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Olympia in Tokio:Absage ist ein mögliches Szenario

People wearing protective face masks, following an outbreak of the coronavirus, are seen at The Japan Olympics museum in Tokyo

Niemals ohne die Maske: Das Tragen des Gesichtsschutzes ist soziale Pflicht an vielen Orten, auch im Olympiamuseum in der Olympiastadt Tokio.

(Foto: Athit Perawongmetha/Reuters)
  • Wegen der Ausbreitung des Coronavirus wird die Absage der Olympischen Spiele in Tokio ein mögliches Szenario.
  • Für den IOC-Doyen Richard Pound - das dienstälteste Mitglied - liegt die Entscheidung nicht mehr in der Hand der Organisation.

Im antiken Olympia läuft alles nach Plan. Dort wird in 14 Tagen die olympische Flamme entzündet, am 19. März wird sie in Athen einer japanischen Delegation übergeben, eine Woche später startet im Sportzentrum J-Village bei Fukushima der Fackellauf für die Sommerspiele, die ja am 24. Juli in Tokio beginnen sollen. Ganz Japan, war der Plan, sollte an diesen 121 Fackellauf-Tagen teilhaben. 98 Prozent der Bevölkerung leben nur eine Auto- oder Zugstunde von der Laufroute entfernt, die all die Sehenswürdigkeiten vom Berg Fuji bis zum Friedenspark in Hiroshima umfasst.

Aber dieses Vorhaben ist jetzt schon stark gefährdet - wegen der Verbreitung des Coronavirus. Toshiro Muto, der Chef des Organisationskomitees in Tokio, sagte am Mittwoch, es werde über eine "Reduzierung" des Fackellaufs nachgedacht. Denn: "Wir werden überlegen, wie wir es durchführen können, ohne das Virus weiter zu verbreiten."

Es gibt ja kaum einen besseren Infektionsherd für aggressive Krankheitserreger als Massenveranstaltungen, wo feiernde Menschen zusammen- und einander näherkommen. Und Japan erwartet zwei Millionen Olympia-Touristen. Deshalb ist das Coronavirus längst das überwölbende Thema der Sportwelt; auch wenn von Tokio bis Lausanne, am Stammsitz des Internationalen Olympischen Komitee (IOC), strikte Gelassenheit simuliert wird.

Es droht die größte Krise seit 20 Jahren

Tatsächlich droht dem IOC nun die größte Krise seit 20 Jahren, nur ist es diesmal keine hausgemachte wie seinerzeit die Korruptionsaffäre von Salt Lake City: Das Virus verbreitet sich rasant, schon auf zwei Kontinenten, und just das Veranstalterland Japan ist am zweitstärksten betroffen. Würden die Spiele nicht Ende Juli, sondern im Mai stattfinden, wäre der Zeitpunkt für eine Entscheidung jetzt gekommen: Absage.

So bleiben aber noch acht, zehn Wochen Hoffnung. Auch das ist ein enges Zeitfenster, immerhin müsste die Epidemie signifikant eingedämmt und möglichst behandelbar sein. Werden diese Kernbedingungen nicht erfüllt, könnte die größte Dauerparty unserer Zeit mit Millionen internationalen Gästen, die sich hernach wieder über den Erdball verstreuen, zur globalen Virus-Zentrifuge werden. Deshalb liegt die Entscheidung über die Tokio-Spiele gar nicht mehr in Händen des IOC - so sieht es auch der Doyen der Bewegung, Richard Pound, 77.

"Ich bin sicher", sagt der Kanadier der SZ, "dass das IOC keine Entscheidung treffen würde, die einer Entscheidung der Weltgesundheitsorganisation WHO und der Regierungen in dieser Sache zuwiderliefe. Fragen der Pandemie sind viel wichtiger als die Durchführung einer bestimmten Sportveranstaltung, selbst einer so großen wie die Olympischen Spiele. Ich bin sicher, dass das IOC die Athleten und andere Menschen nicht unannehmbar hohen Gesundheitsrisiken aussetzen möchte."

Was, wenn die Japaner auf eine Kompensation drängen?

