund stattfindet.

Sky Brown ist ein Wunderkind. Sie surft und skatet, seit sie drei ist. Der Vater hatte im Hinterhof ihres Hauses in Miyazaki für sich und seine Freunde eine Skateboard-Rampe gebaut. Die gefiel dem Töchterchen. Sky wollte auch skaten. Der Vater zeigte ihr was. Tricks, die er ihr nicht zeigte, schaute sie sich im Internet ab, und bald war ihr Talent offensichtlich. Mit acht startete sie bei den Vans US Open. Mit zehn wurde sie Profi. Mit elf stand sie als erste weibliche Person einen Frontside 540 bei den X-Games. Mit nicht mal zwölf wäre fast alles vorbei gewesen.

Sky Brown zeigt ihre Stürze sonst nicht auf Instagram. Bei diesem machte sie eine Ausnahme. Die Leute sollten verstehen, dass sie Helme tragen sollen, denn der Helm hatte ihr Leben gerettet.

Diese sehr junge Olympia-Dritte dort oben auf dem Podium hatte also doch etwas zu erzählen. So sind die Teenager von heute. Nicht zu unterschätzen. Thomas Hahn

Vier Anläufe zum Olymp

Sie hüpft auf dem Podest auf und ab, sie winkt mit allem, was sie hat, mit der Medaille, dem kleinen Sonnenblumenstrauß, sie lacht, sie weint und alles scheint in diesem Moment vergessen zu sein, was ihr das Herz schwer gemacht hat in den letzten fünf Jahren. Ich habe die Vielseitigkeitsreiterin Julia Krajewski schon anders gesehen, ratlos nach dem Versagen in Rio 2016, als ihr Pferd Samourai du Thot einen schlechten Tag erwischt hatte und einfach nicht springen wollte. Hohn und Sport ergoss sich über sie, viele hielten sie für unfähig und ängstlich.

Sie wollte es 2017 wieder gut machen bei der EM in Polen, da half sie Team-Silber zu gewinnen. Bis die Doping-Analyse kam, ihr Pferd wurde positiv auf ein Schmerzmittel getestet. Jetzt warf man ihr Manipulation vor, weg war das Teamsilber. Das Mittel war im Training erlaubt, im Wettkampf verboten. Verzweifelt versuchte Krajewski zu erklären, warum es keine Erklärung gab, gab viel Geld für Analysen und Anwälte aus. Am Ende glaubte ihr die Verbandsjury - aber ein Dopingverdacht ist klebriger als Kaugummi.

2018 hätte sie in Tryon Weltmeisterin werden können, wenn sie nicht an einem Hindernis einen anderen Weg gewählt hätte als besprochen. Betreten versuchte sie das Versagen zu erklären. Wenig später war sie ihr Pferd Chipmunk los, er sollte Michael Jung zum Olympiasieger machen - hätte ja auch fast geklappt.

Dann zog sie einen neuen Joker aus dem Stall: "Mandy" trug sie in Tokio zu Gold. Dreimal ganz unten und dann hinauf zum Olymp. Ein Happy End, das kein Hollywood-Film besser hinkriegt. Gabriele Pochhammer

Willkommenswinken, Abschiedswinken

Letzter Tag von Olympia, Schlussfeier vorbei, zum letzten Mal in einen dieser Medienbusse, zum letzten Mal raus aus dem Nationalstadion. In das man ja, als Reporter, bei den Spielen hineindurfte, während die Bürger von Tokio nicht hineindurften, wegen der Pandemie. Das war die Unwucht dieser Veranstaltung, viel wurde darüber geschrieben: dass ein Fest ohne Beteiligung der Gastgeber nun kein richtiges Fest ist. Sie haben gefehlt, die Japaner in den Arenen, die Interaktion des Publikums mit den Sportlern hat gefehlt. Als Beobachter aus Deutschland, Heimatland von Neid und Eifersüchtelei, war man schon mit entsprechendem Argwohn hergekommen. Wie die Menschen aus Tokio wohl auf die fremden Reporter und Reporterinnen reagieren würden, die dürfen, was auch sie gern dürften, und was jeder Mensch gern will, wenn daheim was los ist: dabei sein.

Und dann war es schon vor der Eröffnungsfeier anders gewesen als erwartet, die Menschen aus Tokio riefen einem beste Wünsche hinterher, während man ins Nationalstadion ging und sie draußen blieben. Und als man 16 Tage später wieder rauskam aus dem Nationalstadion, im Bus mit den anderen verschwitzen Journalistinnen und Fotografen - da standen die Menschen aus Tokio, die die ganze Zeit draußen bleiben mussten, an den Straßenrändern und winkten den Journalisten freundlich zu, zum Lebewohl. Sie lächelten, während sie winkten. Und wenn der Bus an einer Ampel hielt, standen auch welche draußen und winkten und lächelten. Sogar zwei Polizisten winkten. Also fliegt man nach diesen sehr besonderen Olympischen Spielen in Japan ein wenig beschämt zurück nach Hause. Und berührt. Und bereichert. Holger Gertz

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Quelle:
SZ/klef/and
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