Wie schon öfter, durchbricht der ehemalige Topschwimmer Pound, seit 1978 im IOC, das Schweigen im Olymp, das dort ja typisch für den Umgang mit Krisen ist. Für den Funktionär, der viele Jahre die Marketingkommission geleitet hat, ist auch klar, dass es keine Verschiebung, sondern nur eine Absage geben könne. Zu vieles wäre zu berücksichtigen, vorneweg die Planungen und Kalenderzwänge aller olympischen Sportarten, die ja präzise mit der aktuellen Datumsvorgabe abgestimmt sind. Aber auch, für die Kommerzspiele fast noch wichtiger: die Terminzwänge der TV-Sender und Sponsoren. Erstere hängen selbst fest im fein austarierten Takt der globalen Sportkalender, und zudem in den Planungen ihrer Werbekunden. Letztere wollen das Ringe-Fest dafür nutzen, um Kunden, Partner, Auftraggeber zu unterhalten und neue zu gewinnen, um Produkte vorzustellen und Beziehungen zu entwickeln.

Shorttrack-WM abgesagt

Wegen des Coronavirus und der damit verbundenen Gefahren für Sportler und Zuschauer hat der Eislauf-Weltverband ISU die Shorttrack-Weltmeisterschaften in Südkorea abgesagt. Das Turnier sollte vom 13. bis 15. März stattfinden. Zuvor ordnete das Stadtparlament von Seoul an, die Mokdong-Eishalle zu schließen und alle kommenden Wettbewerbe abzusagen. Aufgrund des engen Terminkalenders sieht es die ISU als schwierig an, die WM zu verschieben oder an einen anderen Ort zu verlegen; ein solches Vorgehen wird aber geprüft, heißt es. Die Ausbreitung des Virus beeinträchtigt auch den Rugby-Sport: Das für 7. März in Dublin angesetzte Six-Nations-Spiel zwischen den Teams von Gastgeber Irland und Italien fällt ebenfalls aus. Als Grund wurden die Sicherheit der Zuschauer angeführt. sid

Deshalb lässt sich Olympia nicht einfach umtopfen. Wiewohl London, Spieleveranstalter 2012, in Gestalt des Bürgermeisterkandidaten Shaun Bailey vorgeprescht ist mit der Offerte, gern als Ersatzkandidat für Tokio einzuspringen - was die dortigen Organisatoren in Rage bringt. Dabei wäre es schlicht Unsinn, das Massenevent nur von einem Ort an einen anderen zu verlegen - um dann halt dort Millionen Menschen aus aller Welt zu versammeln.

Klar, die Gesundheitskrise setzt auch anderen Großevents zu. Vor Olympia findet die Fußball-EM statt, erstmals auf gleich zwölf Länder verteilt. Was die Plage verbreiten könnte, aber auch die Chance böte, das paneuropäische Event auf ein paar wenige Regionen zu konzentrieren.

Für olympische Stadtspiele findet sich hier kein Lösungsansatz. Dafür befördert die Bedrohungslage eine neue Zahl zutage: 900 Millionen Dollar. Soviel hat das IOC in einem Notfallfonds geparkt, es müssten ja trotz des Wegfalls von Milliardeneinkünften die Bewegung und Dutzende Weltfachverbände finanziert werden, die ganz am Tropf der Ringe-Party hängen: Bogenschießen, Judo, Volleyball etc. Daneben stellen sich aber Fragen, die nicht mal der erfahrene IOC-Marketender Pound zu beantworten vermag. Tokio hat schon 26 Milliarden Dollar in die Spiele-Vorbereitung investiert, Tendenz steigend. Was, wenn die Japaner auf eine Kompensation drängen?

"Ich kann mir nicht vorstellen, wie man das IOC für eine Pandemie in Anspruch nehmen könnte", erklärt Pound. "Es ist nicht die Schuld des IOC, dass diese aufgetreten ist." Jedoch könnte der Ausrichtervertrag mit der Gastgeberstadt "durchaus etwas über Annullierung und höhere Gewalt enthalten". Und ist das IOC gegen derlei Katastrophenfälle versichert? Möglich sei eine Versicherung für die TV-Einnahmen, so Pound, "aber ich habe diese Verträge nicht gesehen und weiß nicht, wie die versicherten Risiken definiert wurden".

Die Aufregung wächst hinter den Kulissen. "Derzeit", schob Pound am Mittwoch tapfer nach, "gehen wir davon aus, dass die Spiele wie geplant stattfinden." Das IOC verfolge die neuen Daten von Tag zu Tag, und ein Trend für eine Entscheidung könne sich auch schon "in weniger als drei Monaten abzeichnen". So oder so.

© SZ vom 27.02.2020/sonn
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